Wir sind wieder in aller Munde

Lehrerdienstrecht wider Vorurteile und unangebrachte Emotionalität

Endlich wird es ein neues Dienstrecht geben, das die Ungerechtigkeit behebt, die einer einzelnen Berufsgruppe soviel Privilegien gewährt So tönt es aus allen Ecken und vielen Medien
Irmgard Bauer / 18.05.2011
Ich bin seit 1987 Lehrerin an einer Wiener AHS (bin es gerne!) und lebe damit, als Angehörige einer Berufsgruppe sehr oft von vornherein diskreditiert zu werden, was viel Kraft kostet arbeiten wir doch wie eine riesige Energieumwandlungsmaschine, die den negativen Input, Abwertungen oder Vorurteile umwandelt in positive Energie für unsere SchülerInnen. Die Emotionalität der Debatte der letzten 20 Jahre ist belastend und burnoutfördernd es scheint, dass wir, die jetzige LehrerInnengeneration, StellvertreterInnen sind für ungeliebte LehrerInnen von all denen, die diese Debatte immer wieder anfachen. Ja, auch ich habe einige meiner LehrerInnen in schlechter Erinnerung mit ein Grund, warum ich den Beruf ergriffen habe ich wollte mir beweisen, dass das auch anders gehen muss. Ich spreche nicht für die schwarzen Schafe, die den Energieaufwand in diesem Job minimieren, die gibt es bekanntlich in jeder Berufsgruppe. Als Mutter einer 16-jährigen Tochter erlebe ich auch die dritte, die Elternperspektive: Dass das System Schule zurzeit in weiten Strecken an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen vorbeigeht, daran besteht für mich kein Zweifel. Das ist aber ein strukturelles Problem und ist durch weitere Mehrbelastungen für uns LehrerInnen nicht mehr abfederbar.
Unser Schulalltag schaut wohl nicht so aus, wie sich manche, die in großen geräumigen Büros über unser Dienstrecht verhandeln, vorstellen wollen. Es gab vor Jahren einmal eine Lehrerarbeitszeitstudie, die für die Öffentlichkeit nicht weiter interessant war, weil herauskam, dass wir genau so viel arbeiten wie alle anderen, und zwar so viel, dass wir die Ferien, die länger sind als die fünf Wochen Urlaub des normalen Arbeitnehmers, während des Schuljahres einarbeiten!

Und damit sind wir schon beim häufigsten VORURTEIL gegen LehrerInnen:

Lehrersein ist ein voll bezahlter Halbtagsjob mit jeder Menge Ferien!


Wahr ist vielmehr, dass die Zeit, die LehrerInnen in der Klasse unterrichtend verbringen, einem Halbtagsjob entsprechen würde, aber das ist sozusagen nur das Knochengerüst unseres Schulalltags, das von vielen anderen Verpflichtungen aufgefüllt wird: Unterrichtsvorbereitungen, Verbesserungen schriftlicher Arbeiten, Teamsitzungen, Konferenzen, pädagogische Tage, Organisation von Exkursionen, Projekten, Workshops, Schulsportwochen, Sprachreisen, Projektwochen, Bereitschaften, Vertretungen, Eltern- und Schülergesprächen, Supervisionen (kein Anspruch auf Vollständigkeit). Es ist eine Verdrehung von Tatsachen, die Stundenanzahl der Unterrichtsverpflichtung gleichzusetzen mit der tatsächlich gearbeiteten Zeit pro Woche, möchte das jemand im Ernst glauben?
Wenn wir unsere abzählbaren Unterrichtsstunden abgeleistet haben, und die sind beileibe nicht mehr nur am Vormittag, dann haben wir oft noch tatsächlich einige Stunden des Tages «frei» vor uns, die andere mit einem 9-to-5-Job im Büro absitzen müssen. «Frei» heißt aber nur, dass die freie Zeiteinteilung der Arbeit beginnt, die wir mit nach Hause genommen haben. Das sieht aber dann niemand außer vielleicht ZeitgenossInnen, die mit einer/m LehrerIn in häuslicher Gemeinschaft leben: Hefte türmen sich in Stapeln am Boden und werden nächtens und am Wochenende korrigiert, während andere den Feierabend und das schöne Wetter genießen.
LehrerInnen für Musik, Zeichnen, Sport tragen andere Belastungen. Als SportlehrerIn habe ich z. B. eine Gruppe von sich in Bewegung befindlichen, ganz stark im sozialen Feld der Gruppe agierenden Jugendlichen vor mir, die ständig an der Rangordnung arbeiten, LehrerIn inklusive. Es passiert sehr viel an dramatischen Situationen, Konflikte brechen auf, der Lärmpegel ist hoch höchst fordernd und kräftezehrend!

Die am häufigsten gestellte FORDERUNG:

Längere Anwesenheitspflicht in der Schule!


Dieser Punkt zeigt die viel zu stark emotionalisierte Qualität der Debatte auf, weil eine Anwesenheitspflicht an der Schule «von-bis» inhaltlich völlig unsinnig wäre und nur die Öffentlichkeitswirksamkeit einer Beschneidung angeblicher Lehrerprivilegien bedienen würde (obwohl wir LehrerInnen großteils nicht zu jung, zu schön und zu reich sind).

