Meine Freundin Rahmah und die Diktatur

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Verabschiedet hatten wir uns nicht bewusst, wir waren mit einem wichtigen Übergang in unserem Leben konfrontiert und der Frage, wie es weitergeht. So endete die Schule mit der Matura oder dem wesentlich anspruchsvolleren International Baccalaureate, wir hielten strahlend unser Abschlussdiplom in Händen und flogen in die Welt hinaus. Manche aufs College in die USA, manche zurück mit ihrer Familie in die Heimatländer in Afrika, Asien, Iran, Irak, Israel. Es war eine internationale Schule. Irgendwie hatten Rahmah und ich uns aber aus den Augen verloren, und ich bereue es heute, weil ich mich an diesen wichtigen Moment nicht mehr erinnere.

Grafik: Hella Osten


Hella Osten / 24.06.2015

Rahmah und ich, wir mochten uns, unsere Herzen haben für einander gepocht, wir saßen so oft in meinem Zuhause, in meinem Jugendzimmer, hörten Musik aus orangefarbenen Kassettenrekordern, Bowie und Stones, und sprachen über die Schule, die Jungs und über die Politik, vor allem die Politik in dem Land, aus dem Rahmah kommt, ein Land weit weg und heiß, sehr heiß. Rahmah bedeutet Gnade. Ich wollte jetzt hier meiner Freundin diesen wunderschönen Namen geben, damit sowohl sie ihre Identität friedlich bewahren kann als auch die ihrer Familie.

Nach 35 Jahren skypten wir via PCs und sprachen uns das erste Mal wieder. Sie verschwieg mir ihren Aufenthaltsort, aber ich freute mich so, ihre vertraute raue und sanfte Stimme zu hören, in dem von mir geliebten arabischen Idiom. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, die Kamera war ausgeschaltet, ich nehme an, aus Sicherheitsgründen, wir sprachen es nicht offen aus. Eineinhalb Stunden lang erzählte sie mir die letzten zehn Jahre. Ich war dermaßen betroffen und schockiert. Ich hielt mich für politisch aufgeklärt, zumindest informiert, aber das meiste, was ich zu hören bekam, wusste ich nicht, nicht in dieser Dramatik, nicht in dieser Grausamkeit, nicht in dieser Barbarei, nicht in dieser fanatisch letzten Konsequenz: eine ganze Familie zu ermorden, die Ausrottung der Sippe und die totale Auslöschung der Menschenrechte.

Je suis Ramah

Eines Nachts drangen mehrere Männer in das Haus ein und ermordeten ein Familienmitglied, das sich als politische Aktivistin engagiert hatte. Alle großen internationalen Zeitungen berichteten darüber. Mittlerweile sind auch alle Zeugen tot. So organisiert sich ein Teil der religiös-fundamentalistischen Gesellschaft, die andere Meinungen nicht zu reflektieren gelernt hat, die kein Bewusstsein dafür hat, dass andere Meinungen ein lebenswichtiger Grundpfeiler für sie selber sein könnte, für eine gerechte Gesellschaft, für eine gleichwertige Gesellschaft, vor allem zwischen Männern und Frauen, für Frieden. Der nötige und fehlende Wille zu einer laizistischen Kultur spielt hier wohl die oberste Rolle, möglicherweise auch zu einem guten Stück der Kolonialismus sowie der Waffenhandel. Hätten die europäischen Besatzer damals in diesen Ländern auf Bildung, Ausbau von Schulen für alle, auf Reformen an der Basis gesetzt und nicht auf Ausbeutung von Menschen und Bodenschätzen und anderer Schätze, die bei uns in den Museen stehen, wäre die arabische Welt vielleicht in der Lage, ihre diametral entgegengesetzten Kräfte zu nützen und in Schach zu halten. Wer weiß. So aber ist nur eine Seite stark. Das kennen wir aus Österreich auch. Barbarei aus Überzeugung. Aber demokratische Kräfte haben uns wieder in die Mitte gerückt, vom politisch-grausamen Abseits wieder zum Miteinander hin zur Demokratie. Und wir alle hoffen, dass es so bleibt. In der arabischen Welt sind blutige Volksaufstände und eine Spaltung der Gesellschaft an der Tagesordnung.

