Der Klopapierrollentest

Keime einer "solidarischen Ökonomie" in unserem Alltag

SolidOekonomie.jpgRund 400 TeilnehmerInnen werden zum Kongress Solidarische Ökonomie erwartet, der erstmals in Wien stattfindet (20. bis 22. Februar 2009). Sie werden von realisierten, mutmachenden alternativen Lebens- und Wirtschaftsprojekten berichten, aber sie werden auch spinnen, hier positiv als Akt des utopischen Denkens verstanden. Aber ist tatsächlich alles so utopisch, wie es scheint? Die Welt ohne Geld zum Beispiel existiert bereits: Woran es mangelt, ist die Sichtbarmachung der Bereiche nicht monetarisierten Lebens.


Nicole Lieger / 02.02.2009
Was nicht mit Geld bewertet und über Markt oder Staat gehandelt wird, verschwindet derzeit in der Unsichtbarkeit; in unserer eigenen Wahrnehmung, in der gesellschaftlichen Wertschätzung und im politischen Diskurs. Die Sichtbarmachung dieser Lebensbereiche kann uns zu neuen Visionen inspirieren und den politischen Diskurs ebenso wie die gesellschaftliche Realität verändern, lesen wir auf der Website von Nicole Lieger, Lehrbeauftragte an der Uni Wien (http://homepage.univie.ac.at/nicole.lieger). Neben der angewandten Geldkritik finden wir auch viele der weiteren Prinzipien, die in solidarökonomischen Projekten erprobt werden, auch in unserem jetzigen Alltagshandeln und können sie dort noch viel öfter finden oder auftauchen lassen, wenn wir wollen. Nicole Lieger verschafft Augustin-LeserInnen einen Überblick:

Die Geschenkökonomie


Wie wär's, wenn man sich alternativ zum Handel einen Güterfluss vorstellt, in den alle einspeisen, was bei ihnen gerade über ist, und alle nehmen, was sie gerade brauchen können, ohne Aufrechnung? Dies ist einer der Grundgedanken der Geschenkökonomie, wie ihn zum Beispiel die Kost-Nix-Läden umsetzen. Gleichzeitig leben wir diese Idee ständig ganz selbstverständlich in unserem Alltag, indem wir zum Beispiel die enge Hose und den knallgelben Pulli einer Freundin weiterschenken, die damit grad was anfangen kann. Auch in den Gemeindebauten hat sich die Tradition etabliert, gut brauchbare Dinge neben den Mistkübel zu stellen statt sie hineinzuwerfen, so dass sie nicht schmutzig werden und gut von anderen Leuten mitgenommen werden können. Hier bieten sich gute Möglichkeiten zur eigenen Praxis, wie auch für politische AkteurInnen: Statt die Mistkübel einzuzäunen und gegen mögliches Stierln abzusperren, könnten bewusst Ecken geschaffen werden, wo dieser Austausch auf Geschenkebasis gefördert wird. Das kann kleine Räume betreffen, wie die alte Waschküche im Gemeindebau, oder eine überdachte Nische beim Koloniakübel. Es könnte auch heißen, dass die Müllabgabeplätze anders organisiert werden und die Sperrmüll-Abholung zum sommerlichen Straßenfest wird: An diesem Tag können alle vors Haus stellen, was sie nicht mehr benötigen, und durch einen riesigen Gratis-Flohmarkt spazieren. Was am späten Abend noch übrig ist, wird von der städtischen Müllabfuhr abgeholt. Wäre wahrscheinlich das billigste Fest, das die Stadt je gesehen hat. Selbstorganisierte Umverteilung und Weiterverwendung erhöht den Wohlstand aber nicht das BIP, weil niemand mitzählt und rechnet. Können wir den Wohlstandsgewinn trotzdem wahrnehmen und zulassen?

