Tür 10

Ich saß wieder einmal sinnlos in der Gegend herum und mein Freund der Alkohol wandte sich dank meiner leeren Taschen sukzessive von mir ab.
Die Finanzkrise schien selbst den letzten Obdachlosen erfasst zu haben. Jeder, den ich fragte, hatte genauso wenig wie ich.
Ich erinnerte mich wieder an all die alten Säcke, die da mit mehr oder weniger starken Schmerzen auf Parkbänken oder Wiesen eingeschlafen oder nur eingenickt waren und nie wieder munter wurden.
Werner Steinermann / 28.09.2009
Ich war genau jetzt in jenem Alter, wo ich jeden Tag gewärtig sein musste, in dieses Nirwana einzutreten.
Irgendeine geheime Energiefeder trieb mich dazu, mich dagegen zu wehren, ich wollte, ja ich musste etwas gegen meine Müdigkeit, Faulheit und Antriebslosigkeit unternehmen. Manchmal genügt ein Gespräch, ein Wort oder auch nur ein Gedanke: Wann willst du alter Trottel endlich einmal den Löffel abgeben?, und schon beginnt diese geheime Feder zu arbeiten. Ich weiß nicht mehr genau, was es war, aber ich erhob mich plötzlich und stapfte drauflos. Meine Füße trugen mich schon wieder vor das große Rathaus, welches mir vor Jahren einen Posten als Totengräber zugeschanzt hatte, obwohl eigentlich das AMS dafür zuständig gewesen wäre. Ich erhoffte mir wieder eine, wenn auch nicht mehr so mühselige Arbeit.

Verschwommen erinnerte ich mich noch an das Vorzimmer des Bürgermeisters und begab mich in diese Richtung. Dieses Vorzimmer mit den drei bulligen Bodyguards oder Kripobeamten erinnerte mich fiel mir jetzt erst auf an Kafkas Prozess, wo man den Angeklagten empfangen und dessen Anwalt die steilen Holztreppen hinuntergestoßen hatte, nur dass es hier keine Treppen gab. Dieselbe Prozedur wie vor Jahren lief wieder ab, nur dass man dieses Mal meinen Ausweis forderte. Während mich zwei wie hungrige Terrier bewachten, verschwand der dritte kurz, erschien aber bald darauf wieder mit meinem Ausweis und teilte mir mit, dass ich es im Zimmer 10 versuchen sollte. Vielleicht war ich zu nervös, vielleicht aber auch angesichts der drei finsteren Gestalten zu eingeschüchtert , jedenfalls zog ich mit dem Gedanken, dass es wohl nicht all zu schwer werden würde dieses Zimmer zu finden, von dannen. Beim Hinausgehen starrte ich auf die Tür: Bürgermeister!, keine Nummer. Ich ging weiter, eine zwei Meter hohe Doppeltür, keine Nummer! Ich bog um die Ecke, Zimmer 5, wieder eine hohe, alte Doppeltür; Nordportal! Zimmer 79: Vize-Bürgermeister! Nächste Tür, keine Nummer; Westportal! Tür 12!, 12? Wo waren 10 und 11? Nicht auf dieser Etage, hörte oder träumte ich. Ich probierte die nummerlosen Türen, alle verschlossen. Ich setzte mich auf einen Fenstersims und überlegte. In meinen großen Jackentaschen hatte ich zwei Dosen Bier versteckt. Der Gang war menschenleer. Ich trank und rauchte heimlich, es hätte ja jeden Augenblick jemand um die Ecke kommen können. Dann fiel mir ein, dass wir bei der EM 2008 ja auch offiziell zwölf Parkplätze gehabt hatten, aber nur elf angeschrieben waren. Das Komische dabei war aber, dass die Tafel mit der Parkplatznummer elf im Stadion in einem Magazin gelagert wurde. Das wusste ich deshalb, weil mich einmal ein Angestellter des ÖAMTC darauf ansprach und mir eingefallen war, dass ich dieses Schild irgendwo im Stadion sinn- und kommentarlos herumliegen gesehen hatte und mir niemand sagen konnte, warum das so war. Diesen Parkplatz gab es einfach nicht. Aber ich telefonierte, engagiert wie ich nun einmal bin, mit meinen Vorgesetzten deren gab es viele herum, aber niemand wusste oder wollte wissen, weshalb dieses Schild nicht aufgestellt worden war.

