Auf 4000 Metern: Die «Hochschule» in Lingshed

Solidarische Abenteuer (4) – Lernen im Bergdorf

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Über Österreicher_innen, die im Ausland an sozialen und ökologischen Projekten arbeiten, berichtet Johann Bogenreiter. Diesmal: ein Schulprojekt in Ladak.

Foto: Friends of Lingshed und Christian Hlade


Johann Bogenreiter / 27.03.2017

Es ist zehn Uhr, der Schultag beginnt. 120 Kinder mit blitzblauen Kappen und Blusen sowie dunklen Hosen singen die indische Hymne. Danach beten sie, und die Lehrerin Thinles Lhamo hält einen kleinen Morning Talk. Auch Sport steht auf dem Stundenplan, erst danach geht es in die Klassen. Zum Mittag­essen gibt es meist Tsampa: geröstete Gerste, Erbsen, Fladenbrot. Am Nachmittag wird gesungen und gespielt. Die Schule in Ling­shed, einem kleinen Dorf in Ladakh, ist eine Ganztagsschule. Wenn die Kinder in ihre Schuluniformen schlüpfen, fängt für sie eine besondere Zeit an, denn zu Hause ist vor allem Arbeiten angesagt: Schafe hüten, Holz tragen, den Dung von Yaks und Ziegen sammeln, der kostbares Brennmaterial für die bitterkalten Wintermonate ist.
Die Eltern vieler Kinder können selbst nicht lesen und schreiben. Genau so war es auch bei zwei einstigen Hirtenmädchen, die heute begeisterte Lehrerinnen sind. Thinles Lhamo erinnert sich noch gut, wie sie als Sechsjährige Schafe hüten musste und in einer Ruhepause, mit einem Strohhalm im Mund, die Wolken am Himmel beobachtete. Dabei reifte ein Wunsch, den sie noch am selben Tag der Mutter unterbreitete: «Ama-le (Mutter), wenn ich groß bin, möchte ich Lehrerin werden.» Obwohl die Arbeit des Mädchens am kargen Bauernhof dringend benötigt wird, darf sie die Schule besuchen. Der lange und beschwerliche Schulweg stört Thinles nie, ihre ausgezeichneten Leistungen bleiben nicht verborgen, sie darf ins Gymnasium nach Khaltse, wo sie maturiert. Danach beginnt sie in der Hauptstadt Leh ihre pädagogische Ausbildung. Seit 2004 ist sie Lehrerin in ihrem Heimatdorf und freut sich, dass ihre Tochter mittlerweile auch hier eingeschult wurde.


Traumberuf

Kunsang Choton wurde 1986 als zweites von sechs Kindern geboren, ihre Eltern bewirtschafteten einen kleinen Bauernhof. Da der Vater früh starb, musste sie schon als Kind mithelfen. Trotzdem konnte auch sie die Dorfschule besuchen und maturieren. Nach Abschluss ihres Studiums arbeitete Kunsang zwei Jahre als Erzieherin in Leh, anschließend bildete sie sich in Südindien weiter. Aber sie beschloss zurückzukehren: «Mein Platz ist in Lingshed. Als ich 2010 dort eine Anstellung bekam, hatte ich mein Ziel erreicht. Nun unterrichte ich seit vier Jahren in meinem Heimatdorf, in dem ich selbst Schülerin war», berichtete sie 2014. Beide Lehrerinnen sind mit ihrem Lebensweg ein Vorbild für alle Schüler_innen.
Der Verein Friends of Lingshed leistet durch Bildungsprogramme nachhaltige Hilfe. Seit 1994 engagiert sich ein österreichisches Team ehrenamtlich in dieser Region. Mit Spendengeldern finanziert der Verein verschiedene Projekte und Stipendien.
Ladakh, ein Gebiert knapp größer als Österreich, gelegen im indischen Bundesstaat Jammu und in Kaschmir, wird von den höchsten Gebirgen der Welt, dem Karakorum im Norden und dem Himalaya im Süden, eingefasst. Nur 270.000 Menschen, großteils tibetischer Herkunft, besiedeln das karge Bergland. Das buddhistisch geprägte Erbe Tibets kann dank einer von Indien gewährten Autonomie weiter gepflegt werden. Tradition und Moderne lösen einander nicht ab, sondern entwickeln sich in Ladakh parallel weiter. Der handwerkliche Bau eines neuen «Tschörten» (Reliquienschrein) und die Montage von Sonnenkollektoren für die Schule etwa sind für die Dorfgemeinschaft von Lingshed gleich wichtig. Schulbildung und Studium sind der Schlüssel zu diesem Weg in die Zukunft.


Lernen mit der Kraft der Sonne

Als der Architekturstudent Christian Hlade im Jahr 1991 in das damals extrem abgelegene Lingshed kam, war es Liebe auf den ersten Blick. Er beschloss, die Planung einer Solarschule für das auf 4000 Metern gelegene Bergdorf zu seiner Diplomarbeit zu machen. Damals gab es nur ein brüchiges Schulgebäude, in dem Ziegen he­rumkletterten. Ab 1993 organisierte er den Unterricht in einem verlassenen Wohnhaus, ab 1997 zusammen mit dem von ihm gegründeten Verein Friends of Lingshed. Drei Jahre später konnte die Schule mithilfe von Spendengeldern gebaut werden. «Ich verbrachte viele Monate am Dach der Welt. Das war der Auslöser, um meine Anstellung als Architekt aufzugeben, und zugleich der Startschuss von Weltweitwandern, dem von mir gegründeten Reiseunternehmen», erzählt Hlade.
2013 kehrte er nach Lingshed zurück – und staunte darüber, was sich getan hatte: Erforderte die Reise von Leh nach ­Ling­shed früher fünf Tage Fußmarsch, so gab es nun eine Straße, und man wandert nach der Fahrt nur noch vier Stunden. Bei seiner Ankunft wird er herzlich empfangen und in der Solarschule untergebracht, die wohnlich und warm ist. Die Beheizung durch die Sonne funktioniert bestens. Das Gebäude wurde mittlerweile von der indischen Regierung zu einem Komplex inklusive Bibliothek, Lehrer_innenwohnungen und Internat erweitert. Im Sinne der Eigenverantwortlichkeit wurde die Schule 2008 der Bevölkerung übergeben. Stolz präsentieren die Lehrer_innen eine Auszeichnung, die an der Wand hängt: beste Schule des Bezirks!

Friends of Lingshed:
www.lingshed.org
Solidarische Abenteuer: www.solidarische-abenteuer.at

Johann Bogenreiter / 27.03.2017