Alleinerzieherinnenbeschwerde

Kinderarmut: Sichtbar machen, was unsichtbar in Österreich ertragen wird!

article_1604_alleinerzieherinnen_180.jpg Wir befinden uns noch im «Europäischen Jahr 2010 zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung». Aus diesem Anlass veranstaltete die österreichische Plattform für Alleinerziehende (ÖPA) am 8. Oktober 2010 einen Studientag im Linzer Wissensturm. Der Titel des Studientages lautete «Wege aus der Kinderarmut Kinder in alleinerziehenden-Familien» und er spricht Bände. Obwohl ich selbst Alleinerzieherin bin, wurde mir erst durch diesen Studientag klar, welche enorme Krise ich durchwanderte.
Michaela Schreiner / 03.11.2010
Die Vorsitzende der ÖPA, Regina Schlacht, eröffnete mit einem Kommentar zu einer der Aufgaben der Plattform, nämlich der Beschleunigung von Unterhaltsvorschussverfahren. Auch diese Hürde haben Alleinerziehende oft genug zu überwinden, neben unzähligen anderen, eigentlich ebenso vermeidbaren Belastungen. Die Geschäftsführerin der ÖPA, Elisabeth Wöran, sprach von der Notwendigkeit der Sichtbarmachung der Kinderarmut, vor allem in Ein-Eltern-Familien. AlleinerzieherInnen machen die Unsichtbarkeit mit, indem sie bei sich selbst sparen.
Die erste Vortragende des Tages, Nadja Maria Lobner, Koordinatorin des Zentrums für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg, referierte von einem ihrer Forschungsschwerpunkte, der Resilienz. Die Frage, ob das Konzept der Resilienz, sprich der Erwerb von Fähigkeiten, um schwierige Situationen zu meistern, als eine Armutsprävention gesehen werden kann, wirft weitere Fragen auf: Wollen wir Resilienz-Programme, die es uns ermöglichen, uns in ein ungesundes System einzuordnen, oder wollen wir Resilienz als eine Fähigkeit verstehen, die es uns ermöglicht, ungesunde Verhältnisse zu verändern?

Das Konzept der Resilienz spielte in der Armutsforschung immer schon eine wesentliche Rolle. Resilienz wird als «Seelenkraft» bezeichnet. Für ein Scheidungskind bedeutet die Trennung der Eltern eventuell eine traumatische Erfahrung, muss es aber nicht. Für Eltern in Scheidung ist es unter anderem in Bezug Resilienz wichtig, wie man auf sich selbst schaut. Es geht um den Sinn in der Krise. Der Resilienzprozess ist ein linearer Prozess. Eine Krise führt zu Stress, beziehungsweise der Stress kann zur Krise werden. Kann man seine Situation einschätzen und führt diese Einschätzung zu Handlungen, weil man zuvor Möglichkeiten erkannte , so kann Resilienz Armut verhindern. Humor und Lachen, dies sind Ressourcen bzw. Resilienzen.
Will man die Resilienz seines eigenen Kindes erfahren, so sollte man versuchen zu sehen, was das Kind ablehnt und was es haben will. Die Vortragende sieht das Zurück zum Ursprung als Weg derHeilung. Muße und Kunst,erwähnt sie als Ressourcen. Und Kinder brauchen Freunde zum Spielen, nicht Spielzeug. Kinder brauchen Menschen.


