Viktor, Viktor, Viktor!

Die ungarische «Volksgemeinschaft» lebt auf

Vergangenen Mittwoch trafen sich über hunderttausend Ungar_innen auf dem Heldenplatz in Budapest, um der Opfer des niedergeschlagenen Aufstandes 1956 zu gedenken und einer Rede des ungarischen Premiers Viktor Orbán beizuwohnen. Auf dem Heldenplatz wurde das Bild einer großen, solidarischen ungarischen «Volksgemeinschaft» inszeniert, doch allein auf dem Weg nach Hause wurde ich mehrmals daran erinnert, wie die Realität in Ungarn wirklich aussieht. Lesen Sie weiter im aktuellen AUGUSTIN.
Andreas Pigl / 13.11.2013

Am 23. Oktober 1956 richteten sich die Blicke der ganzen Welt auf Ungarn. An diesem Tag erschütterte der von Budapest ausgehende Volksaufstand das gesamte Sowjetsystem und gab den Startschuss für den Niedergang des Realsozialismus. Obwohl der Aufstand von 1956 schlussendlich mit Hilfe Moskaus und der Roten Armee blutig niedergeschlagen wurde und so vorerst erfolglos blieb, gelten jene, die im Kampf gegen das repressive Sowjetsystem ihr Leben ließen, noch heute als ungarische Nationalheld_innen.

 

57 Jahre danach und ein halbes Jahr vor den ungarischen Parlamentswahlen 2014 bietet der Nationalfeiertag der Orbán-Regierung einen willkommenen Anlass, die eigene Partei und die Wähler_innen auf den bevorstehenden Wahlkampf einzustimmen.

«Friedensmarsch» zum Heldenplatz


Um die Massen für den Höhepunkt des Tages, einer Rede Viktor Orbáns am Heldenplatz, zu mobilisieren, wurde auch dieses Jahr zum sogenannten «Friedensmarsch» aufgerufen. Diesem Aufruf kamen laut Polizeiangaben 150 000 Menschen nach - bei den Veranstaltungen der Opposition wurde gerade mal ein Fünftel davon gezählt.

 

Auch ich, gerade seit zwei Monaten Gedenkdienstleistender in Budapest, nahm teil, um mir selbst und vor Ort ein Bild vom politischen Geschehen in Ungarn und den stets medienwirksamen Reden Orbáns zu machen. Ich schloss mich also dem Zug von Regierungsanhänger_innenn an, die in Rot-Weiß-Grün gekleidet, Fahnen schwenkend und ungarische Volkslieder singend Richtung Heldenplatz marschierten. Die Stimmung ähnelt der eines Volksfestes und schwappt auch ein wenig auf mich über.

 

Vor der eindrucksvollen Kulisse des Heldenplatzes angekommen, drängen sich die Menschenmassen auf dem riesigen Platz dicht aneinander. Durch die beinahe einheitliche Kleidung der Menschen, das gemeinsame Singen und Fahnenschwenken, macht sich ein allumfassendes Gefühl der Gemeinschaft untereinander breit. Hier haben sich all die «echten Ungarn», wie Orbán seine Anhänger_innen gerne bezeichnet, zusammengefunden. Hier ist man unter seinesgleichen. Hier hält man zusammen.

 

Nachdem die letzten Noten der Nationalhymne verklungen sind, besteigt unter riesigem Beifall und «Viktor, Viktor!»-Rufen Orbán das Podium. Er beginnt seine Rede mit einem Rückblick auf die Geschehnisse im Jahr 1956 und ehrt dabei die unzähligen Menschen, die beim Kampf für die Freiheit des «ungarischen Vaterlandes» gestorben sind. Gleichzeitig versucht er auch, das politische Erbe des Freiheitskampfes für sich einzukassieren, indem er behauptet, dass dieser noch lange nicht vorüber sei und die Souveränität der ungarischen Nation heute erneut bedroht werde. Diesmal jedoch vom internationalem Großkapital und der EU. So inszeniert er sich und seine Partei quasi als Nachfolger_innen der Freiheitskämpfer_innen von '56.

 

All das wird vom Publikum mit schallenden Jubelrufen und exzessivem Fahnenschwenken aufgenommen. In ähnlichem Tonfall verläuft auch der Rest der Rede und nachdem Orbán das letzte Wort gesprochen hat und das Volksfest im Auflösen begriffen ist, setze ich mich erschöpft und hungrig in ein nahegelegenes Fast Food-Lokal.

«Es ist trotzdem ein Judenmuseum»


Dort spricht mich eine älteren Dame an, die ebenfalls vom Heldenplatz kommt und mich gut gelaunt fragt, wie mir denn die Rede gefallen habe. Um nicht in eine Diskussion zu geraten, nicke ich einfach stumm ihre Lobrede auf Orbán ab. Wegen meines gebrochenen Ungarisch bemerkt sie schnell, dass ich kein Ungar sein kann. Also erzähle ich ihr, dass ich eigentlich aus Österreich komme, doch ungarische Wurzeln habe. Da hellt sich ihre Miene gleich auf. Zusätzlich finden wir heraus, dass wir beide Verwandte in Transsilvanien, das nach dem Vertrag von Trianon an Rumänien fiel. Durch diesen gemeinsamen Hintergrund fühlen wir uns beinahe sogleich etwas verbunden.

