Der Wohnpark vermisst seinen fröhlichsten Freak

Damian Ik Ikezue: 30-jähriger Augustinverkäufer aus Nigeria ertrunken

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Mit seinen Dreadlocks und seinen immer wieder verrückten und verblüffenden Klamotten war Damian Ik Ikezue, der fröhlichste Freak in der Shopping-Zone des Wohnparks Alterlaa, unübersehbar. Irgendwann wäre der Nigerianer, der seit 2003 den Augustin kolportierte, wohl in die «Wiener Wäsche»-Rubrik unserer Mitarbeiterin Doris Kittler geraten. Das geht jetzt nicht mehr. Damian, mit seinen erst 30 Jahren, ist Anfang Juni in der Donau ertrunken. Folgender Nachruf, verfasst von der Wohnpark-Bewohnerin Ingrid Parlow, lässt uns am Schock teilhaben, den dieser Abgang in der Siedlung auslöste.

Foto: Privat


Ingrid Parlow / 08.07.2015

Im Wohnpark Alterlaa wohnen etwa 8000 Menschen. Im dazugehörigen Einkaufszentrum ist immer etwas los. Doch die kleine Mall wirkt plötzlich schrecklich leer. Am Platz vor der Getränkebude, da, wo Damian Ik Ikezue seit vielen Jahren den Augustin verkauft hat, steht seit ein paar Wochen niemand. Damian ist tot. Beim Baden auf der Donauinsel ertrunken.

Damian war 17, als er von Nigeria nach Österreich kam und um Asyl ansuchte. Das war vor etwa 12 Jahren. Neun Jahre musste er auf einen Bescheid warten. Neun Jahre, in denen er keine Ausbildung machen konnte und auch keine Arbeit annehmen durfte – außer dem Augustin-Verkauf. Er versuchte, das Beste daraus zu machen. Im Laufe der Jahre fühlte er sich in Wien fast zu Hause. Er hatte eine feste Freundin, er kannte Wien sehr gut, hatte viele Bekannte, hat gut Deutsch gesprochen.

Er machte Alterlaa bunter mit seinen oft sehr phantasievollen Outfits, und vor allem mit seinem sonnigen und jungenhaften Lächeln.

Nach über neun Jahren kam der Bescheid: Asylantrag abgelehnt. Eine Frist für die Berufung hat er versäumt. Meine Familie und viele andere Menschen versuchten, ihm zu helfen, kontaktierten verschiedene Behörden und Hilfsorganisationen. Es folgte ein Aufenthaltsverbot. «Illegal», in der Diktion des staatstreuen Journalismus, lebte er in den letzten Jahren in Österreich. Was für eine menschenverachtende Sprache – als ob es ein Verbrechen wäre, ein Land zu verlassen, das so einem wie Damian keine sichere Zukunft gönnt. Nicht illegal, sondern von Behörden und vom Innenministerium illegalisiert, lebte er in Wien. Von den Behörden wurde ihm vorgeworfen, er würde «die Gesetze nicht achten» und müsse deshalb mit einem Aufenthaltsverbot belegt werden. Das Missachten der Gesetze zeige sich darin, dass er nicht ausgereist sei, als sein Antrag – nach wie gesagt neun Jahren – abgelehnt wurde. Doch er konnte nirgendwo anders hin.

Mit Kontrollen musste er immer rechnen

Natürlich tat er einiges, was junge Männer so tun, wenn sie unterbeschäftigt sind. Er trank manchmal, geriet ab und zu in schlechte Gesellschaft und wurde in Streitereien hineingezogen. Von Streifenpolizisten oder Schwarzkapplern wurde er gerne kontrolliert, weil er mit seiner Hautfarbe und seinen Dreadlocks in ein bestimmtes Klischee passt. Aber er kam nie mit dem Gesetz in Konflikt. Manchmal verdiente er fast nichts, dann verwendete er sein ganzes Geld für zwei Fahrscheine. Einen, um nach Hause in den 16. Bezirk zu kommen, und einen, um am nächsten Tag wieder nach Alterlaa fahren zu können.

«I am an honest man. And I believe in God. My mother told me this way», sagte er. Drogen waren kein Thema, denn er hätte sein weniges Geld nicht dafür verwendet. Dafür war ihm die Armut seiner Mutter zu schmerzlich bewusst. Er stand in regelmäßigem Telefonkontakt mit seiner Familie in Nigeria. Letzte Weihnachten schenkten wir ihm 80 Euro. Sofort bat er mich, mit ihm zur Post zu gehen, und dieses Geld an seine Mutter zu senden. Er legte 10 Euro drauf, sein letztes Geld. Damit seine Mutter zu Weihnachten ein Festessen hat, und damit sie zum Arzt gehen kann. Dafür verzichtete er gern auf sein Weihnachten. Ich weiß, das klingt kitschig, aber so war es, ich war selbst dabei. Ich habe die Freude, die Dankbarkeit und den Stolz in seinen Augen gesehen.

Damian war ein ganz normaler junger Mann mit Hoffnungen und Träumen. Wahrscheinlich charakterfester als die meisten, denn sonst hätte er dieses zermürbende Warten und die erzwungene Untätigkeit nicht so lange ertragen. Er wollte vor allem Sicherheit hier und einen festen Job, aber auch Spaß und Freundschaften. Einmal sah er mich mit meiner 17-jährigen Tochter. Wir wechselten ein paar fröhliche Worte, doch dann hatte er Tränen in den Augen. «Ich hätte gerne meine eigene Familie», sagte er leise. Ich sprach ihm Hoffnung zu. Er lächelte müde. «God bless you, Madam. Have a nice day», sagte er mir zum Abschied. Das sagte er fast immer zum Abschied.

Wir vermissen Damian sehr. Die Welt ist ärmer ohne ihn.

Dear Damian, we love you and we miss you so badly. May God protect your soul and guide you to your eternal home.

Bei Redaktionsschluss war immer noch unklar, ob Damian in Wien bestattet wird oder ob er, wie es seine Familie will, nach Nigeria überführt wird.

Es wird also Geld gesammelt für eine mögliche Überstellung nach Nigeria bzw. als Unterstützung für seine Familie, und der AUGUSTIN möchte sich hier als Bindeglied zur Verfügung stellen. Wer etwas geben will und kann – bitte auf folgendes Konto:

Verein Sand und Zeit, AUGUSTIN

IBAN: AT97 1400 0050 1066 6211, BIC: BAWAATWW

mit dem Kennwort: DAMIAN

Wir bedanken uns alle für Eure Anteilnahme.

Ingrid Parlow / 08.07.2015