Stadt ohne Bettler

Seit den frühen Nächten, da meine Mutter mir von Jesus sprach, fühle ich mit dem Bettler, macht mich sein tiefer Anblick leiden. Eines spätern Tages, mein Kinderglaube war an der Irrationalität des Bestehenden zerbrochen, erkannte ich im Bettler den verfolgten Pilger auf der Suche nach dem möglichen Menschen: der universalen Gerechtigkeit im Hier und Jetzt.
Michael Tannenbach / 03.10.2012

Einst, als das Wünschen auch nicht geholfen, nahmen die Götter, wie Mythen und Märchen sagen, Bettlergestalt an und wandelten unter Menschen. War nicht ein Messias in Lumpen erschienen? Fluch fürchtend gab man seinen geringsten Brüdern, um ein Stück Paradies zu erraffen, damit es Sterntaler regne. Endlich wollte die Verzweiflung einen Gott nicht mehr zum Gevatter, der gab dem Reichen und ließ die gepriesene Armut hungern.

 

Wo Fressen vollends seliger macht denn Moral, liegt der Himmel ermordet; solch Zeugen seiner gesellschaftlichen Schuld konnte der Bürger nicht ertragen. Obdachlos vegetiert nun, der dessen Scham entblößt. Dass er der Schande die nackte Wahrheit zumutet und via Almosen bemäntelt leibhaftig nach Gerechtigkeit Hunger leidet, droht den Bettler zu vertilgen. Allerenden sucht man die aufs Pflaster geworfene «geschäftsschädigende» Armut von der Straße zu fegen; Bettelverbote grassieren wider Menschenwürde und Menschenrecht. Mit Marx- und Engelszungen spricht die heilig genannte Schrift: «Kärgliches Brot ist der Lebensunterhalt der Armen, wer es ihnen vorenthält, ist ein Blutsauger. Den Nächsten mordet, wer ihm den Unterhalt nimmt.» Das Betteln de facto (Gummiknüppelparagraph «gewerbsmäßig» et cetera) verbieten, aber seine strukturellen Ursachen nicht beheben, obgleich dies ein Leichtes wäre gemessen am Wohlstand der Nationen, heißt den Schwächsten Gewalt antun. Wäre die Polizei das Heilmittel gegen die Armut, gäbs längst keine Armen mehr. Vor dem Gesetz sind alle «gleich» auch den Reichen ist Betteln untersagt. Vor dem Bettler sind wir Bettler, seine bloße Existenz richtet uns, offenbart die Lüge unsrer Gesellschaft. An dem, wozu wir ihn gemacht, gewahren wir, was wir geworden: «Menschen» auf seine Kosten, entmenschlicht im Ertragen fremder Tränen. Mit den Bettlern entsorgt das schlecht Bestehende sein Gewissen; denn wie die Wahrheit des Krieges allein die Toten kennen, die ihn erstorben, sind es die zutiefst Erniedrigten allein, die nicht lügen und das Unsägliche sagen, dessen Totschweigen unsre «Ordnung» gründet: dass der Reichtum der wenigen die Armut der vielen ist.

 

Also wird systemisches Versagen zu selbstverschuldetem raffiniert, augenfällige Not als «liederlich» und «arbeitsscheu» gebrandmarkt, mithilfe einer unheiligen Allianz aus Politik und Medien kriminalisiert, paranoid versponnen («organisiertes» Betteln, «östliche Bettelmafia»), (kultur)rassistisch verteidigt (Antiziganismus). Anhaltend verfängt die List, «echtbürtige» Armut auf fremdes Elend zu hetzen. Ihre Opfer für die meisten ist Betteln blanke Notwehr unumwunden der «Aggression» zu zeihen, erfrecht sich eine anstößige Ellbogenmoral. Pharisäisch gibt man vor, die Ärmsten der Armen vor der sonst billigend in Kauf genommenen Ausbeutung, gerade ihre Würde schützen zu wollen. Also wird die Ware Bettler, das Erlebnis «Humanität» konsumiert, schlechtes Gewissen demonstriert, um verstohlen ein «anständiges» behaupten zu können. Aber der Glaube, besser als das Bestehende zu sein, hält nur fester darin gefangen: Institutionalisierte Gewalt müssen deren stille Teilhaber nicht mehr reproduzieren; daher das «unschuldige» Bewusstein; den überlebensnotwendigen Egoismus nimmt ihnen die Gesellschaftsstruktur ab. Letztlich ist uns «hässliche» Armut eine traumatisch reale Belästigung und Mitleid die Ideologie seiner eigenen Absenz. Ohne die Bettler wahrhaft zu speisen, füttern wir unsre Gewissensbisse mit ihnen; um die Mahnung zur universalen Gerechtigkeit zu übertäuben, handeln wir «brüderlich», geben wir streng genommen ob drei Groschen oder dreißig Silberlinge dem Bettler, damit die Bettler bleiben.

