Suche den Zug

Versteh´ nur Bahnhof

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Der Mann, der sich immer mehr erinnerte, begnete letztendlich der Frau, die immer jünger wurde. Und das geschah an einem guten Tag, obwohl in diesem Moment von Zeitbegrenzung keine Rede war. Der Augenblick des Kennenlernens konnte genauso gut ein horizontal durch das Weltall schießendes Mehlspeisengäbelchen sein.

Grafik: Ruud van Weerdenburg


Ruud van Weerdenburg / 09.04.2017

Es spricht für sich selbst, dass sie einander im Zug begegneten. Dieser Zug nun, und das war sowohl sein Glück als auch sein Schicksal, sollte genauso unauffällig bleiben wie alle anderen Züge. Kein Reinigungsarbeiter, Gepäcksarbeiter oder Bahnhofsvorsteher durfte etwas Besonderes an dieser aus ihren Fugen geratenen Raupe entdecken. Sogar die Passagiere hatten keine Ahnung von der Veränderung, die man beim Betreten einiger Stufen schon erlebte. Die vollendete Ruhe, die an die Stelle des konstant im Kopf hämmernden Orts der Bestimmung trat, wurde als gewohnt erfahren. So geht es mit der Ruhe. Als ob sie nie weg gewesen wäre, liegt sie wie ein frisches, unversehrtes Schneeleintuch auf der Erde. Man schaute dann mit glänzender Hellheit durch den Gang des augenscheinlichen Durchschnittszuges. Und während des Gehens gewahrten die Männer ihre Vergangenheit bei jedem Schritt mehr, die Frauen wurden mit jedem Schritt jünger. Weil diese Art ihrer Fortbewegung verbunden war mit immer mehr Geschmeidigkeit und Aufatmen, kam niemand auf die Idee, sich in den Coupés auszuruhen, sodass schließlich alle einander im Speisewagen begegneten – das Einzige, was es da noch zu tun gab, war mit einem Glas in der Hand aus reinem Glücksgefühl auf das Leben zu prosten und auf diese Art eine schöne Zeit zu teilen.

So vertiefte sich das Leben: Feiernd, erhaben feiernd ließ man sich durch verschiedene Landschaften führen. Kein Mensch kümmerte sich um Zielorte. Der Speisewagen war ihr Haus. Die Männer nickten einander freundlich guten Tag, wenn sie einander hinter den Gläsern erkannten. Die Frauen lachten immer spontaner, wenn etwas, es konnte ein Teil von einer Bewegung sein, ihnen besonders gefiel. Der Zug fuhr weiter, durch Gebirge und Täler, entlang von Seen und Meeren, als ob es die normalste Sache der Welt wäre. Manchmal erinnerte sich jemand, wie mühselig die Menschen sich außerhalb des Zugs durch das Leben wurschtelten. Und dann versuchte sie oder er sofort, im ganzen Speisewagen den Boss zu spielen. Aber mit dieser Erinnerung an die Außenwelt schoss dieser Person ihr Bestimmungsort in den Kopf. Dann gab´s nichts anderes zu tun, als die Notbremse zu ziehen und auszusteigen. Gerade bevor der Zug sich wieder in Bewegung setzte, stieg ein nächster, von Eile durchdrungener Reisender ein.

Manche von den Ausgestiegenen kamen regelmäßig in die Natur zurück, eine vage Erinnerung an vorher machte sie zwischen den Sträuchern gelbe Raupen suchen und in ein leeres Marmeladeglas stecken. Andere wussten einen Tropfen aus dem Waschtrog voller Verdruss zu mindern, indem sie in ihrer Freizeit mit elektrischen Eisenbahnen spielten. Neulich kam ich nachts in eine Kneipe und hörte einen mit sich überschlagender Stimme ausrufen: «Abonnementen, Jahreskarten, bestochene Schaffner, ich habe Stadt und Land abgesucht, aber meinen Zug habe ich nie mehr finden können!»

Neben ihm tat dann sein Trinkkumpan seine Geschichte von der Versklavung in den Schützengräben kund, endend mit den Sätzen: «An der Front wird dein sechster Sinn rausgeholt. Du kannst nicht anders, du musst wohl, weil der Tod dir immer im Nacken atmet …»


Ruud van Weerdenburg / 09.04.2017