Arme Kinder, reiches Land. Was aus der Armut führt

Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich, Mitbegründer der Armutskonferenz, von «Sichtbar werden» (Armutsbetroffene organisieren sich) und unter anderem Co-Autor des kürzlich erschienen Buches «Es reicht! Für alle. Wege aus der Armut», referierte über soziale Ungleichheit, welche nachweislich in und nach Wirtschaftskrisen größer wird. Die Krise ist dann vorbei, wenn die Armut sinkt. Je gespaltener die Gesellschaft, desto länger dauert die Armut. Arme Kinder von heute sind die chronisch Kranken von morgen. Armut geht unter die Haut. Bedeutet Stress. Alleinerziehenden Haushalte weisen erhöhten Stress auf. Der Cortisolwert (Stresswert) ist bei Alleinerziehenden doppelt so hoch. Zukunft trotz Herkunft, wenn aus armen Kindern arme Eltern werden? Armut führt bei vielen Kindern und Jugendlichen zu depressiven Stimmungen. In so manchen nordischen Ländern haben Alleinerziehende geringe Armut zu bekämpfen. Ein Weg aus der Armut ist zum Beispiel ein Angebot an sozialen Dienstleistungen (wie zum Beispiel Kinderbetreuung), dies reduziert Armut immens. Je höher die Sozialschutzausgaben, desto geringer die Armut. Soziale Dienstleistungen reduzieren soziale Ungleichheit signifikant, nämlich um fast ein Viertel.
Die Vergrößerung der sozialen Schere bringt mehr Gewalt, mehr Stress, weniger Leben und weniger Vertrauen. «Jetzt nach der Krise werden die Reichen noch reicher.» Und genau diese obersten 10 Prozent der Profiteure müssen für die Armutsbekämpfung herangezogen werden.


Armut hat viele Gesichter

Die Kinder- und Jugendforscherin Ingrid Kromer berichtete von der Bedeutung von Armut aus der Sicht von 10- bis 12-jährigen Mädchen und Buben in Österreich. «Insbesondere in diesem Alter verfügen Kinder über eine narrative Kompetenz, die auch notwendig ist, um ausführlich und detailliert über Kinderarmut reden zu können.» Sie erhob als Doktorandin gemeinsam mit der Doktorandin Gudrun Horvat Datenmaterial in Gruppengesprächen im Rahmen von freiwilligen Kindergruppen bzw. Heimstunden. Die eingesetzte methodolgische Forschungsstrategie Grounded Theory zur Wahrnehmung von Armut entsteht durch den Vergleich mit anderen Situationen. Armut wird relativiert. Armut wir in einem absoluten Sinn empfunden, sprich «da hat man gar nichts». Die eigenen Armutserfahrungen von Kindern in Österreich werden durch diesen Maßstab der «absoluten Armut«» relativiert. Armut erkennen sie bei anderen anhand von Outfit, am (Nicht-)Besitz von bestimmten Konsumgütern. An freizeitkultureller (Nicht-)Teilhabe. An «schlechter» Schulbildung. Am Habitus.
Kinder in Österreich machen Erfahrungen von Armut also in ihrer eigenen und in der fremden Lebenswelt. Und werden in der Forschungspraxis und in der Armutsberichterstattung kaum als Subjekte ernst genommen. Eine kinderzentrierte Sichtweise fehlt über weite Strecken, da Mädchen und Buben in österreichischen Untersuchungen kaum selbst zu Wort kommen. Kinder machen in Österreich ein Viertel aller Armutsgefährdeten aus und kommen kaum selbst zu Wort!
Wege aus der Armut sind zum Beispiel funktionierende soziale Netzwerke, gute Familienbeziehungen, gute Freunde und Freundinnen. Gute Beziehungen zu SchulpädagogInnen bieten Schutz und Widerstandskraft (Resilienz).
Nur wenn Kinderrechte ernst genommen werden, ist Armut verhinderbar. Und wenn ein sicheres soziales Netz vorhanden ist. Wenn Dinge wie Bildung und Ausbildung gesichert sind. Wenn Partizipation stattfindet. Wenn psychische und physische Vitalität ermöglicht wird. Kultur und Muße sind wichtig. Im Moment denken Kinder in Österreich bei Armut an «nichts haben und nichts sein», an «arm dran sein», an «wenig von allem haben», an «arm drauf sein», «anders und verletzt sein», «allein und einsam sein», eben «mutterseelenallein».