 

Nach längeren, nostalgischen Schwärmen über die Schönheit der transsilvanischen Landschaft erzähle ich ihr von meiner Arbeit im Budapester Holocaust Institut. Mit einem Mal ändert sich ihre Mimik von großmütterlich-freundlich zu kalt und abweisend. «Ahja, das Judenmuseum», bemerkt sie abfällig. Als ich versuche, ihr zu erklären, dass sich das Museum auch mit weitaus mehr, als «nur» der Geschichte der Juden befasse, antwortet sie nur kurz: «Es ist trotzdem ein Judenmuseum.» Mit einem Mal steht sie auf, verlässt das Restaurant und lässt mich etwas verdutzt und mit gemischten Gefühlen zurück. So schnell also war das Gemeinschaftsgefühl zwischen uns beiden wieder vorüber.

Der Weg nach Hause

 

Es ist bereits dunkel geworden, als ich das Lokal verlasse, doch noch immer kommen zahlreich gut gelaunte Menschen vom Heldenplatz. Auf dem Weg nach Hause bilden sie mit ihren Fahnen und noch immer unaufhörlich ihre Volkslieder singend, einen sonderbaren Kontrast zu den zahlreichen Obdachlosen, die täglich auf Budapests Straßen übernachten müssen.

 

Erst vor wenigen Wochen erließ die Regierung, der die Menge eben noch zugejubelt hat, ein Gesetz, welches Obdachlosen das Übernachten im Freien unter Androhung von Geld-, Arbeits- und Freiheitsstrafen verboten hatte. Schon seit längerer Zeit versucht Orbán auf solche Weise die Armut auf den Straßen durch Verbote, Strafen und Vertreibung zu bekämpfen. Die vorübergehenden Leute schenken den in Hauseingängen oder U-Bahnstationen liegenden Menschen kaum Beachtung oder blicken höchstens etwas abfällig auf sie herab. Von ihnen war keiner zum Volksfest am Heldenplatz eingeladen - für sie war es ein Tag wie jeder andere. Es ist etwas komplett anderes, als das groß inszenierte Bild der zusammenhaltenden Ungar_innen, das sich mir am Heldenplatz bot.

 

Als ich dann in der Baross Utca ankomme, wo sich meine Wohnung befindet, gerät die Illusion der großen, ungarischen Gemeinschaft erneut ins Wanken. Die Straße grenzt nämlich an eine als Roma-Viertel bekannte Gegend. Vor den Geschäften steht rund um die Uhr jeden Tag dieselbe Gruppe von Menschen in derselben, heruntergekommenen Kleidung. Auch hierhin verirrt sich vermutlich sehr selten ein Teilnehmer des «Friedensmarsches». Die Menschen hier wären wahrscheinlich auch bei der Orbán-Rede eher ungern gesehene Gäste gewesen. In den Augen der meisten Ungar_innen sind sie nämlich kein Teil ihrer Nation. Sondern lediglich «Sozialschmarotzer», «Arbeitsverweigerer» und «Kriminelle».

 

Die allgegenwärtige Armut, mit der ich hier alltäglich konfrontiert werde, wird mir nach dem Besuch am Heldenplatz mit einem Mal viel stärker bewusst. Genauso bewusst wird mir auch, wie abgestumpft ich ihr gegenüber bereits nach nur zwei Monaten bin.

Entsprechende Empörung


Es sind all die Opfer des Orbán-Regimes, die mir am Weg nach Hause besonders ins Auge fielen. All die Opfer der alltäglichen antisemitischen und antiziganistischen Hetze, gegenüber der der Großteil der ungarischen und europäischen Zivilbevölkerung bereits erschreckend stark abgestumpft ist. Fälle wie Fidesz-Gründungsmitglied und Initiator eben diesen «Friedensmarsches», Zsolt Bayer, der in einem Artikel des regierungsfreundlichen Rechtsaußen-Blattes «Magyar Hírlap» Roma mit Tieren verglich, oder bedauerte, dass die rechtsextremen Freikorps nach dem Ersten Weltkrieg nicht noch mehr erschossene Juden und Linke in den Dünen der Puszta verscharrt haben, sind längst keine Einzelfälle mehr. Als zum Beispiel der Budapester Bürgermeister István Tarlós seine politischen Gegner abwertend als «Juden» bezeichnete, war das in den internationalen Medien kaum eine Meldung wert und schnell wieder vergessen. Solche Aussagen gehören in Ungarn bereits zum üblichen politischen Umgangston und kommen keineswegs nur von der faschistischen Jobbik-Partei.

 

Es scheint so, als sei die europäische Öffentlichkeit davon dermaßen übersättigt und in so einem Grad abgestumpft, dass sie es verlernt hat, sich überhaupt, geschweige denn entsprechend zu empören. Auch der durch Propaganda und Hassreden seitens Fidesz und Jobbik zusätzlich angefeuerte, sich rasend schnell ausbreitenden Antiziganismus, der erschreckend viele Ähnlichkeiten mit dem Antisemitismus der frühen Dreißigerjahre aufweist, wird eher halbherzig bekämpft und zu großen Teilen mehr oder weniger gleichgültig toleriert.

 

Als ich vergangenem Mittwoch in der Menge am Heldenplatz stand und der Rede Orbáns zuhörte, war von all dem klarerweise kein Wort zu hören. Stattdessen wurde vor allem ein gelungenes Bild der ungarischen Volksgemeinschaft inszeniert. Ich jedoch werde allein auf meinem Arbeitsweg täglich erneut daran erinnert, wie die Realität in Ungarn tatsächlich aussieht, also wer zu dieser «Volksgemeinschaft» gehört - und wer nicht.

Andreas Pigl / 13.11.2013