Theiss-Auen

Am Rand vom Städtchen, da fließt die Theiß. Dort ein schneller Fluss! Niemand weiß das besser als jemand, der versucht hat, gegen den Strom zu schwimmen.
Magdalena Heinrich / 08.09.2010
Das waren noch Zeiten! Nein, keine schönen. Keine angenehmen. Aber irgendwie gelang es immer wieder, das Leben schön zu denken. Weil sonst wärst schon als Kind echt reif für die Klapse geworden!
Aber die Theiß!
Und die Auen erst! Überschwemmungsgebiet. Jede Menge Schlamm! Aber auch jede Menge Gesträuch. Hauptsächlich wilde Brombeeren! Jungbäume. Zumeist Platanen und Birken!
Zumindest «herüben».
«Jagdgebiet», frage nicht!
Nicht auf Tiere, nicht auf Menschen!
Einfach Emotionen! Wohlfühlfaktoren! Hirn rasten lassen, aber auch für schöne Eindrücke offenhalten! Befriedigung der kindlichen Neugier! Mit wissenschaftlicher Akribie angestellte «Feldforschung» nach den Samen der einzelnen Baumarten. Der Sträucher. Die Faszination der Seitentriebe.
Das Rauschen der Blätter! Himmlisch berauschend!
Halbdunkel! Das Summen und Zirren der fliegenden Insekten! Ameisen laufen über nackte Füße. Manches Kleingetier nimmt Reißaus vor diesen riesigen weißen Säulen, die sich bewegen
Die Gelsenplage! Ein Dippel neben dem anderen. Es juckt höllisch! Aufkratzen lockt nur weitere Vampire an. Überhaupt in dem Gesträuch. Und in den Brombeerbüschen erst!
Aber das Abenteuer lockt! Unwiderstehlich ist der Drang weiterzugehen, über den harten, ausgetrockneten Lehm, den die letzte Überschwemmung im Frühjahr hinterlassen hat.
Die Überschwemmungen passierten regelmäßig. Als das Klima noch verlässlich war. Als es noch zum richtigen Zeitpunkt geregnet hat! Als es noch richtige Jahreszeiten gab. Einen richtigen, strengen Winter, der dafür sorgte, dass die Landschaft ringsherum noch die ganze Saison über schön überzuckert war.
Einen richtigen heißen Sommer, mit Temperaturen über 30 Grad, schönen, warmen Sommerregen, da hast dich nicht irgendwo versteckt, da bist in den Regen, hast dich mit ausgebreiteten Armen gedreht, das warme Wasser gespürt, alles andere vergessen und auch das Gesicht zum Regen emporgehoben und gefühlt! Was? Egal! Hauptsache gefühlt!
Und so bewegt sich ein Fuß vor den anderen, auf dem harten, verkrusteten Lehm, im Halbdunkel, das Rauschen der Blätter ist stets gegenwärtig, das Gekreuch und Gefleuch schwirrt und rennt über nackte Füße, Beine, Oberarme, es gibt so manchen Stich, aber weiter, weiter vorwärts, wer weiß, was es dort noch für Neuigkeiten, Unbekanntes gibt
Wen juckts, wie die Pflanzen, Bäume, Sträucher heißen. Botanischer Name? Bitte!
Die Schwüle ist da nicht so gegenwärtig und drückend. Auch die Dunkelheit tut das ihre zur vermeintlichen Kühlung bei. Trotzdem «klare Sicht»; immer vorausgesetzt es kommt kein Schwarm Insekten vor den Augen vorbeigeflogen!
Und das Vogelgezwitscher! Ein Zirpen und Pfeifen sonder Zahl, wild und durcheinander, aber es genügte, dass es diese Geräusche gab. Keiner kümmerte sich um die Namen der Vögel, keiner konnte die Laute der Arten unterscheiden. Und immer wieder die dumpfen Schnabelschläge des Spechts gegen Baumrinden. Den Specht und den Kuckuck kannte allerdings jeder. Gesehen wurden sie zwar nie, aber sie an den Lauten zu erkennen war zumindest Ehrensache!
Wie oft mussten Augen gerieben werden, weil sich irgend so ein Winzling darein verflogen hat. Durchs Reiben wurde er zum Brei, aber damals und dort kam ein «iiiiiiiiiih» niemandem in den Sinn. Es war halt so. Bist erst einmal da hinein, mussten Animositäten Pflanzen und dem Getier gegenüber abgelegt werden.
Ja, ja, die Pflanzen! An so mancher offener Stelle gabs Brennnesseln! Und wie groß auch noch! Mit sehr alten, nesselbewährten riesengroßen Blättern! Wennsd da mit Waden oder sonst wie angekommen bist, warst für Wochen gebrandmarkt!
Jede Berührung der betroffenen Stellen schmerzte höllisch, sodass an Kratzen nicht zu denken war!
Aber es gab auch Suhlen! Mehr oder weniger leichte Senken, in denen sich der feuchte Schlamm länger hielt. Wie wohltuend war dieser Schlamm für die Brennnessel-Wunden! Blöd war nur, dass nach dem Auftragen gewartet werden musste, bis die Hände sauber gemacht werden konnten, weil weit und breit kein Wasser! Weil zum Fluss links abschwenken Zeitverschwendung gleichkam. Andererseits wäre niemand mitgegangen, in die pralle Sonne, und ohne Gesellschaft wäre der Gang eine öde Sache geworden.
Also trocknen lassen! Ja, ging sehr schnell, bei diesen Temperaturen, aber der Schlamm trocknete die Haut ziemlich aus, das Reinigen durch Abkletzeln und Reiben hinterließ unter den Nägeln seine hässlichen grauen Spuren

«Sonnenbrillen? Luxus pur!»

