Sind wir denn nicht Kinder unserer Zeit?

Ein neues Studienjahr hat soeben begonnen. Der Audimaxismus feiert seinen ersten Geburtstag und die Diskussion über die «verschulten» Universitäten kann weitergehen an dieser Stelle mit der Facette zielorientiertes Handeln versus Engagement.
Magdalena Schrefel / 20.10.2010
Wenn ich als Studierende schreibe, dass bestimmte Vorgaben(1)  sicherlich einige dazu einlädt, «jene LVs zu besuchen, die punktgenauer(2) sind, wenn vielleicht auch nicht unbedingt interessanter», und Sie als Lehrender darauf antworten, well well well, «wenn Sie sagen, Sie belegten lieber eine uninteressantere LV als eine spannende, bloß um nicht ein ECTS zu viel oder umsonst zu machen, dann nehme ich Ihnen, mit Verlaub, Ihre angeblich so ausgeprägten Interessen abseits von purem Scheinerwerb nicht ab. Ist nicht vielmehr diese Einstellung Ausdruck eines verschulten Denkens und Handelns?», dann macht mich das unheimlich wütend.

Es kostet mich eine Fahrradfahrt lang Kopfzerbrechen, was darauf antworten, und warum so aufgebracht überhaupt (ich nämlich!), und dann kommts mir: In Ihrer Aussage liegt eine so unfassbare Wertung, die aber gleichzeitig dazu verlockt, diese auch zu übernehmen. Denn lassen Sie uns Ihre Aussage doch einmal genauer betrachten: Wenn Sie schreiben, ein Abwägen von Punkten, die eine Studierende für den Besuch einer Lehrveranstaltung bekommt, sei verschultes Denken, dann zielen Sie in Richtung einer Aussage über das studentische Engagement. Und was impliziert wird, ist, dass ein solches Verhalten (das Abwägen von Punkten) gleichzusetzen ist mit wenig Engagement (Faulheit? Desinteresse?) und wenig Engagement ist, das wissen wir alle, nicht gut. Gar nicht gut. Pfui! Umgekehrt: Wer engagiert ist, nimmt doch gerne auch mal mehr Aufwand und Zeit (oh du knappes Gut!) auf sich, schließlich zählt das Interesse, die Leidenschaft!

Und da sind wir dann: willkommen im unbezahlten Praktikum, willkommen im Volontariatsjob, willkommen im prekarisierten Werkvertrag, willkommen: du schöne Arbeitswelt. Studieren ist nicht Arbeit, aber: Es ist eine Tätigkeit. Der Tauschwert dieser Tätigkeit wird in ECTS bemessen, der Gebrauchswert ist unermesslich. Ähnlich wie bei Erwerbs- oder Lohnarbeit. Ihrer zum Beispiel, als an der Uni Beschäftigter (jetzt werde auch ich ein wenig persönlich). Müssten Sie plötzlich zehn Wochenstunden Mehrarbeitszeit leisten, würden Sie vielleicht eine Abgeltung für diese zehn Wochenstunden Mehrarbeitszeit verlangen. In manchen Fällen wäre das Zeitausgleich, in anderen mehr Geld, in machen Fällen würde es Ihnen vielleicht auch verweigert. Das wiederum würde zu einem Aufschrei führen, es gäbe Betriebsrätinnen, die man einschalten könnte, ja, bis zu einer Klage könnte es gehen. Und wenn das alles nicht klappte, so könnten Sie sich zumindest gewiss sein: Der Aufschrei (auch mancher Studierender) wäre auf Ihrer Seite: die moralische Unterstützung, die Bestätigung, wer die Guten (Sie!) und wer die Bösen (neoliberale Ausbeuter!) sind. Denn ein Nicht-Abgelten von Mehr-Tätigkeitszeit ist doch fies. Ausbeuterisch. Da sind wir Linken doch dagegen.

Nur: Sind wir mit Ihrer Wertung (über eine Studienstrategie) nicht mitten in jenen Kategorien, die wir als neoliberal verdammen? Wo Engagement nicht nur in der Erfüllung bestellter Arbeitsaufgaben besteht, sondern ich mein Mich einbringen soll. Und da, wo ich mein Mich verweigere, als Spielverderberin gelte. Da, wo ich meine, am Sonntag auch mal nicht arbeiten zu müssen, nicht involviert genug bin. Da, wo ich meine, um 9.30 abends nicht mehr ans Diensttelefon gehen zu müssen, nicht flexibel genug? Wo das Beharren auf vertraglich vereinbarte Wochenarbeitsstunden als pingelig und uncool gilt. Wo das Mit-Rechnen von absolvierten Punkten an der Uni als «verschultes Denken und Handeln» gilt?
Das ist das eigentliche Problem (Auslöser meiner Wut): das Scheitern an den eigenen Wertkategorien. Die sind der wahre Hund. Indem wir nämlich, als Kinder unserer Zeit, das Credo des Engagements schon so tief inhaliert haben, verschleiert sich unser Blick auf den Wert der eigenen Leistung. Und auch auf die der anderen. Und plötzlich plärren wir in jener Tonart los, die wir theoretisch doch immer verdammen. Die wir in unseren Kommentaren in linken Magazinen anprangern. Die wir unseren Studierenden austreiben wollen. Dass sie sich doch bitte hier jetzt nicht so aufpudeln sollen, schließlich sei es doch das Interesse, das zähle. Und das Engagement für die Sache (so 70ies!).

Was es als Studentin heute braucht, ist ein hohes Maß an Ambiguitätstoleranz: die Fähigkeit, Widerspruch nicht nur zuzulassen sondern auch jedwede Bestrebung nach dessen Auflösung aufzugeben. Denn das Wissen um die Studienbedingungen der Eltern, der Cousinen, der Freunde, der heute Lehrenden einerseits, und das Erleben der eigenen Studienbedingungen andererseits stehen in einem solchen Verhältnis zueinander. Was daraus resultiert, sind subjektive Strategien des Studierens. Die, wenn sie das Abwägen über den Punktewert einer Lehrveranstaltung beinhalten, als uncool und zu wenig engagiert, gar als «verschultes Denken und Handeln» diskreditiert werden. Was kommt als nächstes? Ich solle mich freuen, überhaupt studieren zu dürfen, schließlich gebe es arme kleine Kinder in der Dritten Welt, die das nicht könnten? Das hat schon beim Essen nicht funktioniert. Mich über die Bedingungen nicht aufregen, denn es gebe ja auch jene anderen, die es noch schlechter hätten? Welcome, so passiert Lohndumping! Und überhaupt würde mich ja auch niemand zwingen, hier zu sein, ich könne also auch ruhig gehen, wenn es mir nicht passe? Oh tu felix Austria!
Da stellt sich dann die Frage: Wer ist hier das Kind unserer Zeit?
Magdalena Schrefel

Fußnote:(1) Im Rahmen des BA-Studiums im Allgemeinen, und hier bezogen auf ein Erweiterungscurriculum der Universität Wien im Speziellen.
(2) Punktgenau soll hier das Erfüllen von ECTS-Punktvorgaben im Rahmen des Erweiterungscurriculums beschreiben. Ähnlich wie Black Jack. Die Aufgabenstellung: 15 = 4malX. Könnte aber auch sein 15 = 2malX+2malY. Oder auch 15 = 2malX+Y+Z. usw. Mathe comes in handy here.

Magdalena Schrefel / 20.10.2010