Ausgedehnte Anwesenheitspflicht ist kontraproduktiv, weil
- unsere Arbeitsplätze katastrophal sind. Ich sitze in einem Raum Größe ca. 14 x 6,5 m, in dem 28 Tische aufgestellt sind mit 56 Arbeitsplätzen für mehr als 70 LehrerInnen. Mein Arbeitsplatz ist ein halber Tisch, Fläche 65 x 65 cm. Eine Schreibtischlade und ein Kästchen 53 x 45 x 45 cm sollen als Stauraum für die gesamten Arbeitsunterlagen dienen. Also entstehen Türme auf den Tischen, bis zu 50 Notebooks strahlen durch den Raum, in dem an Arbeiten nicht mehr zu denken ist. Das Arbeitsinspektorat würde, wären wir nicht im Staatsdienst, nicht nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen Übrigens hat Herr Bundeskanzler Faymann bei einem Besuch unserer Schule beim Durchschreiten des Konferenzzimmers genau jenes festgestellt, dass nämlich eine Anwesenheitspflicht bei diesen räumlichen Gegebenheiten unmöglich ist.
- durch die unterschiedlichen Stundenpläne eine festgelegte Anwesenheitsverpflichtung «von-bis» ein großes Maß an Ungerechtigkeit beinhalten würde, nach dem Zufallsprinzip der kleinst- und größtmöglichen Übereinstimmung mit dem einzelnen Stundenplan.
- wir alle ohnehin erreichbar sind und die ausgedehnte Anwesenheitspflicht einem System übergestülpt werden würde, das eine andere gewachsene Struktur aufweist mit allen Problemen, die daraus folgen würden.

Die am häufigsten gestellte FRAGE an uns LehrerInnen:

Was macht denn euren Job wirklich so anstrengend?


Eine gute Freundin von mir, die schon immer gerne eine nachvollziehbare Antwort auf diese Frage gehabt hätte, erzählte mir eines Tages, sie habe am Nachmittag ein anstrengendes Meeting: einzige Frau, noch relativ jung dazu; sie müsse ihr Projekt vorstellen, ihre Kompetenz beweisen, dürfe sich von einigen nicht wohlwollend eingestellten Männern nicht aus dem Konzept bringen lassen. Und ich sagte dann, jetzt stell dir vor, du hast so ein Meeting, 50 Minuten, dann fünf oder zehn Minuten Pause, dann das nächste, dann das nächste Wenn du Pech hast, sechs hintereinander, fünf Tage die Woche Du musst in jedes Meeting top vorbereitet und hellwach gehen und deine Position behaupten. Dass unser Klientel hauptsächlich aus pubertierenden Jugendlichen besteht, bei denen bekanntermaßen eigene Spielregeln herrschen (z. B. dass sie von uns Erwachsenen jeden Respekt der Welt verlangen, diesen aber ungern geben), macht die «Meetings» nicht wirklich einfacher. Daneben ist noch schnell all die andere Arbeit zu erledigen, das Administrative, das Organisatorische, und jede Menge Erziehungsarbeit. Meine Freundin hat daraufhin gemeint, da sei etwas nachvollziehbar für sie.
Über die starke Beamtengewerkschaft, die uns bis jetzt einige unerträgliche ministeriale Ideen vom Leibe gehalten hat, bin ich einerseits froh, andererseits wären außer dem NJET oft mehr erklärende Worte von Gewerkschaftsseite gut gewesen.

Was ich mir wünschen würde:
Dass z. B. ein/e UnterrichtsminsterIn sagt: «Liebe LehrerInnen, ich weiß, dass ihr qualifizierte Arbeit leistet, dass ohne all das, was ihr zusätzlich noch freiwillig und unbezahlt tut, das ganze System Schule zusammenbrechen oder zumindest seiner besten und tragendsten Aspekte beraubt werden würde.» Würde dann der Nachsatz kommen: «Leider können wir euch trotzdem nicht mehr zahlen», so wäre das zumindest fairer als die Arbeit der ganzen Berufsgruppe, deren oberste/r ChefIn man/frau ist, schlecht zu machen, um noch mehr sparen zu können.

Ein Gedanke zum Schluss:
Wenn unsere Arbeit wirklich so ein Spaziergang mit so viel Freizeit und toller Bezahlung wäre (es wurden genug falsche Zahlen kolportiert!), warum fehlt dann der LehrerInnennachwuchs an allen Ecken und Enden? Ist es nicht eher so, dass unsere Arbeitsbedingungen in den letzten 20 Jahren so verschlechtert wurden, dass jede/r, die/der die Berufung zum Lehren verspürt, sich das zehnmal überlegt, vor allem zusammen mit dem schlechten Image und den Sündenbockkampagnen wenn etwas mit Bildung nicht so klappt wie gewünscht (siehe Pisa), dann sind auf alle Fälle die faulen und rückständigen LehrerInnen schuld dass die öffentlichen Schulen immer mehr kaputtgespart werden und hier möglicherweise die Wurzel der Probleme zu finden ist, wird dabei nicht thematisiert

Irmgard Bauer / 18.05.2011