Glückliches Ersticken

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Wir haben eine Bombendrohung. Ihr müsst den Pavillon evakuieren, hallte es aus dem Einsatzhandy. Sie soll in fünfundvierzig Minuten hochgehen. Ali glaubte sich verhört zu haben. In ihm echote das Wort «Bombenalarm» und er dachte an die Zeit am Flughafen, wo unbeaufsichtigte Koffer dem Bodenpersonal eine willkommene Pause lieferten. Er kannte die Prozedur. Bald würden Spürhunde und schwarz gepolsterte Männer mit bruchfesten Schilden auftauchen. Doch hier verhielt sich die Sachlage anders.

Grafik: Karl Berger


Sadri Maziar / 01.02.2016

Es war der dreiundzwanzigste September. Der Herbstbeginn und der Geburtstag seines Vaters fielen zusammen. Die Blumen begannen zu welken und die Bäume rosteten. Die Wolken am Himmel ergrauten schneller und die Lungen der Winde füllten sich mit mehr Luft, die über die Strähnen Fußball spielender Buben und Männer blies. Alle Aufmerksamkeit war auf einen rauchenden Mann gerichtet, der den Ball mit den Füßen akrobatisch auf und ab gabelte. Das Grinsen wollte nicht mehr aus seinem Gesicht weichen. Ein Planet, mit dem er jonglierte, lag vor seinen Füßen. Ein kleines Publikum feuerte den Mann an, dessen kosmische Freude seine Zahnlücken überstrahlte.

Ali rauchte aus. Das Gespräch war beendet. Er stand neben einer riesigen Müllmulde, die mit schwarzen Müllsäcken am Überlaufen war. Zum Teil waren die Säcke aufgerissen und ihr Inhalt quoll hinaus. Windeln, Nahrungsreste, Stofftiere, Kleiderfetzen und Undefinierbares verströmten einen ganz eigenen Geruch. Ali konnte sich an diesen Geruch nicht gewöhnen. Manchmal reckte es ihn. Dann hielt er sich die Hand vor dem Mund und gab vor zu husten. Eine salzig-süße und beißende Pestilenz ergriff vom gesamten Pavillon Besitz, vergleichbar mit hochkonzentriertem Tomatenmark. Er drehte sich eine Zigarette und rauchte sie vor dem Gebäude, wobei der Qualm durch die Nasenlöcher seinen Körper verließ. Die Flüchtlinge vor der Notunterkunft taten es ihm gleich. Ali blickte in die traurigen Gesichter der Menschen, die ihn umgaben und erinnerte sich an einen alten Saufkumpanen, der das zehnte Bier ebenso zügig wie das erste leerte und dabei sagte: So viele Biere habe ich schon geleert! Was wäre das Motto der Notleidenden, wüssten sie von der Drohung? Vielleicht folgendermaßen: So viele Bomben sind über mein Haupt geflogen!

Jedenfalls waren Nudeln und alles was mit Tomatenkonzentrat zu tun hatte von der Speisekarte gestrichen. Und jetzt sollte Ali eine Notunterkunft mit fünfhundert Flüchtlingen räumen. War das Ganze wieder Vorwand und Ausdruck einer ohnmächtigen Regierung? Bisweilen gewann man den Eindruck einem staatlich angeordneten Monopolyspiel anzugehören. Menschenmonopoly!

Die Schutzsuchenden wurden zu unvorhersehbaren Zeiten mit und ohne Ankündigung in großen Reisebussen gebracht, nachdem sie Wochen und Monate umhergeirrt waren. Sie stanken, waren unterernährt, litten an Atemwegserkrankungen und Darminfektionen. Ihre Füße und Genitalien waren von den vielen Märschen wund gelaufen und aufgescheuert. Am schlimmsten war das Leid der Schwangeren, der Kinder und Alten, da sie am Ende ihrer Kräfte waren. Ihr Klagen verfolgte Ali in seinen Träumen. In den Räumlichkeiten des Pavillons standen Feldbetten und Einwegdecken. Die Flüchtlinge blieben ein oder zwei Tage. Helfer gaben Essen in einem zur Küche umfunktionierten Krankenzimmer. In den Gängen und Zimmern wurden Müllsäcke befestigt, die mit Bergen von Schmutzwäsche und anderem Unrat befüllt worden waren. Die sanitären Anlagen waren im Dauerbetrieb und nur verstopfte Siphons und Bewohner, die europäische Hygienestandards fehlinterpretierten, brachten diese kurzfristig zum Schweigen. Die Bevölkerung spendete viel an Bekleidung. Brauchbares und Unbrauchbares lief im Kleiderraum über. Die Krätze breitete sich unter den Gästen, Helfern und Mitarbeitern aus.

Stadt in der Stadt

Sie fingen sich. Nach fünf Stunden stellt der menschliche Körper seine erstaunliche Fähigkeit der Regeneration zur Schau. Aus den Gesichtern wichen allmählich die Geschwister Finsternis und Rastlosigkeit. Und kaum waren sie zur Ruhe gekommen, hatten gegessen und getrunken, rief die Zentrale an und meinte man müsse die Flüchtlinge weiter nach Deutschland und zu anderen Unterkünften schicken. Im Schnitt verweilten die Flüchtlinge zwei Tage am Stück in der Notunterkunft, die abgeschottet von der Außenwelt, eine Stadt in der Stadt bildete. Marode Schienenverbindungen, aus denen Unkraut sprießte und imperial anmutende Terrassen aus Marmor in gebrochenem Schachmuster, in denen Hälse filigraner Säulen sich wie Efeu rankten, zeugten von der einstigen Pracht des Kurortes.

