Getrennte kaiserliche Schlafzimmer

Aus der KULTURPASSage

Ich freute mich sehr, als meine Tochter aus Tirol anrief und mir sagte, dass sie zu Ostern auf Besuch zu mir nach Wien komme. Da wir beide noch nie im Schloss Schönbrunn gewesen sind, gingen wir am Ostersonntag hin. Sie wollte mich einladen, aber ich hatte ja einen Kulturpass und konnte somit gratis hinein.
Im Schloss interessierten uns besonders die Zimmer von Kaiserin Elisabeth (genannt Sisi) und Kaiser Franz Josef. Besonders erstaunt waren wir, dass es in jedem Raum, den wir betraten, einen offenen Kamin gab. Die Kaiserin hatte nicht nur ein wunderschönes Bad, sondern auch einen Fitnessraum, den sie täglich benutzte. Ich hatte zwar schon gehört, dass sie sehr sportlich gewesen sein soll, aber mit so etwas habe ich nicht gerechnet.
Annemarie Stöger / 21.04.2010
Kaiser Franz Josef wiederum lebte fast nur in seinem Büro, von dem aus er seine Staatsgeschäfte führte und Bittsteller und Generäle empfing. In dem Büro stand sogar ein Sofa, auf dem er schlief. Auch seine Mahlzeiten nahm er fast immer auf seinem Schreibtisch ein, obwohl es einen riesigen Speisesaal gab, der aber nur zu festlichen Empfängen benutzt wurde. Wir erfuhren auch, dass das Kaiserpaar nur am Anfang ein gemeinsames Schlafzimmer benutzte. Wir besichtigten natürlich auch dieses und standen mit offenem Mund da, geblendet von so viel Glanz. Das riesige Himmelbett verschlug uns die Sprache, so etwas hatten wir noch nie gesehen. Im Gobelinsaal waren riesige Bilder an den Wänden, die fast nur Jagd- und Schlachtszenen zeigten, die mich einerseits beeindruckten, aber gleichzeitig auch abstießen, da ich sowohl die Jagd als auch den Krieg nicht mag. Irgendwie war ich froh, als wir nach zwei Stunden wieder draußen waren und im wunderschönen Park spazieren gingen. Die prachtvollen Blumenbeete, wo gerade die ersten Blumen blühten, und die Bäume, die ihre ersten grünen Blätter bekamen. Ich atmete tief durch und stellte mir vor, wie das Leben damals gewesen sein musste.

Ich weiß aus Filmen und Büchern, dass die Kaiserin hier sehr unglücklich war und so oft wie möglich auf Reisen ging, um dem Zwang zu entfliehen, den ihre Schwiegermutter auf sie ausübte. Auch der Kaiser war nicht zufrieden, er liebte Sisi zwar abgöttisch, musste sich aber der Staatsräson beugen und vereinsamte dabei.
Als ich am Abend in meinem Bett lag, dachte ich über den großen Unterschied von Arm und Reich nach, den es damals gab. Die Reichen hatten es in jedem Zimmer immer gemütlich warm, und die Armen mussten im tiefsten Winter in ihren Wohnungen frieren und hatten nicht einmal genug zu essen für ihre Kinder. Wenn sie krank waren, kam kein Arzt, um sie zu untersuchen, darum starben viele Kinder und junge Leute.
Und dann dachte ich, dass es heute auch nicht viel anders ist, es gibt schon wieder so viele Arme, die sich keine Heizung leisten können und nicht genug zu essen haben. Trotz dieser Gedanken war der Tag doch wunderschön gewesen, und das Schloss Schönbrunn ist wirklich einen Ausflug wert.
Annemarie Stöger / 21.04.2010