Aber das Höchste war, sich auf einer grasbewachsenen Stelle hinzulegen und die Kronen der Bäume zu beobachten! Natürlich am besten auf einem schattigen Plätzchen, damit die Sonne nicht allzu sehr blendet! Sonnenbrillen? Luxus pur! Wer hatte schon so was, außer einigen Erwachsenen! Für Kinder gabs nur Jahrmarkts-Spielzeug-Brillen, ohne jedweden Schutz, vollkommen sinnloses Zeug.
Sonnenbrillen hätten sowieso nur gestört, auf den verschwitzten Gesichtern, die alle paar Momente abgewischt werden mussten.
So daliegen, die Bewegungen der Blätter und jungen Äste, das Spiel von Licht und Schatten, die Reflexionen der Richtungsänderung der Blätterlage beobachten, die Seele baumeln lassen, nur die Schönheit und Eigenwilligkeit des Baumwuchses betrachten, alles Mögliche herumrascheln hören
Ewig hätten diese Momente andauern können, ohne sich an all dem satt zu sehen oder zu hören wenn nicht die Ameisen gewesen wären! Die selbst in Ohren eindrangen! Das war eine Operation, bis die Biester, meist zerstückelt, mit den Nägeln herausgeholt wurden! Ohrstäbchen??? In der «Wildnis»? Es fängt schon damit an, dass es sie damals noch gar nicht gab! Und wenn es sie in Groß- oder Hauptstädten gegeben haben sollte, in diesem Städtchen jedenfalls nicht! Nur zur Information: Man behalf sich mit Haarnadeln! Die gab es auch damals und auch dort! Denn es war ein wichtiges Friseurwerkzeug, dank dessen den Damen der Dutt festgesteckt werden konnte
Oder die Hitze vom Boden durchs Leiberl dringt, weil trotz Schatten ist die Erde überhitzt und strahlt die Wärme in den sowieso schon überhitzten Körper. Das Aufstehen war irgendwann unvermeidbar, trotz des immer wieder einmaligen Schauspiels

Ach ja, die Baumkronen! Riesenhohe, teilweise uralte Bäume, mit sehr dicken Stämmen, rauer Rinde, die bei festerem Angreifen auch schon die Haut abschürfen konnte. Einen solchen Baum umarmen, solange halt Kinderarme reichten, das Gesicht an die zerfurchte Rinde drücken, «Hab dich lieb» leise vor sich murmeln! Auch die Wildnis rundherum! Dieser Geruch nach warmem, ausgetrocknetem Schlamm oder auch stellenweise wunderbarer, schwarzer Humuserde! Der Geruch der Hitze! Der Geruch der Bäume! Staubig, heiß, modrig, lebendig!
So muss es auch in einem tropischen Urwald sein!
Hin und wieder fand sich auch eine Birke in der Landschaft oder eine Trauerweide! Das größte Wunder allerdings war die da wachsende Linde! Wie vor dem Fenster der Wohnung! Aber diese, die es mitten in die Au verschlagen hat, war noch größer, hatte eine noch mächtigere Krone, verzweigtere Äste, aufgeraute Rinde, die nur das Alter mit sich bringt! Der Duft der Lindenblüten ist schon bei kleineren Bäumen, wie dem vor dem Wohnungsfenster üppig, betörend, intensiv.
Aber diese Linde stellte alle Geruchserfahrungen in den Schatten! Die tiefen Atemzüge, um so viel vom Geruch wie irgend möglich aufzunehmen, machten schwindelig mit der Zeit, aber die Gier danach war schier unstillbar. Immer wieder tiefe Atemzüge, bis das Gefühl aufkam, an dieser Süße ersticken zu müssen und dennoch, der nächste tiefe Atemzug.
Bis heute ist «Lieblingsjause» im Winter Lindenblütentee, dazu mit kaltem Braten belegte Brotscheiben (Erbe der heißgeliebten Urli, selig).
Logisch! Denn Lindenduft erzeugt das Gefühl, beschützt und geborgen zu sein. Unverwundbar. Unverletzbar. Geliebt. Der Lindenduft heilt nicht nur die Seele, wie Tee der Blüten, der schweißtreibend wirkt, aber auch den Magen beruhigt und Wohlgefühl auslöst.
Weiter der Nase nach durch die Au!
Aber irgendwann war dann doch Schluss! Weil da ragte eine senkrechte, unüberwindware Lehmwand. Etliche Meter hoch, gelblich. Hier und dort gab es mehr oder minder große Löcher. In denen nisteten einige Vögel. Unerreichbar für uns Kinder, obwohl das Interesse an der jeweiligen Brut mehr als kolossal war
So blieb uns halbwüchsigen Ornithologen nur das Beobachten der Abflüge und Landungen der Altvögel über. Welcher Betrieb da herrschte! Aber niemals kollidierten sie! Auch wenn die Löcher noch so nahe beieinander lagen!
Magdalena Heinrich / 08.09.2010