«800 Euro ist eh ganz gut»

AKH: Leiharbeiter_innen kämpfen um menschliche Arbeitsbedingungen

article_2319_alberto_muriel_180.jpg Die sogenannten «sinnlosen Großprojekte» - siehe Kasten - gehören zum jetzigen Stadium des Kapitalismus wie das Amen zum Gebet. Sinnlose Großprojekte sind Umverteilungsmaschinen. Öffentliches Geld fließt zum privaten Kapital. Im Fall des Monsterbaus namens Krankenhaus Nord fließen Gesundheitsgelder in die Bauwirtschaft. 500 Millionen kostet das Projekt, hieß es gestern. 900 Millionen, heißt es heute. 1,6 Milliarden werden es schließlich in Wirklichkeit sein, steht im «profil». Einerlei. Die Stadt zahlt alles. Dafür wird beim Spitalspersonal gespart. Ein Bericht über die skandalösen Arbeitsbedingungen des Reinigungspersonals im AKH.
Sabine Hattinger, Robert Sommer / 17.09.2013
Auf der Suche nach Helga hangle ich mich von einem Reinigungswagen zum nächsten. Im Reinigungsstützpunkt riecht es nach Chemikalien, die Luft steht, und Fenster gibt es keines. Helga hat Mittagspause und isst ihr Butterbrot. «Eigentlich dürfen wir hier nicht essen. Wegen der Reinigungsmittel. Aber Aufenthaltsraum gibt es keinen für uns», erklärt sie mir. Eine Kollegin hätte sich aus Protest einmal in den Gang gesetzt, zum Essen. Aber das sei eigentlich ihr kleinstes Problem.

Helga ist 49 und arbeitet schon seit einigen Jahren im AKH. Als Leiharbeiterin ist sie jedoch nur indirekt hier beschäftigt. Durch einen Korruptionsskandal haben es ihre Chefs zu unrühmlicher Bekanntheit gebracht. Der Akademische Gästedienst in Österreich (AGO) habe sich, so die Vorwürfe, mit Pokerabenden ins AKH eingekauft. Helga hatte damit freilich nichts zu tun. Trotzdem verliert sie, mit bis zu 1000 Kolleg_innen, vielleicht ihren Arbeitsplatz. Der AGO wird durch neue Firmen ersetzt. Ab jetzt sollen Reinigungsfirmen statt der Leiharbeitsfirma beauftragt werden. Das bedeutet allerdings noch schlechtere Kollektivverträge und Arbeitsbedingungen. Diese Informationen dringen nur spärlich zu den Angestellten durch. «Das war schon einmal so», erinnert sich Helga. «Vor dem AGO war die Firma Janus hier. Damals haben die Kollegen ihre Kündigung von einem Tag auf den anderen bekommen.» Die Ungewissheit sei unerträglich. «Wenn man nicht weiß, wie lange man noch Arbeit hat, kann man sich keine Gedanken über die eigene Zukunft machen.»

Letztes Jahr wurde ein Betriebsrat gewählt. Einige Kollegen wurden daraufhin gekündigt. Fast ein Jahr hat es gedauert, bis der Betriebsrat durchgesetzt werden konnte. Trotz Arbeitslosigkeit haben sie einfach weitergemacht und einen Organisierungsfeldzug durch die Stationen gestartet. Dabei haben sie auch Helga gefunden. Und dann fing alles eigentlich erst an. «Es hat schon einige Betriebsversammlungen gegeben, Unterschriften wurden gesammelt und eine Kundgebung vor dem Rathaus gab es auch», berichtet sie vom Kampf um die Arbeitsplätze, während sie mir die Flugschriften zeigt. «Am 1. Mai waren wir vor dem Rathaus und haben mit vielen Leuten gesprochen. Die SPÖ hat durch die Lautsprecher verkündet, dass sie sich für die Arbeiter einsetzt. Aber davon haben wir in der letzten Zeit nichts gespürt. Einer der Sozialdemokraten hat sogar zu mir gesagt, dass man mit 800 Euro eh gut auskommen kann.» Helga war immer Sozialdemokratin, und in einem ihrer letzten Jobs sogar in der Gewerkschaft aktiv. Aber jetzt ist sie enttäuscht und wütend. «Die kümmern sich nur mehr um ihre eigene Geldtasche, und nicht mehr um die Arbeiter», meint sie.

«Managen statt Verwalten» - das bedeutet für das Personal immer Schlechtes


Am Gängelband der unsichtbaren Hand des Marktes hat die Stadt Wien schon zahlreiche Privatisierungen durchgeführt. Unter dem Titel «Managen statt Verwalten» wurden die Wiener Krankenhäuser zu Unternehmen umgewandelt. Zuallererst wurden und werden die sogenannten «patientenfernen Bereiche» ausgelagert. So etwa Reinigung, Küche und Wäscherei, aber auch Labors oder Röntgenabteilungen.

Ziel war und ist die Reduktion der Gemeindebediensteten und somit die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Helga und die meisten ihrer Kolleg_innen versuchen schon seit Jahren, einen Vertrag bei der Gemeinde zu bekommen. Für den Großteil hat sich dieser Wunsch nicht erfüllt. «Es ist schon komisch, dass Kolleginnen mit der gleichen Arbeit unterschiedliche Verträge haben. Wir Leiharbeiter haben zum Beispiel keinen Kündigungsschutz. Eine Kollegin hat mit Bandscheibenvorfall weitergearbeitet und wurde dann trotzdem gefeuert», erzählt Helga, während sie mich durch die labyrinthartigen Gänge des AKH führt.

