Die Raffinesse der Herrschenden

Einkommens- und Vermögensverteilung in Österreich

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Was viele Menschen subjektiv fühlen, wurde jetzt mit harten Ziffern belegt:  Die Einkommen sinken, mehr Arbeit in weniger Zeit muss erledigt werden. Die Statistik Austria legte einen Einkommensbericht vor. Von Clemens Staudinger.

Illu: Much


Clemens Staudinger / 22.11.2016
Bereits im dritten Jahr in Folge gehen in Österreich Haushaltseinkommen kontinuierlich zurück, und der tägliche Überlebenskampf vieler Menschen wird schwerer. Gleichzeitig steigt der Arbeitsdruck: In der Statistik heißt dies, die Arbeitsproduktivität sei gestiegen. Was so harmlos daherkommt, bedeutet im Fabriks-, Büro- oder sonstigen Arbeitsalltag, dass mehr Arbeit in derselben Zeit geleistet werden muss. Für manchen Unternehmer eine attraktive Situation: Mussten früher für eine bestimmte Arbeitsleistung beispielsweise zehn Menschen bezahlt werden, so wird dieselbe Arbeit heute von nur neun Menschen geleistet, die Aufwendungen für den eingesparten zehnten Mitarbeiter können ungebremst in die Gewinnabteilung des Unternehmens fließen. Ganz so einfach ist es für Österreichs Unternehmen nicht, aber die Sprache der Statistik zeigt eindeutig in welche Richtung es geht: Die Arbeitsproduktivität ist 2015 um 1,6 Prozent pro geleisteter Arbeitsstunde gestiegen.
Der Generaldirektor der Statistik Austria, Konrad Pesendorfer, konnte bei der Präsentation des Berichtes mit einem Paradoxon aufwarten: Obwohl weniger Geld in der Hand und mehr Stress am Arbeitsplatz, herrsche Zufriedenheit – «Den Österreichern geht es subjektiv gut!», sagt Pesendorfer.
Auch die Armutsgefährdung wurde von der Statistik Austria untersucht: Am Höhepunkt des Wirtschafts- und Finanzcrashs lag die Zahl bei 20,6 Prozent der österreichischen Bevölkerung. Jetzt dürfen die Sozialpartner abfeiern, dass diese Zahl gesunken ist, aktuell auf 18,3 Prozent der Bevölkerung. Bravo, es sind nur mehr 1,5 Millionen Menschen in Österreich armutsgefährdet. Der Zynismus verschwindet, wenn bedacht wird, dass geringer Lohn und das völlige Fehlen von Reserven zusammentreffen können, und dann gibt es Armut pur. Betroffen sind ältere Frauen mit Minipensionen und alleinerziehende Mütter.
Für den Bericht nahm die Statistik Austria auch die Bruttojahreseinkommen unselbstständiger Beschäftigter, sprich Lohnempfänger, unter die Lupe: Das Auseinanderdriften der verfügbaren Nettohaushaltseinkommen, also von hohem und geringem Einkommen geht weiter (die Begriffe «arm» und «reich» gibt es bei der Statistik Austria nicht), und so haben Haushalte im obersten Fünftel der Einkommenspyramide viermal mehr Einkommen als jene im untersten Fünftel. Für den Statistiker Pesendorfer liegt die Erklärung dafür im Umstand, dass immer mehr Menschen teilzeitbeschäftigt sind. «Ein Großteil scheint die Teilzeit aber freiwillig zu wählen», sagt Pesendorfer und wird auf Unverständnis bei alleinerziehenden Müttern stoßen, die aufgrund fehlender und/oder unzureichender Betreuungseinrichtungen auf Teilzeitarbeit angewiesen sind. Von Freiwilligkeit ist da keine Spur. (in NÖ schließen Kindergärten um die Mittagszeit!)
Die Vermögensverteilung in Österreich bringt keine Überraschungen: Erhoben wurde, dass fünf Prozent der Haushalte über 42 Prozent des Bruttovermögens besitzen.
Die Studie mit dem harmlos hübschen Titel «Wie geht’s Österreich» beschäftigt sich auch mit der Zufriedenheit der Österreicher_innen: «Wir sehen ein Land, das hohen Wohlstand erreicht hat, aber die Dynamik sowohl beim Einkommen als auch beim Konsum hat nachgelassen. Dennoch sind die Menschen zufrieden», sagt Pesendorfer. So wird für den Bericht die «allgemeine Lebenszufriedenheit» abgefragt.
0 war bei «überhaupt nicht zufrieden» zu vergeben, 10 bei «vollkommen zufrieden». EU-weit liege der Durchschnitt bei 7,1, sagt Pesendorfer, in Österreich konnte ein Wert von 7,9 bestimmt werden. Pesendorfer betont, nur eine kleine Gruppe sei unzufrieden, und zudem sei dieser Anteil von 13 auf 11 Prozent reduziert worden.
Wie das? Ist es die Raffinesse der Herrschenden? Wird den Österreicher_innen nicht täglich per Kleinformat- und Wegwerfzeitung gelehrt, dass der Untergang des Abendlandes bevorstehe, und wird nicht genauso täglich insinuiert, dass nur eine rechte Regierung Heil bringen könne?
Clemens Staudinger / 22.11.2016