Ein gepflegter Streik

Was ist los in der Hauskrankenpflege?

Die Hauskrankenpflege wird personell unterbesetzt, schlecht bezahlt und geringgeschätzt. Alexandra Prinz, die selbst Arbeitserfahrung in der Pflege gemacht hat, denkt über einen bundesweiten Streik nach.
Alexandra Prinz / 12.05.2015
In der Hauskrankenpflege werden immer Arbeitskräfte gesucht. Noch nie hat man davon gehört, dass in diesem Beruf jemand abgebaut worden wäre. Nein, es sind immer die Mitarbeiter_innen selbst, die dieses Berufsfeld verlassen – und das mit gutem Grund.
Im Jahr 2010 gab es in Wien den medial aufgebauschten Fall eines Vereins, der Hauskrankenpflege anbietet, weil es Änderungskündigungen gab. Langgediente Mitarbeiter_innen hätten auf viele Vorteile des alten Vertrages verzichten sollen und die Bedingungen des neuen Vertrages, der finanziell um einiges schlechter ist, akzeptieren. Wer nicht unterschrieb, handelte sich damit die Kündigung ein. Ältere Mitarbeiter_innen, die noch nicht das gesetzliche Pensionsalter erreicht hatten, wurden mit einer entsprechenden Abfertigung belegt, viele unterschrieben und arbeiten nun unter weit schlechteren Bedingungen weiter, und die, die gingen, fingen andernorts – unter ebenfalls schlechten – Bedingungen an.

Die vielen Mühen der Hauskrankenpflege


Warum jedoch sind die Bedingungen in der extramuralen Pflege so schlecht? Ein Beispiel eines Klient_innenpaares, das zumindest finanziell abgesichert ist: Hr. M. ist 65 Jahre alt. Er lebt in einem Gemeindebau im 5. Stock, ihm wurden aufgrund seiner schlecht behandelten Diabetes beide Beine amputiert, er leidet an einer Herz-Lungen-Erkrankung und diversen kleineren Krankheiten. Aufs WC kann er kaum gehen, da er mit seinen beiden Prothesen nur mäßig gehfähig ist.
Hr. M. lebt nicht alleine, sondern sorgt für seine seit 1986 an Multipler Sklerose erkrankte Gattin. Beide studierten in den 70er Jahren Welthandel, haben die Schweiz und Deutschland bereist und auch dort gearbeitet. Heute liegt Frau M. im Bett und kann sich selbständig kaum rühren. Ihre fortgeschrittene Krankheit erlaubt ihr nicht einmal, sich selbst zu trinken zu nehmen, Nahrung kann sie nur noch in Breiform zu sich nehmen.
Diese beiden Menschen sind vollkommene Pflegefälle. Die Pension von Hr. M. ist zwar ausreichend, da er als ehemaliger Beamter gut verdient hat, das ist aber für pflegebedürftige Menschen nicht der Regelfall. Die Mehrheit der Pensionist_innen bezieht laut Statistik Austria eine Pension zwischen 800 und 1000 Euro, und in der Mehrheit sind es Frauen, die – weil sie älter werden – im hohen Alter zu Pflegefällen werden.
Es hat sich über die Jahre schleichend entwickelt, dass in der Hauskrankenpflege eher ältere Mitarbeiter_innen und auch sehr viele Migrant_innen tätig sind. Für viele junge Krankenschwestern aus dem stationären Bereich sind die Anforderungen in der häuslichen Pflege einfach zu hoch, die Verantwortung zu viel, das Gehalt zu schlecht. Warum soll man sich für weniger Geld noch mehr anstrengen? Denn eines steht fest: Das Geld in der mobilen Pflege ist noch härter verdient als im stationären Bereich. Weder gibt es eine Kollegin, die man zu Hilfe rufen könnte, wenn es um den Transfer einer immobilen, schweren Klientin geht, Hilfsmittel stehen oft nicht zur Verfügung. In Wien gibt es immer noch Wohnungen ohne Warmwasseranschluss, Wasser für die Körperpflege muss am Gasherd erst erwärmt werden, das Licht in der Küche ist kaputt, die Töpfe sind unabgewaschen, der Durchlauferhitzer ist ebenfalls kaputt. Überlange Wegzeiten, Abenddienste, nicht berufsadäquate Einsätze (Diplomierte machen in überwiegendem Maß Pflegehelfertätigkeit), klimatische Erschwernisse machen die Arbeit zermürbend. Die hygienischen Umstände entsprechen nicht in allen Haushalten den erforderlichen Mindeststandards, als Pflegeperson muss man auch das in Kauf nehmen. In der mobilen Pflege gilt auch kein ArbeitnehmerInnenschutzgesetz §2 (Bundesgesetz über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit), da der Arbeitsplatz die Privatwohnung des Klienten ist. Solange die Klient_innen nicht besachwaltet sind, kann niemand sie aus der Wohnung bringen, was bis zu einem gewissen Grad auch zu ihrem Schutz gut ist.

