... eben auf Rädern leben

Vom mühsamen Kampf um ein alternatives Wohnen in Wägen

Wagenplatz.jpgEine bunt gemischte Gruppe empfängt mich am Donnerstag, dem 23. Juli, freundlich in der Hafenzufahrtstraße im 2. Bezirk, auf ihrem brandneuen Wagenplatz. In der Mitte des mit Wohnwägen und umgebauten LKW gestellten Kreises gibt es Kaffee, kalte Getränke und Snacks. Doch die Camping-Atmosphäre trügt, denn mensch will hier nicht Urlaub machen, sondern längerfristig wohnen alternativ wohnen (Lena). Bis vor kurzem war ihr Platz noch in der Kimmelgasse im 11. Bezirk, auch nun stehen noch Wägen dort. Doch bis Ende August muss die Kimmelgasse verlassen werden.


Anita Weidhofer / 11.08.2009
Nach langen Konflikten mit der Stadt Wien, von welchen der Augustin schon im Jänner 2008 berichtet hat, haben die Behörden es nun durch einen Trick geschafft, die Gruppe zum Übersiedeln zu zwingen: Es wurde ein Grundstück in Donaustadt für einen günstigen Mietpreis zugesichert, der bestehende Mietvertrag wurde daher von Seiten der Mieter aufgekündigt und der Umzug vorbereitet. In einer einzeiligen E-Mail wurden die Wagenplatzler jedoch ganz plötzlich mit einer Mietforderung von sage und schreibe 22.000 Euro konfrontiert. Zu Gesprächen waren die Behörden von da an nicht mehr bereit.
Dass den friedlichen WagenbewohnerInnen das legale Leben so erschwert wird, ist ärgerlich und nervenaufreibend: Neben Job im Spital und Ausbildung zur Physik- Medizinerin muss ich mich auch noch mit Behörden herumstreiten, so Lena. Dabei hat sich die Gruppe wirklich um einen Konsens mit der Stadt Wien bemüht: Es wurde eine Liste von im Moment brachliegenden Flächen in Wien, welche der Zwischennutzung dienen könnten, angefertigt. Doch die Stadt Wien hat bisher keinen der Plätze freigegeben. Ganz nach dem Motto Zwischennutzung? Wir tun es! hat die Gruppe im Juli zwei dieser Plätze in der Hafenzufahrtstraße (2. Bezirk) und in der Baumgasse (3. Bezirk) besetzt. Anstelle der Miete werden monatlich 500 Euro an ein Sozialprojekt im jeweiligen Bezirk überwiesen.
Die Gründe für die Aufteilung auf zwei Plätze sind zum einen organisatorischer, zum anderen taktischer Natur. Wir waren zuletzt schon um die 30 Leute; und umso mehr Leute, desto schwieriger wird es, sich zu arrangieren und Entscheidungen zu treffen, die von allen akzeptiert werden, meint Jakob. Entscheidungen werden nämlich wöchentlich im Plenum gefällt: Es wird so lange diskutiert, bis eine Lösung gefunden wird, welcher alle zustimmen, wir wollen niemanden benachteiligen (Jakob).
Außerdem besteht die Hoffnung, dass diese Form des Lebens, welche in anderen Ländern bereits mehr Toleranz erfährt, sich durch mehr Standorte auch in Österreich besser etablieren kann. Denn das Wagenleben ist keine österreichische Erfindung, überall auf der Welt gibt es Wagenplätze. Die Wagentage Ende Juli ermöglichten es den Wagenplatzlern aus anderen Ländern, österreichische Wagenburgen zu besuchen, und umgekehrt. Über das Internet sind die Plätze weitreichend vernetzt. All dies soll den Austausch zwischen verschiedenen Wagenplätzen ermöglichen, um den einzelnen Gruppierungen den notwendigen Rückhalt zu gewähren.

Vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe: In der Hafenzufahrtstraße läuft bereits alles bestens, während der Standort in der Baumgasse nach wie vor unsicher ist. Die Baugesellschaft Porr, Grundstückseigentümerin, stand der Zwischennutzung anfangs eher skeptisch gegenüber. Während sie zu Beginn nur telefonisch in Kontakt mit den neuen BewohnerInnen trat und diese aufforderte, den Platz bis mindestens Dienstag, den 28. Juli zu verlassen, fand man sich am Mittwoch, dem 29. zumindest zu einem gemeinsamen Gespräch zusammen. Dort hatten die WagenbewohnerInnen die Möglichkeit, sich und ihr Vorhaben vorzustellen. Beide Seiten stellten ihre Interessen klar.

Wagenplatz Ausgleich zwischen Distanz und Nähe


Zwischennutzung ist möglich! Wir wollen niemandem auf der Tasche liegen, im Gegenteil, wir sind eine Bereicherung für die Stadt Wien, sagt Alex vom Wagenplatz Baumgasse; zu Recht: Innerhalb von drei Tagen hat es die Wagenburgtruppe dort geschafft, die Infrastruktur für ein allgemein zugängliches kulturelles Festival mit Kino, Präsentationen, Volksküche usw. aufzubauen. Bis zum vierten August durften die Wägen auf jeden Fall auf dem Grundstück stehen bleiben, für diesen Tag war ein weiteres Gespräch mit der Baugesellschaft angesetzt der Augustin wird berichten.
Was motiviert jemanden dazu, unter teilweise extremen Bedingungen (Lena) ein Leben in einem Wagen zu führen? Jakob fühlte sich in einer Wohnung einfach weggesperrt. Auch das WG-Leben war nicht das Optimale für ihn. Auf dem Wagenplatz hat man viel bessere Möglichkeiten, der Gruppe auszuweichen; wenn man für sich sein möchte, geht man in seinen Wagen; wenn man will, ist man in der Gemeinschaft. Lena wohnte vor dem Wagenleben mit Jakob zusammen, welcher schließlich die Idee hatte, eine Wagenburg zu gründen. Überzeugt war sie nicht sofort von diesem Plan. Ich wollte zuerst nur schnuppern, ob es mir gefällt. Aber ich bin hineingewachsen in das Wagenleben, es ist eine Bereicherung; Essenzielles wird bewusst vor allem in Richtung Nachhaltigkeit. Klaus ging es ähnlich wie Jakob auf einem Bauernhof aufgewachsen, fühlte er sich einfach nicht wohl in einer Großstadtwohnung.

Einmal Wagen immer Wagen? Auf die Frage, ob dies eine dauerhafte Lebensart sei, die man bis ins höhere Alter fortführen möchte, sind sich die meisten unschlüssig. Das sei nicht planbar, aber in den letzten drei Jahren hätte er keinerlei Lust gehabt, sich vom Wagenleben zu trennen, sagt Jakob. Klaus hingegen hätte gegen ein Haus nichts einzuwenden. Doch es müsste schon ein Platz gefunden werden, der absolut gefällt. Außerdem spielt auch die finanzielle Komponente eine Rolle. Lena stören im Moment besonders die Streitigkeiten mit den Behörden, für immer könne sie das so nicht durchhalten. Sie hofft, dass alternatives Wohnen in zukünftigen Stadtentwicklungsplänen endlich Berücksichtigung findet. Von mehr Grünflächen und größerer Vielfalt von Lebens- und Wohnformen könne Wien nur profitieren. Bis dahin müssen die Wagenplatzler weiterkämpfen. Was uns stark
macht, ist die Gemeinschaft (Lena).
Anita Weidhofer / 11.08.2009