 

Wer nicht arbeite, predigen kapitalistige Müßiggangster, solle auch nicht essen, und Seelenversklavte beten es ihnen nach. Obwohl bitter hineinkniend, muss der Bettler bereits irgendwas verkaufen, um dem Bürger überhaupt noch bettelwürdig vorzukommen, als Fleisch von seinem Fleisch. Was ihn verurteilt, ist der Generalverdacht, dass so elend nicht sein könne, wer nicht schwer gesündigt habe wider den vergötzten adamitischen Fluch: den Erwerb aus Notdurft; was ihn verlästert, ist die sachzwanghafte Vorstellung eines freventlichen Eingriffs in die «unsichtbare Hand». Von dieser in den Mund «lebend», verstört er die gemeinhinige Mär, nach der alles erreichen könne, wer nur fest genug wolle. Dem chronisch von Deklassierungsängsten Besessenen graut im Bettler vor seiner eigenen Zukunft, sein Ekel vor ihm ist vorausblickender Selbst-Ekel. Dass wir ökonomisch längst Tote auf Bewährung, lebensläufig zum anstelligen Betteln auf gnadenlosen Märkten verurteilt sind, dies innere Ausland muss abgeschoben werden um jeden Preis. Wenns hoch kommt, erbetteln wir durch magische Gaben an seine Opfer vom Mammon eine Galgenfrist. Übrig bleibt der traurige Trost, noch einmal davongekommen zu sein. In den Gürtel enger Schnallenden kehrt der Bettler die unterdrückte Sirenenlockung zum Weichwerden, zum Abwerfen der repressiven (Selbst-)Disziplin zurück; doch jene, die den ganzen Bettel am liebsten hinschmeißen würden, schmeißen häufig lieber Bettler raus. Privilegierte schließlich spenden unter der Hand aus prophylaktischem Interesse: damit sichs die Verdammten dieser Erde nicht holen in der Nacht; denn kalte Herzen dürfen «würdige» Arme wärmen, an die Börse rühren nie.

Vom Kommen des Menschen oder den Zeichen der Zeit


Wir sind es in Wahrheit, die vom Bettler beschenkt werden: mit dem Bewusstsein der Unerträglichkeit des Status quo; uns gilt diese einzig nicht-partikuläre Anrufung: den Menschen als einen zu begreifen, der noch nie war. Der zum Bettler Gemachte ist die Lücke, die die Götter ließen, das Gespenst des Messias: der kommenden Gemeinschaft oder ewigen Idee der Gerechtigkeit. Er ist dies als singuläre Allgemeinheit, kraft Ineinanders von Individualität und Universalität. Total enteignet, vollkommen anteilslos entäußert er sich: der vagierende Name für die absolute Differenz, das alles verkörpernde Nichts. Aufs Unmenschlichste bündeln sich die üblichen Zustände im Bettler, ihm, Träger der Menschenrechte schlechthin, tut die Aufhebung unhaltbarer Verhältnisse am dringendsten not. Allein der Subalterne erlebt die Gegenwart radikal wirklich, allein seine verfemte Botschaft verheißt Rettung. Der Bettler ist die blutende Erinnerung an die «Erbsünde» unsres Systems; es sind seine Stigmata, die ihn stigmatisieren. Den Schmerzensschrei, den unsre Gesellschaft sich verbeißen muss bei Strafe ihres Sturzes, ruft sie unaufhörlich je höllischer, desto stummer im Bettler hervor. Als rein öffentliche Figur oder nackte Politik, als permanenter Ausnahmezustand zeigt er, dass Symptombehandlung (bürokratische Armenverwaltung, Karitas et cetera) alias «Polizei» unzureichend und soll es gut werden ein grundstürzend politischer Akt unverzichtbar ist. Es gilt, die Weltarmut zu bekämpfen statt der Armen dieser Welt.

