Kunstschlange lebte im "Wood Quarter"

Eine Kunstschlange meldet sich zu Wort (1)

Eine Persiflage auf Graz als Kulturhauptstadt im Jahr 2003 war der Ausgangspunkt einer Serie von kurzen Texten einer Steirerin, die nun in Wien lebt. Als Anspielung auf das Kunst- und Gastronomieprojekt Les Vipères im Kunsthaus Graz und auf die so populären Ich-AGs wählte die Autorin das Pseudonym Erste Grazer Kunstschlangen AG AG sind obendrein auch ihre Initialen. Der Augustin veröffentlicht in dieser und in den nächsten Ausgaben bissige Kurzprosa mit der Kunstschlangenfigur S als Protagonistin. Der erste Teil behandelt, was S im Waldviertel mit Männern erleben konnte und musste.
Erste Grazer Kunstschlangen AG / 11.03.2009
Ja, eine wirklich anziehende Landschaft ist das. Die Eingeborenen sind weniger anziehend als abstoßend, was so viel bedeutet: Sie stoßen dich ab, wenn du nicht zu ihresgleichen gehörst. Schillernde Schlangen sind nun mal wirklich nicht in dieser sehr erdigen Gegend heimisch. Tragisch dabei: Schlange fühlte sich sehr wohl auf den Wiesen und Feldern und glänzte mit den gemäldereifen Farben um die Wette. Nun, alles was braun ist, steht dem Waldviertler näher, das sind vor allem Kartoffel und Holz, am ersten schneefreien Tag wird bereits fürs nächste Jahr gesammelt, ganz schön ambitioniert, findet ihr nicht?

Frauen sind dem Waldviertler eher suspekt (obwohl er von diesen Lebewesen eigentlich abstammt, aber das verdrängt er), warum weiß mann/ich eigentlich nicht, vielleicht stören Frauen das gemächliche Verhältnis der Männer zur Natur, deren einzige Daseinsberechtigung es ist, ausgebeutet zu werden.
So kommt es auch, dass S in diversen Gaststätten als exotisches Reptil der anderen Sorte angestarrt wurde, das man selbstverständlich sehr gerne vernascht hätte, denn so was kommt ja nicht alle Tage vorbei (Frau kann das Lechzen direkt spüren und ist oft sehr verwundert, dass einem wildfremde Wesen auf die Pelle rücken).

S nicht verdrossen setzte sich in ihr klappriges Auto und fuhr in der Gegend herum, was hätte sie sonst tun sollen. Hie und da wurde sie an unvermuteten Orten zufällig gesichtet, was gleich im ganzen Land die Kunde/Runde machte. (Da haltns aber zsam die Waldviertler! Und neugierig sans sowieso gar net ...)

Sie hatte sich nämlich wie in dieser Einschicht nicht anders zu erwarten, aber trotzdem erstaunlich verliebt, und zwar nicht in irgendwen, sondern in eine ländliche Respektsperson, den Fahrdienstleiter bzw. Bahnhofsvorstand des Dorfes (meistens der SPÖ zugehörig aus Pflicht inmitten einer schwarzen Rasselbande).

Oh je, von nun an gings bergab in dieser hügeligen Gegend wie in den Geschichten aus dem Wienerwald. Dass S heute noch lebt, hat sie vielen Gebeten wohlmeinender Leute im Nachhinein zu verdanken wirklich, die haben ihr das Leben gerettet.

Ein paar Szenen sind schon beschreibenswert: Wie sie den Geliebten in der mittlerweile stillgelegten Bahnstation besuchte karierte Bettwäsche, Kaffeemaschine, Radio, Holzofen gab es da, es war sehr romantisch und urig obendrein; oder einmal waren sie in der Dienstpause im regionalen Kaffeehaus und aßen, was sonst, Heiße Liebe zu zweit mit heißen Himbeeren, weils halt so gut schmeckt. Größer hätte der Schock für die anwesenden Gäste nicht sein können, das gesamte Gastzimmer verfiel in eine Genickstarre.

Überhaupt fragte sich die Bevölkerung stündlich und minütlich, was Kunstschlange denn da mache. Wie könne es nur kommen, dass sich eine herrenlose Schlange aus Wien bis ins Waldviertel verirrte? Das gäbs doch nicht. Sehr wohl, meinte sie lapidar, das sehe man live an ihrem Beispiel, hier seis eben sehr schön zu leben. Wenn da nicht die renitenten Ureinwohner wären, die liebend gerne grausliche Geschichten erfanden, zumeist Orgien oder unmoralische Handlungen Hermann Nitsch wird schon wissen, warum er sein Mysterien-Theater in Prinzendorf im Weinviertel aufführt (siehe auch die Liedzeile von Die Ärzte: Lass die Leute reden. (...) Der Tag wird interessanter, wenn man Märchen erzählt.).

Von Aktivitäten modernerer Art ist die Einwohnerschaft nicht begeistert, es sei denn, sie bringen goldene Münzen; aber die gewohnte Ordnung zu stören, das geht zu weit. Da würde ja geistig alles umgedreht werden, und Männer wären in diesem letzten Reservat des Patriarchats plötzlich nicht mehr die Chefs von Haus und Hof. Na da gäbs nen Bieraufstand, den gibt es eh bei jedem Feuerwehr- und sonstigem Fest.

Genug gejammert, S hat beschlossen, sich mit diesen Kleingeistern nicht mehr abzuplagen und in kulturell vielfältigere Zonen abzuwandern, was aber nicht heißt, dass sie nicht mit großer Sehnsucht an ihre geliebten Steinformationen und Tannennadeln zurückdenken würde.

Schließlich gab es ja bei den Kelten auch PriesterInnen oder so. Das wäre schon ein tolles Berufsziel.
Erste Grazer Kunstschlangen AG / 11.03.2009