Roma Stephansplatz

Sobald ich gehe, denken die Leute, dass ich das immer tue. Das war schon immer so. Das Leben will es aber anders ich kenne einen echten Sandler, und wenn man ihn fragt, wie es ihm geht, antwortet er manchmal: «Es muss gehen, sonst gehe ich »
Karpaten, Kaukasus, Litauen, Moldawien, Ungarn Urgestein, nennt man mich. Oder: Halbgott, das geschah aber auf dem Dachboden einer Studentin, im deutschsprachigen Raum.
Ruud van Weerdenburg / 22.09.2011

Der erste Schritt ist bei mir gleich der letzte und umgekehrt. Wenn man mich auf einen anderen Planeten verfrachten würde, und mich meinem Los überlassen, würde ich auf die gleiche Weise gehen.

 

Die Welt ist schroff. ich bin aber rutschig und behände. Und die Wellen in meinem Haar und Bart sind nicht so verschieden von meiner Gedankenwelt. Es geht um einen vertrauten Rhythmus, und auf diese Weise entdecken die Leute in mir: einen Fortspinnungstypus. Oder ich entdecke etwas Ähnliches in den Elementen, wenn ich allein bin. Ich bin daraufgekommen, dass ich mich immer öfters mit einem Handkuss verabschiede ... Ein Luftwesen werde, dem Orionstern folgend dafür sorgend, dass die Nacht es bis zur Morgendämmerung schafft. Der Blinde auf der Suche nach der Sonne eben: der erste und der letzte Schritt zugleich gelotst, gecoacht, gelockt, gepeitscht

 

Ich sehe immer öfters richtige Tiere in Form eines Schattens davoneilen, als ob sie Angst hätten, auszusterben, bevor der nächste Tag anbricht. Der Schal einer Mutter auf der Straße, mit Kind an der Hand, wird minutenlang zu einem stolzen Hermelin, eine gekrümmte Frau mit Kopftuch auf dem Acker arbeitend wird zu einem Falken; eine fallende Axt zu einem eindeutigen Geier. Wenn die Leute mich gehen sehen, machen sich ihre Dämonen aus dem Staub.

 

Man kann einen Berg nie vollkommen mit seinem Blick umfassen und ein Tal schon gar nicht. Die Städte bedeuten Verstreuung dort können die Menschen ihre Gedankenwege verlieren. Ich besitze Wellen in den Dörfern spielen nur Intrigen eine Rolle deswegen habe ich einst diesen Stock zur Hand genommen, in Molondshik, wo ich herkomme. Ich wollte zwei Familienmitglieder auseinanderhalten, die im Begriff waren, einander zu erschlagen, zufällig meine Mutter und mein Vater. Hunger ist ein Dämon von reinstem Wasser, nichts mehr und nichts weniger ... lch war noch sehr jung. Und die zwei Schlangen wollten nicht anders als den Stock entlang hinaufzukriechen, bis ihre Köpfe oben voneinander getrennt blieben. Seitdem ist das Leben schroff, war es immer schon wahrscheinlich, ich bin aber rutschig und behände geblieben. War ich immer schon, wahrscheinlich.

Zwischen Steinen und Sternen verteile ich mein Leben, indem ich Töpfe aus Eisen schlage, als Schlosser kann ich mich auch durchschlagen. Wenn kein Hammer vorhanden ist, können Steine viel wettmachen. Nach den Sternen richte ich mich für die ultimative Farbe der Töpfe, also mich hat es schon seit der Steinzeit gegeben. Nein, seit der Eisenzeit, obwohl ich immer auch andere Arbeiten in Angriff genommen habe, so wie jetzt: im Bus aus Bukarest direkt nach Wien, Straßenzeitungen für einen Euro fünfundzwanzig einkaufen und für zwei Euro fünfzig an den Mann bringen. Die Überflutung hat ganze Gegenden heimgesucht. Mich hat es unbestritten immer schon gegeben, schon bevor der erste Sonnenaufgang, davon gehen Sie auch aus, mein lieber Stephansturmbesucher aus dem Ausland. Sie haben mir nämlich schon kurz, aber sicher einen bleibenden Platz in ihrer linken Augenecke gegeben. Bei Ihrem Sterben dann, Jahrzehnte später, werde ich Sie hinaufbegleiten, zu Ihrem persönlichen Stern.

Ruud van Weerdenburg / 22.09.2011