Menschen steckten für unbestimmte Zeit fest

Das Bombenkommando war unterwegs. Gleich würden sich Panzerwägen, Sondereinheiten und Schäferhunde in den riesenhaften Türen und Fenstern der Unterbringung spiegeln. Später würden die Busse kommen. Ali fürchtete die Busse und die Dynamik, die sie erzeugten. Die Flüchtlinge hatten schlechte Erfahrungen mit Transportmitteln gemacht, die sie mit falschen Versprechungen an Orte brachten, die der ursprünglichen Abmachung nicht entsprachen. Und dann standen sie vor einem Grenzzaun und es hieß, der nächste Bus bringt euch zum angestammten Ziel. Und viele Busse kamen. Nur dieser eine letzte Bus erschien für Tage nicht mehr und die Menschen steckten für unbestimmte Zeit fest. Also glaubten die Flüchtlinge keiner weiteren Vertröstung ihrer Lage. Der Überlebensinstinkt setzte schlagartig ein und die Angst übrig zu bleiben gewann Überhand! Es folgten unschöne Szenen. Helfer und Übersetzer, sofern vorhanden, bildeten links und rechts von den Fahrzeugen Ketten der Absperrung, um die Flüchtlinge, sicher in die Busse zu lotsen. Die Reihung wer als Erster und wer als Letzter das Vehikel betreten sollte, richtete sich nach der Bedürftigkeit der Personen. Also bot man gemäß der Tugendhaftigkeit eines Ritters zuerst den Alten, den Waisen, den Frauen und den Kindern Einlass. Doch das Tier Mensch, in seinem unbändigen Willen zu überleben, machte die guten Absichten zunichte. Zu groß war die Sorge den einzigen Bus zu verpassen, wie unlängst vor Stacheldraht und Maschen aus Rasierklingen zu enden. Eine Lawine der Panik setzte sich in Bewegung. Die Beschwichtigungsversuche der Helfer misslangen. «Don`t worry, there will come a next bus», schrie eine Helferin bevor sie sich verdrückte. Kinderwägen, Frauen, Kinder und Alte wurden nieder getrampelt. Bis Polizei und Rettung kamen, war es manchmal schon zu spät. Die Schreie der Verzweifelten nahmen Ali die Luft zum Atmen, ähnlich einer Welle, die jemanden in der Mitte des Luftholens verschluckt.

Kühlen Kopf bewahren

Wie kam es dazu, dass Ali in dieser Festung aus rotem Backstein gelandet war? Das Vorstellungsgespräch in der Zentrale, wo ihn zwei unsichere Mitarbeiter zu seinem Lebenslauf befragt hatten, lag noch nicht lange zurück. Seitdem unternahm Ali im Auftrag jener berüchtigten Hilfsorganisation alles Erdenkliche, um eine Struktur in den Wahnsinn und in die Verzweiflung der Hilfesuchenden zu bringen. Er, der Heimleiter und Flüchtlingskoordinator, ausgestattet mit den Erfahrungen eines Vorgesetzten aus Flughafenzeiten, war es gewöhnt zu führen und zu lenken. Die Ausbildung einer sozialen Kompetenz brauchte Ali nicht vorweisen. Gegenteilig schien sie in dieser besonderen Lage von Nachteil zu sein und der Staatsapparat war mit den Horden Zuflucht Suchender überfordert. Alis größte Gabe war dort einen kühlen Kopf zu bewahren, wo ihn andere verloren. Er war der klassische Macher. Seine operativen Instinkte kürten ihn zum Mann für die Schlacht. Der Feldherr in Ali hatte Raumlegenden, strategische Punkte, Maßnahmen, Richtlinien, Vorgehensweisen und eine klare Aufgabenverteilung für Mitarbeiter und Helfer erstellt. Es war die Aufbruchsstimmung einer düsteren Gegenwart, die ihn reizte, ja in der Männer seines Schlages aufblühten und sich durch Meisterschaft zu Emporkömmlingen musterten.

Er fühlte sich wie eine Laborratte

Im nächsten Augenblick sah er sich mit dem Diensthandy bewaffnet die grauen Etagen der Notunterkunft auf und ab rennen. Die Stockwerke und Zimmer des Hauses waren wie ein Uhrwerk aufgebaut. Ali verschwand im linken Trakt und tauchte wieder im Rechten auf drei Uhr auf. Die vielen hohen Stufen brachten sein Herz zum Flattern.«Wie viele sind noch da?» Die Zentrale rief unablässig auf dem Einsatzhandy an, um den aktuellen Belegungsstand zu erfragen.«Das muss schneller gehen!» In Alis Hinterkopf pochte und tickte eine Bombe zu einem stechenden Pulsieren. Er fühlte sich wie eine Laborrate. Gefangen im Hamsterrad existierte unmittelbar niemand mit dem Leid und Sorgen geteilt werden konnten. Die heutigen Helfer bestanden hauptsächlich aus Greisen, liebe und gemütliche Pensionisten und einem offenkundig bekifften Sanitäter, der seit über einer Stunde mit dem einzigen Schlüssel, der alles auf und zu sperrte, verschwunden war. Ali wurde zum Treppenläufer und er dachte sich: Du steigst die Stufen und weißt nicht, was du tust, weil es niemand weiß!

Vielleicht brauchte es jemanden wie Ali? Einer, der in den Augen vieler Österreicher nie Österreicher war und werden würde, die Seinen kennt, den Sklaven treibt und den Menschen in seinem Innersten verschleppt! Sein Vater hatte Geburtstag, angeblich tickte im Pavillon eine Bombe und das Atmen fiel ihm schwer.


Sadri Maziar / 01.02.2016