Dieses Land ist unser Land

Erledigen wir nicht die Drecksarbeiten für euch? Und ihr nennt uns integrationsfeindlich?

article_1698_migranten-aktionstag_180.jpg Man wirft uns MigrantInnen vor, dass wir nicht integriert sind. Warum eigentlich? Zahlen wir nicht Steuern? Zahlen wir nicht unsere Wohnungen? Erledigen wir nicht die billigsten Jobs? In dieser Hinsicht, als Nettozahler, scheinen wir genug integriert zu sein. Nur wenn wir Gleichheit fordern, gelten wir als nicht integriert. Da wird von den Herrschenden «Integriert euch!» gerufen.
Ljubomir Bratic / 29.03.2011
Dieser Imperativ basiert auf nichts als einer Lüge! Einer Lüge, deren einzige Funktion darin liegt, dass wir als diejenigen, die vermeintlich «nicht integriert» sind, weiterhin die Drecksarbeiten verrichten.
Wir wissen: Dieses Land ist ein postnazistisches Land. Die Forderung nach den Zwangsdeutschkursen entspricht einer langen Tradition der Deutschtümelei, die immer wieder ihr hässliches Haupt erhoben hat und erhebt. Der rabiate Antisemit Karl Lueger stellte sie, und seine Schwester Maria Fekter stellt sie auch. Wir sind aber hier! Österreich ist nach dem Sturz des Faschismus kein deutsches Land mehr. Das muss klar sein! Und es wird auch nie mehr eines werden!
Ob die Eliten das wahrnehmen oder nicht wir «Tschuschen» sind schon längst ein Bestandteil dieser Gesellschaft. Unsere Kinder wachsen hier auf und gehen hier in die Schule, unsere Toten werden auf dem Zentralfriedhof begraben. Und wir werden für immer da bleiben! Dieses Land ist unser Land! Dieses Land ist ein Einwanderungsland! Von den Herrschenden ist also zu verlangen, dass sie sich in die neuen gesellschaftlichen Realitäten integrieren sollen! Wir sind schon längst darin integriert und ein für alle Mal hier zu Hause! Indem wir das Land über Generationen hinweg ernähren, haben wir die gleichen Rechte erworben wie diejenigen, die meinen, in ihren Adern fließe Ostarrichiblut.
Die neuen Gesetze, die nun im Ministerrat wohlgemerkt auch von einer Gleichstellungsministerin beschlossen würden, wollen genau diese Gleichberechtigung verhindern. Sie wollen verhindern, dass wir auch de jure und nicht nur de facto Teil der Gesellschaft werden. Sie wollen unsere Teilnahme an der Gesellschaft verhindern, in der wir schon längst die ProduzentInnen der Reichtümer sind. Nach dem neuen Gesetz können künftig die Menschen wegen eines Verwaltungsdeliktes (z. B. Falschparken oder bei Rot über die Straße gehen) abgeschoben werden.

Disziplinierung als Ziel der «abendländischen» Aufklärung


Dieses neue Gesetz steht in der Tradition anderer früherer Gesetzeswerke. Deren einziger Zweck ist die Bewahrung der Ungleichheit. Wir sollen arm, abhängig, untertan sein. Und wir sollen dazu noch lächeln und unsere Zufriedenheit und Begeisterung kundtun. Das wird dann eine gelungene Integration genannt.
Wir lassen uns aber nicht täuschen. Wir sprechen die Sprache derer, die uns solche Gesetze bescheren, und kennen die Verhältnisse hier unten auf der Straße, auf der Produktionsebene besser als sie. Sie wollen entweder, dass wir von hier verschwinden, oder dass wir mit unserer Position der Rechtlosigkeit zufrieden sind.
Wir erleben die Hetze der gutbürgerlichen Schichten gegen die «Analphabeten aus Anatolien», gegen die «Kameltreiber» und gegen die «von Natur aus aggressiven» Menschen, die dem Aufklärungsideal nicht entsprechen. Einem pervertierten Aufklärungsideal, dem es nicht um die Emanzipation, nicht um die Freiheit und Gleichheit geht, sondern nur um die Disziplinierung und Ordnung. Heißt «integriert sein» aufzuhören, sein anatolisches Dorf zu lieben?
Zu den Ärmsten in unserer Gesellschaft gehören die Kopftuch tragenden Frauen. Wie wollen die «Integrierer» diesen Frauen helfen? Indem sie ihnen im Namen der Aufklärung die Kopftücher runterreißen? Statt ihnen Arbeitsplätze und Stipendien für ihre Kinder anzubieten? Indem sie den Islam zum Hauptfeind stilisieren, verdecken sie die Tatsache der gesellschaftlichen Armut mit einer Kreuzritter-Ideologie.
Das war in der Geschichte immer so: Immer wurde versucht, die soziale Ungleichheit durch die Behauptung der Rückständigkeit der Betroffenen zu rechtfertigen. Aber es gibt auch eine andere Regel, die genauso gilt: Immer wieder ist es den Unterdrückten gelungen, diese Lügen zu durchbrechen und sich zu emanzipieren. Solange Gesetze beschlossen werden, die auf die Migrantinnen und Migranten wirken, ohne dass diese die Möglichkeit haben, diese mitzubeschließen, handelt es sich um undemokratische Gesetze. Solange wir vom Wahlrecht ausgeschlossen bleiben, leben wir nicht in einer Demokratie. Wir leben in einem System, das über uns entscheidet, ohne dass wir die Möglichkeit haben mitzuentscheiden.
Wir sind trotz allen Widrigkeiten, trotz allen Anfeindungen und trotz der ungustiösen und primitiven Beamten, die wir kennen lernen mussten, hier geblieben, und wir werden weiterhin hier bleiben. Es ist unser Land. Es ist kein schönes Land, aber unser Land. Und wir kämpfen dafür, dass wir in einem Land ohne antiislamischen Rassismus, in einem Land ohne Antisemitismus, in einem Land ohne patriarchalische Verhältnisse, in einem Land ohne Homophobie und schließlich auch in einem Land ohne Klassen leben. Dieses und jedes andere Land wird durch diese Kämpfe besser!

Ljubomir Brati
Auszug aus seiner Rede am 1. März 2011 anlässlich des «Transnationalen MigrantInnen-Streiks» auf dem Viktor-Adler-Markt in Favoriten
Ljubomir Bratic / 29.03.2011