Pilotin vs. Krankenpflegerin


Von Pilot_innen und Ärzt_innen weiß man, dass sie für die Verantwortung, die sie den Menschen gegenüber haben, in der Regel gut bezahlt sind – anders als Pflegekräfte, deren fachkompetente Handlung um nichts weniger wert ist, da in ihren Händen die Pflege der Menschen liegt. Würden Pflegekräfte in Österreich in einen bundesweiten Streik treten, würde man rasch merken, wie wichtig ihre Arbeit wirklich ist.
Die Gewerkschaften in Österreich sind weit entfernt davon, einen konzertierten Streik auszurufen. Die Pflegekräfte sind allein in Wien und Niederösterreich in vier verschiedene Gewerkschaften aufgeteilt, in Vida, GPA-djp, GÖD und GDG/HGII. Die HGII (Gewerkschaft der Gemeindebediensteten) vertritt das Personal der öffentlichen Krankenhäuser und der Angestellten des Fonds Soziales Wien, der in Wien das Monopol für die Ausübung der medizinischen Hauskrankenpflege hat (mobile Schwestern des FSW), die GÖD vertritt die Angestellten der Landeskliniken NÖ, in der VIDA sind mehrheitlich die Arbeiter_innen (Heimhilfen, Besuchsdienste etc.) vertreten, also vor allem das Personal der weniger qualifizierten Dienstleistungen in der Hauskrankenpflege, während die Diplomierten Krankenschwestern mehrheitlich von der GPA-djp vertreten werden. Bis vor kurzem hat man in keiner der Gewerkschaften die Anliegen der Hauskrankenpflege überhaupt erwähnt. Sinnvoll wäre eine Gewerkschaft für alle Pflegekräfte.
Die einzelnen Gewerkschaften unterscheiden sich parteipolitisch und sind im Großen und Ganzen zwischen SPÖ und ÖVP angesiedelt. Da beide Koalitionsparteien nicht das geringste Interesse haben, mehr Geld in die Bezahlung der Pflegekräfte zu investieren und das Sozialministerium nach 2016 noch keinen Plan hat, wie die Pflege für die wachsende Zahl an Pflegebedürftigen tatsächlich organisiert und finanziert werden soll, ist kein Hoffnungsschimmer in Sicht, wenn es darum geht, den chronischen Mangel an Pflegepersonal zu beheben bzw. jene Menschen, die bereits in der Pflege tätig sind, mit attraktiven Angeboten zu halten. Die Durchschnittsverweildauer im Pflegeberuf beträgt laut «NEXT-Studie» sechs Jahre.
Was wären attraktive Arbeitsbedingungen? Familiengerechte Arbeitszeiten, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, entsprechende finanzielle Zulagen und ein attraktives Grundgehalt, das den Beschäftigen im Alter auch eine adäquate Pension ermöglicht, Überstunden nur nach Übereinkunft mit den Arbeitnehmer_innen und entsprechender Abgeltung, ausbildungsgerechte Bezahlung. (In Österreich verdient eine diplomierte Krankenschwester, die ein Master-Studium abgeschlossen hat, in Teilzeit gerade einmal 1100 Euro netto, formale Berufsabschlüsse werden nicht anerkannt, auch wenn man mit einem abgeschlossenen Studium meist höher qualifiziert ist als die Pflegedienstleitung).
Warum lässt sich ein Generalstreik in der Pflege so schwer durchsetzen? Es bräuchte einen «Tsunami in der Pflege», sagt die deutsche Journalistin Anette Dowideit. Zum einen liegt es an den Pflegekräften selbst, die sich – durch die Geschichte der Pflege bedingt – daran gewöhnt haben, zu dienen und unentgeltlich zu arbeiten. Es hat sich noch immer nicht ausreichend herumgesprochen, dass Frauen nicht nur dazuverdienen, sondern von ihrem Gehalt mitunter ganze Familien zu versorgen haben. Auch in Österreich nimmt die Anzahl an Alleinerzieherinnen zu; bei schlecht bezahlter Teilzeitarbeit geraten sie schnell in die Armutsfalle.
Pflegekräfte in Österreich verfügen häufig über eine sehr geringe formale Schulbildung. In der Hauskrankenpflege finden sich überproportional viele Migrant_innen, die aufgrund von Sprachhürde und vielzähligen Diskriminierungen im Arbeitsmarktzugang auch nicht das notwendige Pouvoir haben, sich bei Betriebrät_innen und Gewerkschaftsvertreter_innen Gehör zu verschaffen. Meist kommen die institutionellen Vertreter_innen nicht aus der Pflege und wissen gar nicht, unter welchen Bedingungen und mit welchem Einkommen Pflegekräfte wirklich auskommen müssen.
Wer sich in der Pflege Gehör verschafft, macht sich nicht beliebt. Man versucht, diese Menschen mundtot zu machen. Das geht so weit, dass Menschen, die offen Missstände in der Pflege kritisieren, gekündigt werden, wie der Fall «Brigitte Heinisch» in Deutschland zeigt: Die Altenpflegerin wurde zuerst gefeuert, weil sie Missstände beim Arbeitgeber angeprangert hat und erhielt in einem zweiten Gerichtsverfahren viel Geld als Entschädigung.
Da nicht nur Österreich ein wachsendes Problem mit der demografischen Entwicklung und gleichzeitig mit einer zu geringen Anzahl an Pflegekräften hat, stellt sich die Frage, warum man diese nicht nach skandinavischem Vorbild bezahlen will, um eine weitere Ausdünnung dieser Berufsgruppe zu vermeiden. (Die finnische Gewerkschaft TEHY erkämpfte 2007 eine 20-prozentige Lohnerhöhung für Pflegekräfte.) Allerdings sind die Pflegekräfte nicht davon ausgenommen, ihre Hausaufgaben zu machen und über die Berufsvertretungen entsprechende Forderungen zu stellen. Was die Ärzt_innen können, können die Pflegekräfte auch!


Info:
Alexandra Prinz hat sowohl in der Hauskrankenpflege als auch im stationären Bereich und im Ausland als Krankenschwester gearbeitet und ist bezüglich einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege aktiv.


Alexandra Prinz / 12.05.2015