Armutsgefährdungsprofil von Kindern und Jugendlichen in Österreich

Die Studientag-Vortragende, die Soziologin Ursula Till-Tenschert, leitet unter anderem das Projekt zur Erhebung der Statistik zu Einkommen, Armut und Lebensbedingungen (EU-SILC) bei Statistik Austria.
Im Jahr 2008 lebten in Österreich rund 1 Million Menschen unter der Armutsgefährdungsschwelle (12 Prozent der Gesamtbevölkerung). Kinder haben in Österreich ein überdurchschnittliches Armutsrisiko. 260.000 Kinder und Jugendliche waren in Österreich 2008 armutsgefährdet (15 Prozent).
Kinder bewerten ihre Armutserfahrungen auf Basis von Armut in einer anderen Welt. Die Aussage «Arm, das sind die Anderen» beschreibt diese Sicht sehr genau. Die 28 Prozent der Kinder aus Ein-Eltern-Haushalten trifft das zweithöchste Armutsriskio. Die Hälfte der armutsgefährdeten Kinder lebt in Haushalten, wo ein Mindestlebensstandard nicht erreicht wird. Die Familien haben Probleme wie zum Beispiel die Wohnungen ausreichend zu heizen, haben Rückstände bei laufenden Zahlungen und müssen sich bei der Ernährung einschränken. Manifeste Armutslagen werden somit bei 7 Prozent der Kinder und Jugendlichen erfasst.Am häufigsten sind Kinder von AlleinerzieherInnen betroffen, jedes fünfte Kind in einem Ein-Eltern-Haushalt ist manifest arm. Bei Ein-Eltern-Haushalten ist auch bei hoher Erwerbsbeteiligung ein überdurchschnittliches Armutsrisiko zu beobachten.


Wege aus der Armut können nur durch einen Mindeststandard beschritten werden. Dieser ist absolut notwendig.

In Österreich sollte sich jeder leisten können, die Wohnung angemessen warm zu halten, laufende Rechnungen zu bezahlen, zum Arzt und Zahnarzt zu gehen, Fleisch und Fisch jeden 2. Tag essen zu können und einmal im Monat Freunde einzuladen nach Hause, neue Kleider bei Bedarf zu erwerben und unerwartete Ausgaben (wie zum Beispiel die Waschmaschine reparieren zu lassen) bezahlen zu können.
Werte Leserschaft kreativer Protest ist gefragt! Nur eine verantwortliche Gesellschaft kann bei der Sichtbarmachung von Armut mithelfen! Armutsverhindernd ist natürlich auch leistbarer Wohnraum! Und die Grundsicherung für Kinder bzw. die Mindestsicherung für Kinder und Eltern! Auch Bildung muss gesichert sein! Kinder und Jugendliche müssen in ihren Bedürfnissen wahr genommen werden! Grundrechte müssen leistbar sein! Ein europäisches Abkommen zur Grundsicherung für Kinder muss geschaffen werden und ist in Arbeit! Die symbolische Ordnung muss sich ändern! Österreich soll endlich die UNO-Kinderrechtskonvention unterschreiben! Kinderrechte müssen in die Verfassung! Betreuung für Kinder muss auch außerhalb der Familien gesichert sein! Faire Arbeitszeiten und faire Entlohnung!

Diese Forderungen mit Ausrufezeichen stammen von der abschließenden Podiumsdiskussion des Studientages. Hierbei forderte Elisabeth Wöran von der ÖPA erneut zur Vernetzung auf, ermutigt zur Beratung und wünscht sich Solidarität. Und erzählt, dass keiner der eingeladenen Verantwortlichen aus der Politik zum Studientag kam. Darum hier nochmals für die ferngebliebenen Damen und Herren: Eine Systemänderung in der Politik und ein Sozialstaatssystem müssen stattfinden!
Michaela Schreiner / 03.11.2010