Einfach leben


Die Konsum-Kauf-Welt etwas abklingen zu lassen, ist vielleicht überhaupt eine gute Idee. Und liegt vielleicht sehr nahe: vor meiner Nase sozusagen, absolut in Reichweite. Und graduell verfügbar, in appetitlichen kleinen Häppchen. Ich muss ja gar nicht ins Ökodorf ziehen (obwohl das natürlich auch eine feine Sache ist). Ich kann auch hier und jetzt das Einkaufen ein wenig abflauen lassen. Vor allem, weil es so schön viele Folge-Befreiungen auslöst (neben dem Umweltschutz): viel weniger Druck, Geld verdienen zu müssen. Das heißt, mehr Möglichkeit, die eigenen Lebenszeit so zu gestalten, wie es mir Spaß macht und sinnvoll erscheint. Mehr Möglichkeit, sich zwischen Vollzeit- und Teilzeitjobs zu entscheiden, zum Beispiel. Oder Jobs aufzugeben, die gut bezahlt, aber unlustig sind. Und dafür mehr in der Sonne zu liegen. Mit lieben Leuten zu reden und zu schmusen. Einfach zu leben, eben.

Einkommensgemeinschaften


Zu Geldeinkommen gibt es ja bei solidarwirtschaftlichen Projekten interessante Experimente: zum Beispiel Einkommenspools und Gemeinschaftskonten. Auch ohne ein eigenes Projekt zu gründen könnte ich einmal mein eigenes Bankkonto so betrachten, als Gedankenexperiment, und schauen, was das an Gedanken, Gefühlen und vielleicht sogar Handlungen auslöst. Was, wenn ich dieses Konto nicht als mein Konto betrachte, sondern als Konto der Menschheit, dass sie vertrauensvoll (und völlig ohne Kontrollschleifen) unter meine Verwaltung gestellt hat, auf dass ich das Geld so verteilen und verwenden möge, wie es mir am passendsten scheint. Ich kann es für meinen eigenen Konsum verwenden, an andere Personen meiner Wahl weiterleiten, oder an Projekte und Organisationen, die mir sinnvoll erscheinen ... als Verwalterin habe ich vollkommene Entscheidungsfreiheit. Die Eigentümerin Menschheit hat das ganz in meine Hand gelegt. So betrachtet wie fühlt sich das an? Welche Fragen tauchen auf? Und was scheint mir, als Verwalterin, die beste Art, das Geld zu verwenden?

Selbstverwaltete (öffentliche) Räume


Demokratische Betriebe, selbst verwaltete und öffentliche Räume sind weitere wichtige Themen der Solidarwirtschaft. Auf der Alltagsebene hat das m. E. viel damit zu tun, welches Gefühl wir zu Räumen entwickeln und wie wir uns zu ihnen in Beziehung setzen. Jemand hat einmal gesagt, dort, wo man die Klopapierrolle auswechselt, wenn sie leer ist, dort fühlt man sich wirklich zu Hause. Ich fühle mich gern zu Hause. Deshalb wechsle ich in vielen unterschiedlichen Räumen die leeren Klopapierrollen. Das ist zum einen nützlich für den Ort, zum anderen angenehm für mich. Ich benehme mich einfach so, als wäre ich in der Welt zu Hause, und schon fühlt es sich auch zunehmend so an. Ich hebe z. B. auf öffentlichen Toiletten die Klopapier-Teile auf, die anderen Menschen aus unerfindlichen Gründen beim Abreißen aus der Hand zu fallen scheinen und dann auf dem Boden liegen und schmutzig aussehen, obwohl sie es gar nicht sind. Ich habe auch im Beserlpark gegenüber Gras nachgepflanzt, und in mir damit das angenehme Gefühl erweckt, mich um unseren Garten zu kümmern. Auch im Supermarkt bewege ich mich wie in meinem Wohnzimmer: ich räume im Vorübergehen ein bisschen zusammen. Wenn ich ein Paket aus dem Regal nehme, rutsche ich die hinteren wieder nach vorne, so dass auch die nächsten noch gut sehen können, was es gibt. Wenn etwas hinunterfällt, hebe ich es auf und stelle es wieder an seinen Platz. Da gehen Sich-zuständig-Fühlen und Sich-zugehörig-Fühlen Hand in Hand. Es ist ein angenehmes Lebensgefühl, finde ich. Gleichzeitig ist es eine gute Basis, auf der eine Gesellschaft wachsen kann, zu der wir aus Freude beitragen und aus der wir mit Selbstverständlichkeit bekommen.


http://homepage.univie.ac.at/nicole.lieger

Infos zum Kongress:
www.solidarische-oekonomie.at
Nicole Lieger / 02.02.2009