Ein suspekter Freund der Alliierten

Die Faszination des Sammelns (1)

Prause.jpgMöglicherweise weiß niemand in Kanada, dass im vielleicht seltsamsten Privatmuseum Österreichs, der Sammlung Erwin Prauses im Weinviertler Dorf Kleinebersdorf, in einer speziellen Ausstellungseinheit ein junger kanadischer Soldat geehrt wird. Er saß in einem B24-Bomber der US Air Force, der am 12. März 1945 von einer deutschen Flak im nördlichen Weinviertel zum Absturz gebracht wurde. Das Pfeifenmundstück des Soldaten, die roten Socken, die er an seinem Todestag trug, und Trümmer des viermotorigen Flugzeugs sind ausgestellt. Die braunen Fliegerstiefeln fehlen. Einheimische hatten diese von den Füßen der Leiche gestreift, ist einem Begleittext zu entnehmen.


Robert Sommer / 26.03.2008
Graben dürfe man nicht sagen, graben sei ja verboten. Ich hab halt a bissl einigschtialt, ein bisschen herumgescharrt im Feld. An Stellen, an die sich Augen- und Ohrenzeugen als Schauplätze von Flugzeugabstürzen erinnerten. Manchmal braucht Erwin Prause gar nicht zu schtialn. Er hat das Auge eines Archäologen. Er hat die Eingebung, wie er seinen trainierten Sinn nennt, sensationelle Dinge, die open air auf dem Boden liegen, von banalen zu unterscheiden.

Dank dieser Eingebung hat er auch den Sessel, auf dem ich nun seiner Bitte nach Platz nehmen muss, nicht gleich zerhackt, um Kleinholz für seinen Küchenherd zu gewinnen. Er war mit dem Sessel schon auf dem Weg zum Hackstock, als ihm dessen ungewöhnliche Schwere auffiel. Dieses Ding war irgendwie kompakter, festgefügter als ein gewohnter Sessel. Herr Prause drehte ihn intuitiv um, bemerkte eine Aufschrift auf der Unterseite der Sitzfläche: BOMBENSTABIL, DRGM, 1943. Eine teutsche Wertarbeit für gutes Sitzen in unruhigen Zeiten. Ich, eingebungslos, hätte ihn durchaus zerhackt.

Wie kommt man zu diesem speziellen Gespür, möchte ich wissen. Man muss aufhören, fernzusehen. Man muss also irgendwie ein Spinner sein, dann sieht man mehr. Im Laufe des Gesprächs taucht eine plausiblere Antwort auf meine Frage auf. Erwin Prause war zuletzt Museumsführer im Urgeschichte-Museum Aspern an der Zaya (Viele Kinder sind durch meine Hände gegangen ...), für welches er auch an Ausgrabungen teilnahm in der Regel als Zeichner. Die Öffnung einer Kreisgrabenanlage in Schletz bei Aspern war ein besonderes Erlebnis. Da lernt man, wie man schauen muss. Und wenn du zu schauen weißt, dann bist du ein Eingeweihter. Dann bemerkst du das, woran ein anderer vorbeigeht. Und wenn du einmal mit dem Suchen angefangen hast, bleibst du für immer dabei.

Der Irre von 2114 Kleinebersdorf, Gemeinde Großrußbach, Bezirk Korneuburg: eine Selbstbeschreibung. Der nonkonformistischte aller 300 Einwohner des Dorfes, der Wahnsinnige mit dem Rennradl, der zugewanderte Single, dem einige Frauen des Orts nachlaufen, wie er uns glaubhaft versichert, der aber nach dreizehn Jahre Ehe genug vom Sex hat, der uns fast vegetarische Fleischlaberl und als Nachspeise einen extra für die Augustin-Delegation gebackenen Apfelkuchen anbietet (Ein Wunder, dass er mir diesmal aufgegangen ist, meistens bleibt er ja sitzen). Der Weinviertler, der Wert auf seine Waldviertler Herkunft legt (geboren in Gars am Kamp, aufgewachsen in Rosenburg am Kamp) und ins Weinviertel nach einem Zwischenspiel in Wien kam, wo seine Ex-Frau eine Villa hatte und er selbst unter anderem einen Job als Aufseher im Kunsthistorischen Museum.

