Mal schaun

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Mal schaun, ob schon Antworten eingetrudelt sind, auf die Bewerbungen der letzten paar Tage … sie öffnet ihren Emailaccount.

Jedes Mal, während die Maschine lädt, kann sie so etwas wie Hoffnung, oder Glück gehabt, spüren, es fühlt sich an wie ein Licht in der Seele, oder im Gehirn, auf alle Fälle sehr angenehm … drei neue Nachrichten. Das ist aber schnell gegangen.


Grafik: Andi Kleinhansl


stein / 12.03.2017

Liebe Frau S, danke für Ihre Bewerbung, leider sind Sie nicht in die engere Wahl gekommen!

So schnell kann ein angenehmes Gefühl abgelöst werden von einem symbolischen Schlag in die Magengrube.

Macht nichts, nicht sich entmutigen lassen, positiv denken, noch zwei Nachrichten wollen geöffnet werden.

Wir bitten um Verständnis, dass wir Ihnen keinen positiven Bescheid geben können,

& wünschen Ihnen viel Erfolg für Ihren weiteren Berufs- und Lebensweg!

weiter.

Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir uns für jemand anderen entschieden haben, dessen Profil der ausgeschriebenen Position noch besser entspricht.

Ok, die Post wäre erledigt. Wieder nichts. Will Panik ausbrechen, oder pure Verzweiflung, oder einfach Existenzangst. Schwer zu definieren. Wahrscheinlich ein Mix aus allen diesen Komponenten.

Nur schnell weg von diesen Gedanken, die bringen nichts Gutes, man kriegt Angst und fühlt sich so klein und überflüssig.

weiter. weiter.

Es ist Vormittag, der ganze Tag will noch gelebt werden. Sie kocht Tee, will sich beruhigen, ihr Denken in andere Bahnen lenken. Das leise Gemurmel aus dem Radio setzt sich durch und wird von ihr wahrgenommen, die neuesten Nachrichten zum Tag. Ja, warum nicht, denkt sie, man soll schließlich wissen, was in der Welt so vor sich geht.

Die Männerstimme aus dem Äther klingt unbeteiligt und auf alle Fälle professionell, während sie in knappen Sätzen eine Schreckensbotschaft nach der anderen vorliest, bürgerkriegsähnliche Zustände im Osten, Naturkatastrophe im Westen. Nur einen Atemzug weiter Promiklatsch und Societynews.

Genug, sie dreht das Radio ab, ärgert sich, wie konnte es so weit kommen, dass derartige Berichterstattung zugemutet wird. Sie dreht sich hastig eine Zigarette und spürt gleich, wie der erste Rauch ihr Denken verlangsamt.

Klare Gedanken bewahren. Einerseits ist sie gerade damit beschäftigt eine neue Arbeitsstelle zu finden, um die Miete zu sichern, und das Überleben auch. Darüber hinaus ist sie winziger Teil der großen Gemeinschaft die jeden Tag handelt, entscheidet, gestaltet.

Ein Teil der großen Gemeinschaft, nämlich der große Konzern, in dem sie etliche Jahre gearbeitet hatte, hatte gehandelt und entschieden. Ihre Arbeitsstelle und die ihrer langjährigen Arbeitskollegen wurden gestrichen, Erträge würden durch neue Technologien günstiger erwirtschaftet werden, rentabler Verkauf der Immobilie, die Aktionäre des Konzerns werden sich gefreut haben. Aber was hatte sie davon? Warum werden solche Gesetzmäßigkeiten von der Allgemeinheit, der sie angehörte, einfach so hingenommen, vor allem in einer Zeit, in der die Allgemeinheit schon am Limit geht, aber nach wie vor den Mehrwert schafft, das fragte sie sich andauernd.

Der Tag will noch immer gelebt werden

Sie sitzt noch immer da, die Absagen am Bildschirm vor ihr, der Tag will noch immer gelebt werden, Unzufriedenheit breitet sich aus, will sie doch nur Teil dieser funkionierenden Gemeinschaft sein, um diesem Gefühl der Nutzlosigkeit zu entkommen … irrationale und pure Verzweiflung.

Über eine längere Zeitspanne gesehen kann sich das einfach alles nicht ausgehen. Wie viele Möbel, Fernseher, Klamotten, Autos und Unzähliges mehr können wir anschaffen, um den Quartalsberechnungen der Großen gerecht zu werden. Und wohin mit all dem Zeug, wenn es nach ein paar Jahren sowieso Schrott ist. IT-Teile nach Indien, wo sich Erwachsene und auch Kinder zu Tode schuften, um das Ganze wieder auseinanderzusortieren, die Klamotten gehen nach Afrika, die Leute sind ja so arm dort, im gleichen Moment werden billiges Gemüse und Fleisch dorthin exportiert und ruinieren die dortigen Märkte. Von den Waffen ganz zu schweigen. Irgendwo muss es ja hin, das Zeug, das wir hier so erfolgreich produzieren. Wie kann es sein, dass wir, als Kollektiv nicht mehr spüren können, welche Auswirkungen die in unserem Namen getroffenen Entscheidungen auf alle rund um uns herum haben.


stopp. stopp.

Wohin führt das schon wieder? Kannst du dir das alles bitte nicht so zu Herzen nehmen, mahnt sie sich verärgert. Warum fühlt es sich nicht so an, als wäre alles egal, was um sie herum passiert?

Die anderen schaffen das doch auch. Vielleicht haben die ja ein Geheimnis, hinter das sie noch nicht gekommen ist. Aber was könnte das sein?


stein / 12.03.2017