Sie deutet auf die unterschiedlichsten Leute und erklärt mir, welche Positionen von Leiharbeiter_innen besetzt sind. Lachend erzählt sie mir, dass Leiharbeit keine Personalkosten verursacht und unter Materialaufwand verrechnet wird. «Wir sind Material. Uns kann man einfach austauschen. Bei dem letzten Firmenwechsel mussten die Kolleginnen noch die Neuen einschulen. Dann wurden sie gekündigt.» Helga ist jedoch nicht nur um ihren Arbeitsplatz besorgt, sondern auch um die Qualität der Hygiene im Krankenhaus. In Österreich sterben mehr Menschen an Krankenhauskeimen als an Verkehrsunfällen. «Wenn das Reinigungspersonal ständig ausgewechselt wird, können die Hygienestandards gar nicht gehalten werden. Dazu kommt noch, dass wir ständig mehr Räume in immer kürzerer Zeit machen müssen.» Eigentlich müsse zum Schutz der Patient_innen mehr und nicht weniger Geld in die Reinigung gesteckt werden. Helga würde bei diesen Entscheidungen gern ein Wörtchen mitreden.

Wenngleich also vieles zum Schlechten steht, gibt es auch Schönes zu berichten. Durch den Kampf gegen die Kündigung hat Helga neuen Mut gefasst und viele neue Leute kennengelernt. «Vor den Versammlungen haben wir uns gegenseitig gar nicht gekannt, weil wir ja alle verstreut sind im Krankenhaus. Jetzt ist das anders. Auch wenn noch nicht alle daran glauben, dass wir auch was erreichen können. Zumindest sind wir nicht mehr allein mit all diesen Problemen.» Sie begleitet mich zum Ausgang. Die Mittagspause ist bald zu Ende. Wir sprechen über die Zukunft. «Mit dem Arbeitslosengeld oder dem Lohn bei einer Reinigungsfirma müsste ich mir überlegen, ob ich lieber Essen oder meine Miete zahlen soll.» Ich bin erstaunt über die Leichtigkeit, mit der sie über ihre Situation spricht. Helga schmunzelt. «Ich kann ja nur hoffen und weitermachen.»



Warum Mega-Spitäler?

Wie sehr könnte es in den Wiener Spitälern menscheln, wenn nur ein Bruchteil der Gesundheitsgelder, die zu Profiten der Pharmaindustrie, der Geräteproduzent_innen und der Bauwirtschaft werden, für ausreichendes Krankenhauspersonal - von den Ärzt_innen bis zum Reinigungspersonal - verwendet werden würde. International ist die Konzentration auf Super-Krankenanstalten aus verschiedenen Gründen sehr umstritten; die «Spitalsreform» der Stadt Wien kümmert sich nicht um diese Kritik und schwärmt vom größten der Spitäler. Es entsteht derzeit auf ehemaligem ÖBB-Gelände in Floridsdorf.
Es ersetzt bestehende Spitäler, die in den kommenden Jahren geschlossen werden sollen. Der Krankenanstaltenvebund und die rotgrüne Stadtregierung behaupten, dass sie unmodern und unzweckmäßig geworden seien. Die wirklichen Gründe für die Konzentration auf Megaspitäler (das Krankenhaus Nord in Floridsdorf ist das dritte dieser Art): Erstens können damit die Interessen der Baukonzerne bedient werden, die in Form einer oftmals kritisierten «Freunderlwirtschaft» mit der Politik verbunden sind; zweitens befinden sich die Spitäler, die man angeblich nicht mehr braucht, als Resultat einer sehr weitsichtigen Stadtplanung nach der vorletzten Jahrhundertwende an den wertvollsten Lagen der Stadt; diese können nun ebenfalls an private Investoren verscherbelt werden. So gesehen ist die Wiener «Spitalsreform», die angeblich der Verbesserung des Gesudheitswesens dient, im Kern eine doppelte Umverteilungsmaschine von Öffentlich zu Privat.
«Das sinnlose Großprojekt», meint der deutsche Gesellschaftskritiker Georg Seeßlen, «hat als erste Aufgabe keineswegs die Verbesserung der Welt, in der wir leben. Selbst jene Vorteile, die uns versprochen werden, werden konsequent verfehlt. Die Nachteile dagegen steigen ins Unermessliche, beinahe immer werden sie vorher verschwiegen, schöngeredet, unterdrückt. Nein, das sinnlose Großprojekt hat ausschließlich zum Ziel, Geld zu bewegen und Macht zu verteilen. Alles ist hier darauf ausgerichtet, öffentlichen Raum nicht zu erzeugen, sondern zu vernichten. Das Scheitern in Form von Verzögerungen, Pleiten und Kostenexplosionen ist struktureller Teil des sinnlosen Großprojektes (...) Das sinnlose Großprojekt hat als Inhalt nichts anderes, als die Verwandlung von öffentlichem in privates Geld.» Seeßlen hat dabei vor allem Großtunnel-, Bahnhofs-, Shoppingcenter- und Flughafenausbauprojekte im Sinn; das Krankenhaus Nord reiht sich «würdig» in diese Liste ein.


Sabine Hattinger, Robert Sommer / 17.09.2013