 

Den Vorschein menschenwürdiger Horizonte schaut im Bettler, wer paradiesseits noch nicht erblindet; seine reale Conditio inhumana verweist auf ein erst global zu verwirklichendes Humanum. In ihm, dem Statthalter, überwintert die konkrete Utopie vom Reich der Freiheit, wo der sinnlose Krieg aller gegen alle befriedet liegt. In der «Ruine» des Bettlers erkennen wir die Gegenwart als ruinös, in des Bettlers Person blitzt dem Menschen als dem Grab seiner Möglichkeiten der mögliche Mensch auf: erlöst von Entfremdung, allseitiger Verzweckung, bar des Betriebs. Er ist die lästige Erinnerung daran, unter welcher Fron, in welch Tretmühle wir gewöhnlich «leben». Peinlich lautet seine stumme Frage: Warum kämpft ihr so verbissen für euer Welt gewordenes Joch, als ginge es um euer Heil? Als frei wie die Spatzen imaginiert, werden Bettler heimlich beneidet und dafür geächtet. Ihren stillen Protest zu fürchten gesteht man ein, indem man sie ins Dunkel drängt.

 

Des Bettlers Opposition ist objektiv revolutionär, wenn auch nicht sein Bewusstsein, denn wie alle(s) ist auch er vom heutigen «Leben» beschädigt, was dieses schuldig spricht, nicht ihn. Regelmäßig verleiben sich Marginalisierte das ihnen aufgebrannte Schandmal ein, wodurch sie zum zweiten Mal entwaffnet werden. Vom ewigen Kampf ums Dasein körperlich wie geistig aufgezehrt, vermag der konkrete Bettler wer will es ihm verdenken, geschweige vorwerfen oft nicht über den leeren Tellerrand hinauszusehen. Seine Kunde, um die er, der Bote, selbst oft nicht weiß, stellt das Skandalon dar, wirkt subversiv. Dergestalt nämlich ist er Zeuge, dass er uns zur Umkehr ruft, mithin als humane Wesen uns erst zeugt. Nichts in der Kultur, was nicht teilhat am Verhängnis: Unterm herrschenden durchkreuzen gut gemeinte Spenden die allgemeine Gerechtigkeit, zementieren Almosen das fundamentale Unrecht, gehorcht private Barmherzigkeit so hilfreich sie auch sei der tonangebenden Unmenschlichkeit. Doch anstatt bloß Mitleid zu haben, müssen wir Bedingungen schaffen, die Mitleid entbehrlich machen. Milde Gaben aus freien Stücken werden die ungerechte Vermögensverteilung beileibe niemals ausgleichen. Ein Laster ist die Tugend, die nimmer verzweifelt, sich nimmer erzürnt allem Frevel zum Trotz.

 

Um gegen die himmelschreiende Armut der vielen zu protestieren, tauschte Franz von Assisi der Legende nach mit einem Bettler das Kleid, nahm er ein mittellos büßendes Dasein an. Indem sie in Bettlerpose an den Bürgersteig knieten, demonstrierten in Graz hunderte gegen das schändliche Verbot. Wir aber sollen nicht beten noch betteln oder arm und selig uns in Demut ergeben, sondern mutigen Arms die Armut abschaffen Arm in Arm. Einzig um der Hoffnungslosen willen ist uns bis dahin die Hoffnung gegeben, und solange bis dahin noch ein Bettler lebt, solange noch lebt die Utopie von Verhältnissen, in denen der Mensch kein erniedrigtes und beleidigtes Wesen ist, solange bleibt eine «bettlerreine» Stadt eine Stadt ohne Hoffnung.

Michael Tannenbach / 03.10.2012