Absolutismus reloaded

Von der Beschneidung der freien Bildung an der Uni Wien

tun-studienrichtung©niko.jpg Prekarität, also Leben unter dem Damoklesschwert der völligen Verarmung, ist Alltag, wenn man «Internationale Entwicklung (IE)» studiert. Seit über zehn Jahren gewährleisten nur immer neue Kämpfe von Lehrenden und Studierenden und maßlose Selbstausbeutung das knappe Überleben der jungen, kritischen Disziplin. Aktuell ist es wieder so weit: Das Rektorat erteilt dem lange geplanten Masterstudium eine Absage, die Konsequenz könnte die komplette Abschaffung der IE sein.
Nikolai Schreiter / 05.05.2011
«Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.» Dieser wunderschöne Satz ziert die Hauptstiege im NIG, einem der wichtigsten Gebäude der Universität Wien. Entlehnt ist er aus dem Staatsgrundgesetz, Artikel 17. Diese Überbetonung an zwei prominenten Stellen macht schon skeptisch. Angesichts der aktuellen Bildungspolitik und der Intervention des Rektorats in die Lehre der IE, ist er Stein und Papier, auf denen er steht, nicht wert: Die Einführung des Masterstudienplans der Internationalen Entwicklung war seit der Umstellung auf das Bachelor-Master-System für alle Beteiligten eine ausgemachte Sache, im Herbst 2011 sollte es so weit sein. Überraschend wackelt momentan mit dem Master dennoch die ganze IE. Der Grund: Ein fachfremder Beinahe-Pensionist sagt: «Nein!» und nutzt damit seine Position als Rektor aus.
Unter dem Vorwand von Finanzierungsargumenten stellte der scheidende Rektor Winckler in einem Brief am 23. Februar 2011 die Einführung des IE-Masters erstmals in Frage. Weil diese aber auch im offiziellen Entwicklungsplan der Uni verankert war, gilt das Argument nicht: Man wusste seit Langem, dass der Master kommen soll und dass er natürlich Geld kosten wird. Die chronische Unterfinanzierung der Universitäten wird nun als Argument benutzt, ein Studium, das zu Analyse und Kritik am bestehenden System animiert, zu beschneiden. Mitte März äußert das Rektorat entgegen seiner Kompetenz Bedenken bezüglich der «Qualität des MA-Curriculums», und seit Kurzem steht auch die Zukunft des Bachelors auf dem Spiel. Die ersten 90 Studierenden sind bereits mit dem Bachelor Internationale Entwicklung fertig, viele weitere werden es nach dem laufenden Semester sein.
Der Studienplan, monatelang von einer offiziellen, interfakultären Kommission erarbeitet und bereits in erster Senatslesung erfolgreich abgesegnet, soll nach dem Willen des Rektorats nochmals diskutiert werden. Die rechtliche Grundlage hierfür ist fragwürdig denn die inhaltliche Kompetenz bei der Ausgestaltung von Studienplänen liegt eindeutig bei der Curricular-AG. Das Rektorat und auch der designierte Rektor Engl versuchen mit dem Vorschub scheinheiliger Argumente zu verdecken, dass es in ihrer Position offenbar ausreicht, einfach nicht zu wollen. Als geradezu unerhörte Provokation erscheint die Kritik an «inhaltlichen Mängeln» des Masterstudiums in Anbetracht dessen, dass der Studienplan 14 Tage zur Begutachtung auf der Senatshomepage auch dem Rektor zugänglich war und keineswegs kritisiert wurde. Auch die Forderung nach einem englischsprachigen Master, die sich durch die letzten Gespräche seit Februar zieht, dient nur einer Überlegung: Wie kann dieses Studium eingeschränkt oder abgeschafft werden?

Tradition der Kämpfe


Die IE existiert überhaupt nur, weil Studierende und Lehrende seit Jahren für ihr Studium kämpfen. Von oben gewollt war das Studium nie, und auch heute ist es nur möglich, weil die mittlerweile zugestandenen vier Gastprofessor_innen, vier Studien- und drei Universitätsassistent_innen sowie die drei administrativen Kräfte und die externen Lektor_innen die mittlerweile über 3000 Studierenden mit einer selbstausbeuterischen Aufopferung betreuen, die ihresgleichen sucht. Auch die mehr als 1000 Demonstrierenden, die sich beim IE-Aktionstag am 13. 4. 2011 eingefunden und den prestigeträchtigen Bachelorday der Uni Wien gestürmt haben, stehen in dieser Tradition. Diese Karriereveranstaltung der Uni sollte unter anderem der Wirtschaftskammerpräsidentin und dem Personalchef des Mineralölkonzerns OMV ein Forum bieten und stand bezeichnenderweise unter dem Motto «Bachelor was nun?»
Dass die IE als besonders ungeliebtes Kind lediglich den drastischsten Einschnitten im Streichkonzert der Bildungspolitik ausgesetzt ist, ist aber auch klar. Ebenso können viele andere Sozial- und Geisteswissenschaften oder als «Orchideenfächer» bezeichnete Studienrichtungen ein Lied von negativen Klassifikationen und ständigen Kürzungen singen. Was sich nicht ökonomisch verwerten lässt oder das Prestige der Universität in diesem Sinn nicht zu steigern weiß, hat es hier schwer. Schreibt der neue Rektor Engl noch in seinem Vorstellungsschreiben an alle Studierenden, er wolle die «Attraktivität des Studienorts weiter steigern», wirft er der Internationalen Entwicklung nun die eigene Attraktivität vor. Sie sei schuld an der Prekarität des Studiums. Was also meint er, wenn er die «Attraktivität des Studienorts steigern» will? Für wen soll sie attraktiv sein, die Alma Mater Rudolphina? Die 3000 Studierenden der IE scheinen jedenfalls nicht gemeint gewesen zu sein.
Diese jedoch werden ihre Ziele nicht aufgeben: Einführung des Masters im Herbst 2011, ein eigenes Institut und eine ausreichende Finanzierung stehen nach wie vor im Forderungskatalog. Bis es wirklich wieder heißt: «Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.»

Kleines Lexikon der 2 Begriffe

Bachelor (ausgesprochen ungefähr: Bedschela) ist ein Ausbildungsgrad an Universitäten. Ein Bachelor-Studiengang hat nur eine Regelstudienzeit von 6 bis 7 Semestern. Der Bachelor-Abschluss ist berufsqualifizierend.
Master ist ebenfalls ein akademischer Grad, allerdings ein «wertvollerer», weil ein bereits errungener Bachelor-Titel die Voraussetzung für das in die Tiefe gehende Master-Studium ist.
Nikolai Schreiter / 05.05.2011