Unverwüstlich – eine Enkelin macht sich Sorgen

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Sie waren ja immer schon da gewesen, und für mich niemals richtig jung, was ja auch klar war, immerhin handelte es sich um meine Großeltern.

Grafik: Karl Berger


Johanna Sibera / 06.06.2016

Annähernd zehntausend Liter Wein hatte der Großvater im Lauf der letzten dreißig bis fünfunddreißig Jahre zu sich genommen, aber sein Gesicht strahlte nach wie vor in der faltenlosen Frische mancher wohlgenährter Menschen. Kein Tränensack schwächte den Ausdruck seiner großen runden Augen, sein recht gewaltiger Körper war straff wie eh und je. Und mir war klar: Es musste ja schließlich etwas gegeben haben, das meine Großmama die Jahre über an ihm anziehend gefunden hatte, denn mein Großvater hatte teilweise schon sehr üble Charakterzüge.

Sie war die Mutter meines Vaters und ich hatte immer gefunden, dass sie eine tolle Person war; nicht im Sinne von schön, da ist man einfach zwei Generationen weiter in einem anderen Denkschema. Aber es war etwas an ihr, was viel wichtiger war als einfach schön zu sein – sie war sich selbst stets gleich, sah sich selbst immer ähnlich, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr. Vielleicht trug sie einmal die Haare etwas länger oder kürzer, aber sie war sozusagen immer ident mit sich selbst, in ihren Körpermaßen und ihrem Gewicht und sogar in ihrem Geruch.

Dass sie kleiner geworden war, fiel mir lange nicht auf bei ihrem eindrucksvollen Maß von einhundertachtzig Zentimetern, wohl aber, dass sie konsequent nur mehr in flachen Schuhen zu sehen war. Und dann war es so weit und ich mit meinen sechzehn Jahren überragte sie mit einem Mal, was nicht allein an der Tatsache lag, dass ich in der letzten Zeit noch ein bisschen gewachsen war.

Ein alterndes Frauengesicht hat viele Möglichkeiten, Makel zu beherbergen. Pickel, Symptome der sogenannten Altersakne, dicke, dunkle, einzeln stehende Haare an Kinn und Oberlippe, herabsinkende Augenlider unter weiß werdenden Brauen, ein im Ganzen größer werdendes Gesicht, im Unterschied zum jungen Gesicht mit seiner kleinen, fest begrenzten herzförmigen Fläche. Ein bisschen von all diesen Veränderungen war immer wieder an meiner Großmama zu bemerken, obwohl sie alles ordentlich im Griff zu haben schien. Ihre etwas müder werdenden Augenlider konnte sie mit ihren tollen Brillen gut kaschieren, und sehr befriedigt stellte ich fest, dass auch im unbarmherzig hellen Licht am Frühstückstisch niemals ein einziges widerspenstiges Barthaar in ihrem Mundbereich zu entdecken war.

Leider hatte ihre letzte Untersuchung beim Augenarzt ergeben, dass sie an Grauem Star litt. Diesbezügliche sofort unternommene Internetanfragen meinerseits ergaben, dass fünfundneunzig Prozent der über Sechzigjährigen daran leiden, also war es wohl ein unabdingbares Schicksal – sie hätte vorbeugend gar nichts dagegen unternehmen können und würde sich irgendwann einmal einer Operation unterziehen müssen; es beruhigte mich sehr, diese OP anscheinend schon unter eher leichte Routineeingriffe einordnen zu können.

Strickjacken und bequemste Hosen

Was ihre Kleidung betraf, wurde sie ein wenig nachlässig, meiner Meinung nach. Am liebsten trug sie ihre schwarze Strickjacke und die bequemsten Hosen waren ihr plötzlich sichtlich die angenehmsten. Das enttäuschte mich ein wenig und machte mir Sorgen, denn noch vor nicht allzu langer Zeit hatte sie zu mir gesagt, dass durchaus ein wenig Schmerzbereitschaft und Mut zum nicht so gemütlichen Outfit dazu gehören, um modisch daher zu kommen. Für eine Frau in ihrem Alter war das durchaus nicht so üblich gegenüber ihrer Enkelin, sie war da fast wie eine große Schwester und jedenfalls ganz anders als meine Mutter, von der ich solche Reden nie gehört hatte.