Turmbau zu Babel

Meine Bierdose leerte sich rapide, ich rappelte mich auf und bequemte mich nach unten. Überall Sicherheitsleute, ich war zu stolz um zu fragen, und im Übrigen wusste ich sowieso, dass niemand etwas wusste, das kannte ich vom Stadion. Ich irrte ein paar Minuten herum, aber außer den barschen Stimmen der Security-Männer, die hin und wieder barsche Anweisungen hinausschrien, hörte ich kein einziges, oder nur ein akzentreiches, deutsches Wort. Mir taten diese Asylanten oder Migranten irgendwie leid, die da glaubten, dass es hier noch Visa oder was auch immer gab. Das war einmal, aber das wussten diese armen Menschen wohl nicht. Wussten die überhaupt, was sie sich da antaten? Das jahrelange Warten auf einen Bescheid, der vielleicht negativ ausfällt, um dann wieder in ihre Heimat abgeschoben zu werden? Dort ohne Arbeit, nur mit dem Notwendigsten versorgt? Sie hatten vielleicht ein paar Tausender bezahlt, um überhaupt hierher zu gelangen. Aber das waren zu diesem Zeitpunkt zweitrangige Probleme für mich. Ich beschäftigte mich wieder mit meinen eigenen, so egoistisch war ich schon, und schlich mich wieder in den ersten Stock hinauf. Ich suchte mir wieder ein Plätzchen, um mein zweites Bier zu verzehren und dachte nach. Bis hier herauf hörte ich noch das Stimmengewirr. Ich stellte mir so den Turmbau zu Babel vor, den ich noch irgendwie in Erinnerung hatte, wo keiner den anderen verstand. Den Amis war es ja schon gelungen, sogar zwei davon aufzustellen, ohne sprachliche Differenzen, nehme ich an, aber die liegen ja inzwischen auch schon darnieder, und das forderte leider auch sehr viele Opfer, wie der Turm zu Babel, der Legende nach. Irgendwo in Asien wird ja auch schon wieder ein noch größerer, noch höherer Turmbau geplant. Vielleicht sollte man doch nicht stärkere oder höhere Mächte provozieren

Langsam trank ich meine Dose leer und widmete mich wieder der Suche nach Tür Nummer 10. Ich erinnerte mich wieder an den Trakt des Vizebürgermeisters. Irgendwas war mir da aufgefallen bei den Nummern, so als wären sie übermalt worden. Ich begab mich sofort dorthin und tatsächlich, eine ganz kleine, unscheinbare, im Nachhinein eingebaute Türe, so schien es mir jedenfalls, war mit 10 beschriftet. Ich klopfte vorsichtig an und trat ein. Eine etwas zu groß geratene Abstellkammer mit einer ausgetrockneten, alten Dame, die durch jahrelanges Dahinvegetieren in diesem Kämmerlein degradiert worden war. Ein Tisch, worauf sich wahrscheinlich viele Jahre eine Schreibmaschine befunden hatte und durch einen PC ersetzt wurde, sowie ein unbequemer Sessel, worauf sich besagte Dame räkelte, waren das einzige hier. Ich sagte mein Sprüchlein auf, die Dame hieß mich zu warten und starrte auf den vermutlich leeren Monitor oder Bildschirmschoner. Vielleicht schwammen ein paar Fische darin herum (ich selbst hatte auch schon so einen Schoner eingerichtet gehabt, der war so spannend, dass ich mir gleich einen anderen herunterlud). Ich stand da und wartete zirka zehn Minuten lang, aber es tat sich nichts. Selbst das etwas altmodische Telefon gab keinen Ton von sich. Endlich gestattete sie mir, sie zu begleiten und brachte mich durch eine weitere Türe (Tür Nr. 11) zu einem Herrn, der, hätte ich es nicht besser gewusst, durchaus der Bürgermeister hätte sein können, so behäbig und wichtig wirkte er. Sein pompöser, geschichtsträchtiger Schreibtisch, der schon etliche Wundmale und Abschabungen aufwies, war ebenfalls mit einem PC ausgestattet. Die Dame flüsterte ihm etwas zu, und er kritzelte irgendetwas auf einen Notizblock. Dann nickte er mir wie zum Abschied zu und ich war entlassen. Im Vorzimmer ergatterte ich noch einen Blick auf den Monitor und tatsächlich schwammen darin Fische herum. Sie drückte mir das Blatt mit einer Adresse in die Hand und bestaunte wieder die Fische.

Erleichtert und irgendwie frustriert ging ich weg. Ich hatte noch immer dieses Summen der Asylwerber im Kopf, falls sie tatsächlich eine Arbeitsbewilligung bekommen sollten, die würden doch von den Arbeitgebern ausgenommen werden wie eine Weihnachtsgans, wenn diese Redewendung gestattet ist, wenn selbst ich als Einheimischer sogar von der Gemeinde betrogen wurde, was erwartete dann die
Werner Steinermann / 28.09.2009