Ich bin in der Nacht geflohen, meine Liebe, erzählt Rahmah in schnellem Englisch. Ein paar Leute kamen zu uns, um uns zu warnen, ich hatte keine Zeit mehr, irgendetwas mitzunehmen. Ich lebe jetzt weit weg, habe alles verloren. Ich hatte eine hohen Posten, aber ich ließ von heute auf morgen alles hinter mir, alles, ich habe nichts mehr, meine Familie floh ebenso aus dem Land, das unsere Heimat ist, das wir lieben, natürlich lieben wir es! Darum wollten wir für Freiheit und Gleichberechtigung kämpfen. Sie wollten mir ein Kopftuch vorschreiben. Natürlich habe ich es nicht getragen. Da habe ich allerdings mit meinem Leben gespielt und die Konsequenz war, dass ich fliehen musste, um zu überleben. Sie wollen keine Frauen, die stark sind und sich politisch engagieren. In ihren Augen ist eine Frau weniger wert als ein Tier und sie wird so behandelt. Frauen sind in vielen arabischen Gesellschaften bis heute entrechtete Personen, kaum mehr wert als Gebrauchsgegenstände. Meinen Respekt für alle, die für Frauenrechte in diesen Gesellschaften kämpfen, denn sie bezahlen allzu oft mit ihrem Leben dafür, dass ihre Gesellschaften endlich in der Moderne ankommen. Das ist das archaische patriarchale Prinzip: Islamistische Extremisten und Muslimbrüder haben das Sagen, sie sind gewalttätig, bereit für jede Art von Grauen, Unterdrückung, Folter und Exekutionen Gefangengenommener. Rahmah spricht sehr aufgeregt.

Je suis Ramah

Ich erzähle diese höchst politische Geschichte über meine Freundin Rahmah, und mir kommen die Tränen. Rahmah, frage ich sie, brauchst du Geld? Aber nein, sie lacht, ich habe mein Geld auf ausländische Konten gelegt, sonst hätte ich gar nichts mehr, erzählt Rahmah guter Laune, trotz allem. Rahmah, einst meine Königin in der Schule, meine teuerste, beste und liebste arabische Freundin, أنا أحبك, du sitzt nun fest in einem Land ohne Job. Sie haben euch alles genommen, sogar das Leben. Ja, antwortet Rahmah, sie haben mir alles genommen, alles, aber ich fange hier wieder von vorne an, ich habe Kontakte zu Frauenrechtsbewegungen, es wird weitergehen, ich operiere von hier aus. Was für eine Frau, denke ich mir, was für eine starke Persönlichkeit, die für Gerechtigkeit und Demokratie ihr Leben einsetzt. Politisch denken und handeln waren innerhalb ihrer Familie selbstverständliche Paradigmen.

Je suis Ramah

Der Arabische Frühling schien ein Aufbruch in die Moderne, Hoffnung auf Demokratie und ein hoher Idealismus lag in der Luft, erzählt Rahmah weiter, Liberale Jurist_innen, Akademiker_innen, Aktivist_innen und andere Intellektuelle standen hinter der politischen Wende. Alle sprachen vom Aufbau eines neuen Staates mit Menschenrechten für alle und von der Etablierung eines freien Staates, eines Staates, der seine Ressourcen an Öl und Gas zur Entwicklung und zum Wohl der Bevölkerung einsetzt. Wir Frauenrechtskämpferinnen sahen uns plötzlich mitten in einer Gesellschaft, in der Maschinengewehre und Waffen mehr galten als Frauen und Frieden, wir sprachen öffentlich weiterhin über unangenehme Wahrheiten, obwohl sich die Dinge wieder rückwärts und weitaus gewalttätiger entwickelten, wir hielten an dem Ideal fest, eine bessere, offenere, die Menschenrechte anerkennende Zukunft für alle zu erkämpfen und dass es ein Verrat an allen gebrachten Opfern wäre, an diesem Traum nicht festzuhalten.

Rahmah, sage ich, was hast du durchgemacht, wir besuchten weltoffene internationale Schulen, haben mit sechzehn noch an emanzipatorische Freiheit und Selbstermächtigung geglaubt und sind – jede auf ihre Weise und in ihren politischen Strukturen – eines Besseren belehrt worden. Dennoch bin ich dankbar, hier in Österreich leben zu können, auch wenn hier fundamentalistische Strömungen aller Art wieder spürbar werden. Ich bin dankbar, nie mit dem Tod bedroht worden zu sein, und hoffe auch, dass dem so bleibt. Du hast Kinder, ich habe Kinder. Wir sind die Kinder der Babyboomer, wir kommen jetzt in die Jahre und müssen zusehen, wie unsere freigekämpften Inseln untergehen und wie mit Blut erkämpfte Rechte wieder ausgehöhlt werden. Du und ich, wir treten für dialogische und demokratische Prozesse ein, die uns aus dem Morast führen, und dafür, dass arabische und europäische Interessen nicht nur von Profitdenken im Sinne von Plünderung der Bodenschätze und Aufrüstung gestärkt werden, sondern vorrangig durch neue Prinzipien, die schon vor tausenden von Jahren da waren und zum Teil in Matriarchaten schon gelebt wurden: egalitäre und herrschaftsfreie Gesellschaften. Konsensdemokratie auf verschiedenen Ebenen. Ich persönlich will weder Patriarchat noch Matriarchat, Menschen sollen als Menschen wahrgenommen werden und nicht als Geschlecht. Und letztendlich: Gemeinsames Wohl aller auf partizipatorischen Grundsätzen innerhalb einer gut aufgestellten und stabilen Demokratie. So soll es werden.

*Das Autor_innen-Kollektiv «Hella Osten» beschreibt im feministischen Kontext weibliche Lebensläufe.

Hella Osten / 24.06.2015