Dann kam der Sommer, ein ganz entscheidender und ein sehr heißer diesmal, die Hundstage schienen gar nicht mehr aufhören zu wollen und die Tropennächte, also solche, in denen die Temperatur nicht unter zwanzig Grad sinkt, nahmen kein Ende. Da wir alle in einem Haus wohnten, die Großeltern unten und ich mit den Eltern und meinem kleinen Bruder oben im ersten Stock, war es praktisch unvermeidlich, dass ich meine Großmutter auch leicht bekleidet zu sehen bekam – obwohl sie das sichtlich zu vermeiden schien. Aber ich legte es geradezu darauf an; das mag seltsam klingen, ein Teenager, der seine Großmutter beobachtet; normalerweise sind junge Mädchen ziemlich desinteressiert an den Müttern ihrer Eltern, aber meine Omama hatte eben etwas an sich, etwas unglaublich Interessantes, und ich wünschte mir aus ganzem Herzen, dass das so bliebe, dass da keine Veränderung eintreten sollte.

Etwas, das viel wichtiger war als einfach schön zu sein

Und dann sah ich sie an einem dieser Sommertage splitternackt, als sie gerade aus der Dusche kam, und ich lief in mein Zimmer und begann zu weinen. Es ist unglaublich, wie traurig mich der Anblick ihrer großen langgliedrigen Gestalt machte. Angezogen war ja kaum ein Unterschied zu früher zu entdecken, aber die direkte Sicht auf ihren unbedeckten Rücken hatte mich arg erschüttert. Das war es also, das Tannenbaum-Phänomen, von dem ich gelesen und auf das ich mir keinen Reim hatte machen können: Breite, von der Wirbelsäule schräg nach unten verlaufende, speckig wirkende Falten, tatsächlich ähnlich den hängenden Zweigen einer Weihnachtstanne. Dass das mit den geschwächten Wirbelkörpern im Zusammenhang stand und ein Zeichen von Osteoporose sein konnte, darüber belehrte mich Google auf das Genaueste. Also auch von daher war eine Bedrohung zu vermuten, nicht nur von den Weichteilen, den inneren Organen – auf die meine Oma, soweit ich wusste, durch pünktliche Vorsorgeuntersuchungen gut Obacht gab. Nein, auch vom innersten Stützpunkt, sozusagen, dem Skelett, den Knochen, denen eigentlich bei Großmamas kräftigem Körperbau viel zuzutrauen war, ging somit Gefahr aus.

Ich habe schon erwähnt, dass mein Großvater erstens sehr viel trank und andererseits recht schlechte Charaktereigenschaften besaß. Ungeachtet dessen hielt die Ehe meiner Großeltern schon Jahrzehnte, also hatte sich Großmama wohl mit seiner Sauferei – einem sogenannten Quartalstrinken wie es im Buche steht – abgefunden und auch gelernt, mit seinen Sekkaturen zu leben. Zum Glück war er, seit ich denken kann, sehr oft abwesend, zunächst aus beruflichen Gründen und nach seiner Pensionierung zu privaten Zwecken. Er unternahm Schachreisen, Golfreisen und Weinreisen, und wenn jemals die Rede davon war, dass Oma ihn begleiten sollte, so waren sicher ihre fünf Katzen ein wunderbarer Grund, daheim bleiben zu können.

Unverwüstlich wollte ich sie sehen

Nein, ich wollte einfach nicht, dass meine Großmutter Alterserscheinungen zeigte, dass sie unansehnlich würde, farblos und glanzlos. Unverwüstlich wollte ich sie sehen: keine grauen Haare sollten sichtbar werden, wenn der Wind in ihre brünetten Wellen fuhr, keine ausgefranste Kontur unter zu grellem Lippenstift oder verpatztes Rouge auf welker Wange, wie es bei eingeschränktem Augenlicht so leicht passieren kann. Nichts an ihrer Erscheinung sollte sich ändern, noch lange nicht. Und auch nicht die leiseste Änderung wünschte ich mir für den Besuch in den Tagen und Wochen, in denen mein Großvater nicht da war, den Besuch, den sie da bekam. Dieser Besuch war ein Mann, ein reichlich jüngerer, aber so genau hatte ich ihn nie gesehen, da er immer nur kam, wenn es schon still und dunkel war im Haus und alle schliefen, alle, außer mir natürlich.

Wie traurig mich der Anblick machte

Und vor nicht allzu langer Zeit, eben in diesem heißen Sommer, hatte ich im Zwielicht des ziemlich bewölkten Mondes und der schwachen Beleuchtung an der Haustüre gesehen, wie sie ihn zur Begrüßung umarmte. Er war viel größer als sie, also hatte sie die Arme ordentlich nach oben strecken müssen, und das war eine wunderbare Bewegung gewesen, voll Harmonie und Grazie, und dabei ganz selbstverständlich, und vor allem so eine jugendlich wirkende, so eine junge Übung. Und das hatte mich so glücklich gemacht, dass ich auch fast wieder weinen musste.


Johanna Sibera / 06.06.2016