Digitale Gemeingüter

Freie Software: gut fürs Börsl und für die Gemeinschaft

article_3608_linux_180.jpg Die Macht des bewussten Konsums ist enden wollend. Trotzdem sollte man sich nicht jede Novität einreden lassen, findet Karl Exler, und beschreibt anhand freier Software, wie man nicht nur Geld sparen sondern auch eine digitale Community fördern kann.
Karl Exler / 07.06.2016
Für den Autor ist der «Augustin» ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Vorwiegend Menschen mit keinem oder geringen Einkommen vertreiben ihn und jene, denen es etwas besser geht, kaufen ihn. War das schon immer so? Die Kluft in unserer Gesellschaft zwischen vielen Armen und wenigen Reichen wird immer größer, und es stellt sich die berechtigte Frage, ob das so sein muss. «Der freie Markt ist eben kein Honiglecken.», sagen die einen, über die Armutsfalle klagen die anderen. Faktum ist, dass unsere Nationalwirtschaft zu den besten der Welt gehört, dass unser BIP für jeden österreichischen Kopf die sagenhafte Summe von 50.500 USD pro Jahr ausweist. Eine Zahl, die jedem Augustin-Verkäufer, aber auch den meisten Augustin-Käuferinnen wie ein Hohn erscheint.
Viele Menschen klagen über mangelnde Möglichkeiten, über Politikverdrossenheit und das Gefühl der Ohnmacht und meinen, «eh nix ändern zu können». Für den einen oder anderen Bereich mag das stimmen, aber nicht für alle. Auch wenn – bedingt durch windige Gesetze –unser Wahlrecht immer weniger wert wird, eine Macht haben wir noch, und die stellt in einer geldorientieren Welt eine große Macht dar. Wir sind die Konsument_innen.
Es liegt an uns Konsument_innen (und an der Politik!), Monopole zu brechen und den großen Konzernen zu zeigen, dass wir keine willfährigen Lemminge sind. Es genügt allerdings nicht, darüber zu schreiben oder zu reden. Handlungen müssen unser Denken begleiten. Wir alle wissen, dass die Pharmaindustrie und die Lebensmittelindustrie, um nur zwei exemplarisch herauszugreifen, alles tun, um Märkte zu erobern und uns mit Waren minderwertiger Qualität zu «versorgen». Ein weiteres Beispiel ist die Hard- und Softwareindustrie. In regelmäßigen Abständen erscheint ein neues Betriebssystem von Apple/Microsoft und in ebenso regelmäßigen Abständen wird uns erklärt, dass unsere «alte» Hardware mit den gesteigerten Anforderungen nicht mehr zurechtkommt und daher ersetzt werden müsse. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass die Pixeldichte der Smartphone-Bilder immer höher wird? Mehr Pixel – mehr Speicherplatz. Mehr Speicherplatz führt zum Kauf von externen Festplatten, neuen Computern, und im – für den Anbieter besten Fall – zum Erwerb von Cloudspeicher. Wurde die Qualität der Bilder wesentlich besser? Das sei dahingestellt.

Nicht alles kaufen


Sowohl hohes Einsparungspotenzial als auch eine wunderbare Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen, liegt in der bewussten Kaufentscheidung für Computer. Hier kommt nun das alternative und freie Betriebssystem Linux ins Spiel. Linux ist quelloffen, es gehört also niemanden, kann insofern auch nicht verkauft werden. Sie merken das daran, dass ein neuer Laptop ohne Windows um etwa 80 bis 150 Euro teurer ist als ein baugleicher «nackter» PC ohne Betriebssystem. Durch den Kauf eines Laptops ohne Betriebssystem ist also eine kleine, aber feine Einsparung möglich. Wesentlich mehr Geld ist zu sparen, wenn sie gar keinen neuen Rechner kaufen. Eine der größten Vorteile von Linux ist, dass es auch sehr alte Hardware besser nutzt und auf Rechnern, die vor zehn Jahre «state of the art» waren, flüssig läuft. Mit einem Rechner, auf dem Linux läuft, können Sie locker zwei bis drei Laptopkäufe überspringen. Das schont die Börse und ist auf Hersteller_innenseite ein Signal, das Wirkung zeigen wird.
Wie vielen von uns macht es von Herzen Spaß, sich alle fünf Jahre auf eine neue Textverarbeitung einzustellen, nach wohlbekannten Befehlen zu suchen und altbekannte Gewohnheiten zu vergessen und wieder von vorne zu beginnen. Nur um einen läppischen Brief zu schreiben? Die Open-Source-Bewegung bietet wahrlich genug Grund, um sie nicht nur gut zu heißen, sondern sie auch zu nützen und mit ihrer Hilfe unsere Macht zu demonstrieren. Open-Source-Produkte zu nutzen bedeutet also nicht nur, nett zu seinen Finanzen zu sein, sondern vielmehr, unseren Unwillen über das bestehende System zum Ausdruck zu bringen. Direkter und viel eindeutiger, als das bei Wahlen der Fall ist.
Sie fragen sich vielleicht, wie es kommen kann, dass ein ganzes Betriebssystem wie zum Beispiel Ubuntu, samt komplettem Office-Paket, einem industrietauglichen Grafikprogramm und unzähligen Tools kostenfrei zur Verfügung steht? Die Erklärung ist einfach. Es fallen keine Lizenzgebühren an. Alle Teile einer modernen Linux-Distribution können von allen Menschen dieser Welt genutzt werden. Es hängen keine kommerziellen Interessen daran. Open-Source-Software ist also vergleichbar mit einer natürlichen Ressource, und wir haben die Wahl, sie kostenfrei zu nutzen oder lieber Geld für ein kommerzielles Produkt auszugeben. Geld, das den meisten von uns ohnehin an allen Ecken und Enden fehlt.



Info:
Linux ist ein Betriebssystem, das ausgehend von Linus Torwald seit 1992 von einer weltweiten Entwickler_innen-Gemeinschaft entwickelt wird. Im Gegensatz zu kommerzieller Software steht Linux unter der GNU (= General Public License). Es ist die am weitesten verbreitete Software-Lizenz, die jedem gewährt, die Software auszuführen, zu studieren, zu ändern und zu verbreiten (kopieren). Software, die diese Freiheitsrechte gewährt, wird Freie Software genannt. Fast alle Linux-Distributionen können kostenfrei aus dem Internet bezogen und verwendet werden.

Karl Exler / 07.06.2016