Temperatursturz

Isolde zog sich das Stirnband über die Ohren, die abgetragenen Handschuhe über die Finger und schlüpfte in die warmen Schuhe. Zum Schluss zog sie sich den grauen Mantel über. Sie ließ sich Zeit. Sie wollte nicht nach draußen.
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Cornelia Koepsell / 21.11.2007
Dort war es kalt, minus 10 Grad und drinnen plus 20. Niemand, der einigerma-ßen bei Verstand war, setzte sich freiwillig einem solchen Temperatursturz aus. Da Isolde heute einen Tag hatte, an dem sie bei Verstand war, wollte sie nicht gehen.

Sie musste an die frische Luft. Es gab kaum eine Wahl. Eine Person, die etwas zu sagen hatte, behauptete, frische Luft würde ihr gut tun. Isolde glaubte es nicht.

Sie gehörte nicht zu dem erlauchten Personenkreis, der anschafft, sondern zur Mehrheit, der angeschafft wird. Isolde wollte sich keinen Ärger einhandeln. Das konnte schlimmer sein als ein Temperatursturz von 30 Grad. So viel hatte sie in ihrem fünfzigjährigen Leben gelernt.

Die anderen gingen ihr auf die Nerven, weil sie offensichtlich gerne das Haus verließen. Möglicherweise gaben sie sich nur den Anschein, um sich gut zu stel-len mit der Person, die etwas zu sagen hatte.
Auf Wiedersehen sagten sie oder Bis heute Abend. Nutzlose Worte, bloß dass etwas gesagt, die Luft in Schwingungen versetzt wurde, um so etwas wie einen guten Eindruck zu hinterlassen.
Widerlich, dachte Isolde und blies sich in die Hände, obwohl sie noch nicht draußen war. Mit diesen Schleimern wollte sie nichts zu tun haben. So etwas konnte ansteckend wirken, wenn die Kriechbakterien sich über Tröpfcheninfek-tion verbreiteten.

Isolde wusste: Es war nicht nur unangenehm, sondern gefährlich, das Haus zu verlassen, besonders im Winter. Wer weiß, wie schnell sie wieder ein Haus fin-den würde, wo man sie hineinließ und sie ihre erstarrten Glieder aufwärmen konnte. Noch dazu, wo Isolde sich schwer tat, diese Leute da draußen, diese Haus-, Kleingarten- und Autobesitzer, die sie aus tiefstem Herzen hasste, eben diese Leute um etwas zu bitten. Da war es besser zu frieren als mitleidig ver-ächtliche Blicke zu spüren.

Jetzt musste sie gehen. Es ließ sich nicht länger hinauszögern. Die Person, die etwas zu sagen hatte, stand hinter ihr und wünschte einen guten Tag.

Ein kalter Luftschwall schlug ihr entgegen. Sie ging so schnell sie konnte, um sich warm zu halten.
Wenn alle Stricke reißen und ich keinen Platz finde, könnte ich mich bei einem Kaufhaus unterstellen, dort, wo die warme Luft herauskommt, überlegte sie.
Der Gedanke beruhigte. Es gab immer einen Ausweg, das hatte sie in den Jahren auf der Straße gelernt. Isolde war eine Überlebenskünstlerin geworden.
Sie wollte raus, raus aus dem Zentrum der Stadt. Hinaus in die Vorstadt. Weg von dem hektischen Menschengedränge.
Wie schön wäre es, jetzt im Warmen zu sitzen, während Zimt und Schokoladen-gerüche aus der Küche dringen, vielleicht mit einem Kleinkind spielen, das her-umjuchzt. Sie könnte Hoppe, hoppe Reiter singen oder Alle meine Entchen. Manche Sachen hatte sie nicht vergessen. Isolde sehnte sich nach Babygeruch und Penatenpuder.
Wütend stapfte sie weiter. Gefühle konnte sie sich nicht leisten. Offensichtlich hatte der Verstand, der seltene Gast, sie wieder verlassen.
Gefühle, das war etwas für Leute, die es sich leisten konnten, die im Warmen hockten und ein Bankkonto besaßen. Wo es für den Zweitwagen mehr Platz als für sie zum Leben und Wohnen gab, und als Isolde überhaupt haben wollte. Schließlich war sie eine bescheidene Frau.


Ein neuer Tag brach an. Isolde begab sich in den Frühstücksraum.
Am liebsten wollte sie dort gar nicht hin, denn sie hasste die frommen Sprüche der Schwester Helene, der Person, die etwas zu sagen hatte.
Die Frau arbeitete in der Obdachlosenunterkunft, denn sie wollte ihre guten Werke im Diesseits ableisten, damit sie auch im Jenseits einen ordentlichen Pos-ten erhielt. Isolde hatte im Diesseits keinen guten Platz erwischt und das Jenseits war ihr egal. Vor allem wollte sie nicht bekehrt werden. Außerdem stank die Kutte der Schwester Helene nach einem schwer definierbaren Gemisch aus Weihrauch, Mottenkugeln und zu lange nicht gewaschenem Körper, der Isolde Übelkeit verursachte. Sie war nicht empfindlich, das hatten ihr die Jahre auf der Straße ausgetrieben. Doch dieser Duft war ätzend.

