... für den, der heimlich lauschet ...*

Das Café liegt schön, am Kanal, erhöht mit Sicht auf vertäute Schiffe und dann und wann einem vorbeifahrenden. Eigentlich auch auf die beiden hochpulsierenden Straßen. Doch der Sinn steht nach Café am Wasser, also sind's Schiffe und Spaziergänger am Kanal. Gegenüber am andern Ufer klotzen dunkle Fassaden einer unansehnlichen Häuserzeile. Mit der Dämmerung, langsam, wächst die Zahl der erleuchteten Fenster.
Iris Gerber Ritter / 20.01.2015
Noch sind's nicht viele. Als säße ich vor einem Adventkalender, im Ungewissen, welches der Törchen als Nächstes geöffnet würde, sehe ich mal da, mal dort, immer überrascht ein Fenster sich erhellen. Noch immer sind's nicht viele, die der hermetischen Fassade durch das Licht Durchlässigkeit verleihen, Bewohntheit, etwas halbwegs von Freundlichkeit. In einem, dort, kann ich jemanden sehen, eine schmale Figur. Schräg mit dem Rücken zum Fenster steht sie. Kann mir nicht sicher sein, ob Frau oder Mann. Die schwarzen, kurzgeschnittenen Haare würden zu einem Mann passen, aber ebenso zu einer Frau. Helles Hemd oder helle Bluse? Sicher bloß hell und langärmlig.
Kein zweites der erhellten Fenster verrät mir etwas vom Leben hinter ihm. Nur dass irgendwer dort sein wird. Wozu sonst das Licht?
Dort aber steht jemand, diese schmale Figur, sie oder er, immer noch, mit dem Rücken schräg zum Fenster, immer noch. Und hält die Arme schulterhoch erhoben, der linke angewinkelt ruhig, der andere in fahrend wellenden Bewegungen. Dazu ein leichtes Vor und Zurück des Oberkörpers.
Armtanzend, luftpinselnd? Spielt dieser Mann dort, ja, so sieht's aus, spielt diese Frau, doch, wie sollte es anders sein, nicht Violine? Jedoch ist ein Instrument, so schräg zum Fenster, nicht zu sehen, und für einen Bogen besteht aus meiner Distanz über den Kanal und die mehrspurige Straße mit den parallelen Gehwegen noch weniger Chance. Doch Violine muss es sein. Nichts sonst würde eine derartige Haltung rechtfertigen. Da steht doch dort drüben jemand - unterm Lampenlicht jetzt, doch nahe beim Fenster fürs Spiel bei Tageslicht - und übt Violine!
Wie seltsam tröstlich, doch worüber? Wie seltsam zuversichtlich, doch worauf? Wie wunderbar wirkt mir diese kleine Szene.
Da höre ich sogar einen leisen Fetzen Melodie, feine Töne und sehr gedämpft. Würde ich sie hören, wenn ich ihre Quelle nicht eben dort sähe? Wie Taube über die Bewegungen der sprechenden Lippen wahrnehmen, scheine ich die Musik zu vernehmen, die weit weg gestrichen wird, geht mir durch den Kopf. Doch muss ich die Parallele gleich wieder verwerfen. Dort drüben ist das Fenster geschlossen und die Schneise zwischen mir und der Häuserzeile zu breit und voll mit frühabendlichem Gebrause, unmöglich für das Überleben einer kleinen Melodie. Und doch.
Schon wird sie an einem Nachbartisch aus der Tasche gezogen, überlaut verhöhnt sie meine Einbildung.
<Hallo?>
Entzaubert sind die gewähnten Anklänge.
<Ja, im Café am Kanal, ja, passt>.
Die schmale Figur dort spielt noch immer, eine Frau, eine Chinesin glaube ich deuten zu können, und ihr Stück wird ein langsam getragenes sein. Das erzählt mir ihr rechter Arm, wie er den mir unsichtbaren Bogen führt. Adagio, vielleicht Lento wird es am Seitenanfang des Notenblattes heißen, was ich, auch wenn der Notenständer mit dem Heft noch in meinem Blickfeld stehen würden, nur ahnen, gänzlich unmöglich sehen könnte. Dann scheint das Stück zu Ende zu sein, denn sie, die wahrscheinliche Chinesin, nimmt den linken Arm herunter, und wie sie sich abdreht, kann ich für kleinste Bruchteile von Zeit tatsächlich die ganze Geige sehen! Dann bewegt sich die Frau aus dem hellen Fenster, verschwindet mitsamt der Geige und ihrer Melodie ins Uneinsehbare.
Nur das Licht bleibt noch dort.



*
Durch alle Töne tönet
Im bunten Erdentraum
Ein leiser Ton gezogen
Für den, der heimlich lauschet.
(F. Schlegel)


Iris Gerber Ritter / 20.01.2015