Immer noch herrschten draußen Temperaturen von minus 10 Grad.

Sie saß neben Annette, trank ihr Getränk, das nur der Farbe nach Kaffee ge-nannt werden konnte. Annette, eine sechzigjährige Frau, die immer wieder we-gen kleinerer Diebstähle im Gefängnis saß, wo sie sich mittlerweile sehr wohl fühlte. Vor 2 Tagen war sie aus der Untersuchungshaft entlassen worden, ob-wohl sie direkt vor den Augen des Kaufhausdetektivs eine sehr teure Uhr einge-steckt hatte. Annette hatte gehofft, dass sie dafür mindestens 2 Monate bekom-men würde, womit die kalte Jahreszeit fast überstanden wäre. Trotz ihrer vielen Vorstrafen hatte ihr der Richter diesen Gefallen nicht getan, was Annette empör-te. Die Justiz war auch nicht mehr das, was sie mal war. Schließlich konnte sie den Richter schlecht anbetteln, sie ins Gefängnis zu schicken, das war unter ihrer Würde. Der Mann handelte nach seinen Vorgaben. Die Gefängnisse waren über-füllt, er hatte strikte Anweisung, niemanden wegen eines Bagatelldelikts zu frei-er Kost und Logis zu verhelfen.

Schwester Helene erschien mit einem Päckchen in der Hand, trat zu Isolde und überreichte es ihr: Das ist für Sie abgegeben worden, sagte sie. Schwester He-lene hatte schon viele Jahre kein Päckchen mehr erhalten. Jetzt musste sie auch noch Briefträgerin für diese Obdachlose spielen. Schwester Helene wusste, dass sie so nicht denken sollte, das war nicht gottgefällig. Denn der Herr hatte gesagt: Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.
Am Abend würde sie wohl an einer besonders rauen Stelle des Bretterbodens vor ihrem Bett knien und 10 Rosenkränze hintereinander beten, um sich für die-sen Gedanken zu bestrafen: Frauen wie Isolde haben mehr gelebt und erlebt wie sie.
Obwohl man dieser Frau die Jahre auf der Straße von weitem ansah. Die Schick-sale der ihr anvertrauten Menschen sprachen sich herum und so wusste Schwes-ter Helene, dass Isolde sehr lange misshandelt worden war, bevor sie sich aus dem bürgerlichen Dasein verabschiedete und ihr heutiges Leben dem Martyrium vorzog. Trotzdem, es hatte in ihrer Vergangenheit sicher auch etwas anderes gegeben als nur Misshandlungen, argwöhnte Schwester Helene.

Isolde nahm das Päckchen entgegen und wunderte sich: Wer sollte ihr etwas schicken? Wahrscheinlich ein Irrtum. Da stand in gut leserlicher Schrift ihr Na-me: Isolde Guschel.
Ja, das bin ich, dachte sie.
Beim Entknoten der Schnur des Päckchens hatte sie weder eine Schere noch ein Messer zur Hand. Als sie es schließlich geöffnet hatte, sah sie, dass es vollstän-dig mit Zeitungspapier ausgestopft war.
Das kann nicht wahr sein!
Isolde wühlte enttäuscht darin herum. Doch da, jetzt hatte sie etwas in der Hand, ein kleines, rotes Auto, ein Käfer, genau so eines, wie sie es in ihrem früheren Leben gefahren hatte, als die Zeiten besser waren und sie keine einzige Obdach-losenunterkunft kannte.
Wenn man das kleine Auto zu Boden drückte, fuhr es eine Zeitlang von alleine.

Eine Stunde später konnte man mehrere Frauen auf dem Boden des Gemein-schaftssaales der Obdachlosenunterkunft sitzen sehen, die mit einem kleinen roten Auto spielten. Selbst Schwester Helene war mit von der Partie.

Wenn die 60-jährige Annette das Auto in der Hand hielt, sagte sie immer BBWWWMMHHH, BBWWMMMHHH und fast freute sie sich, dass der Richter beide Augen zugedrückt hatte und sie heute nicht im Gefängnis saß.

Isolde glättete das Packpapier und fand den Absender. Ihre Augen wurden feucht. Sie verstand die stille Botschaft. Doch sie würde ihm diesen Gefallen nicht tun. Ja, zu Weihnachten wurde er immer sentimental und hoffte, dass sie zu ihm zurückkehren würde.
In ihrem Leben gab es keinen Platz mehr für Sentimentalitäten.
Cornelia Koepsell / 21.11.2007