Ein Irrer wie gesagt, eine Selbstbeschreibung, in der eine Menge Stolz steckt. Aber auch ein wenig Ärger über die Angepassten. Sie werden staunen, aber noch niemand aus dem Dorf hat mein Museum besucht mit Ausnahme eines einzigen Mannes, meines Freundes, sagt Herr Prause und wirkt ob dieser Isolation durchaus nicht gebrochen. Sein Haus wird wohl das Seine dazu beigetragen haben, dass anständige Leute sich scheuen, als mutmaßliche Befürworter des kuriosesten Museums zwischen Donau und Thaya ertappt zu werden. Das stigmatisierende Haus also, eine vorwiegend hölzerne Eigenkonstruktion im Zentrum einer gestalteten Wildnis, ist ein Gesamtkunstwerk und als solches von Grund auf suspekt. Zumal für Außenstehende die Zielsetzungen der Installationen des Chaosvorgartens sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Geschnitten wird der, der an dieser rätselhaften Adresse wohnt, aber auch wegen ungehörigem Respekt gegenüber unserm Feind.

Wenn ich mich brav den deutschen Flugzeugen zugewandt hätte


Ja, die Besatzungen der Flugzeuge der Alliierten, die im Kampf um die Befreiung Österreichs gefallen sind, gelten in diesem Landstrich immer noch als Feinde, und als solche haben sie in der vom Kameradschaftsbund bestimmten Erinnerungskultur keinen Wert. 1. Alliiertes Fliegermuseum 1945 steht auf einer Tafel, die das Kernstück der Sammlung Prause definiert. Ich wär nicht der Spinner, sondern der Kaiser vom Dorf, wenn ich mich brav mit den deutschen Flugzeugen beschäftigt hätte, mit den unsrigen, wie die Leut heute noch sagen, berichtet der seit 15 Jahren als privater Museumsdirektor tätige 70-jährige.

Am Anfang, aber nur kurze Zeit, interessierten mich tatsächlich auch deutsche Flieger. Aber bald begann ich mich zu genieren, Österreicher zu sein, als ich nach und nach Kenntnis erlangte von dem unverhohlenen Heldenkult für die fürs 1000-jährige Reich Gefallenen, selbst die SS wird in Kriegerdenkmälern glorifiziert. Ich geniere mich für meine Landsleute, die zwischen Poysdorf und Staatz einen englischen Piloten erschlagen haben, nachdem er sich aus seiner abgeschossenen Maschine retten konnte. Der hat sein Leben für die Wiedergeburt Österreichs gegeben. Wo steht ein Denkmal für Leute wie ihn? Zur Erinnerung an alle umgekommenen Besatzungsmitglieder amerikanischer, englischer und russischer Flugzeuge hat Erwin Prause die Errichtung eines Denkmals in Zellerndorf angeregt. Die Skizze des Denkmals ist Ausstellungsexponat.

Unnötig darauf hinzuweisen, dass ein Lokalpolitiker viel Mut bräuchte, um solche Ideen praktisch aufzugreifen. Nicht nur im Weinviertel mangelt es an solcher Courage. Solange es kein offizielles Gedenken der alliierten Kriegsopfer gibt, hat das Haus des Wunderlings Prause die Funktion einer Gedenkstätte. Dieser verrückten Stätte ein unwissenschaftliches Konzept vorzuwerfen, ist billig: Die üblichen Kriegerdenkmäler sind auf eine gefährliche Weise verrückt, weil kriegsverherrlichend, und sie verhöhnen jede seriöse Zeitgeschichtswissenschaft.

Wenn ein Landeshauptmann oder ein Bürgermeister den Mumm hätte, die Kameradschaftsbundclique zu reizen, indem er dem Kleinebersdorfer Sammler seinen Segen spendete (was in landesüblicher Weise in Form eines Politikerbesuchs mit anschließender Veröffentlichung eines Fotos in der Regionalzeitung zu besiegeln wäre: Prölls Handschlag mit Prause vor dem Hintergrund der Wrackteile einer im Weinviertel abgestürzten Iljuschin), dann hätte Erwin Prause eine Sorge weniger: Wer wird sich um die zusammengetragenen Objekte einer vorweggenommenen komplementären Heimatkunde kümmern, wenn er selber nicht mehr die Kraft dazu hat?

Wer wird dem bernsteinernen Pfeifenmundstück eines kanadischen Piloten, dem Propellerblattstück der Fliegenden Festung B 17, den in Weinviertler Äckern zu findenden Spuren des 1000-Bomber-Angriffs auf Wien vom 12. März 1945, auch den vielen vor dem Caterpillar geretteten Inventarresten des Kriegsgefangenenlagers bei Schletz jene Leidenschaft des Quersammelns zuwenden, von der Erwin Prause auch 15 Jahre nach Beginn seiner Archäologie der Fairness erfasst ist?

Doch noch ist der Museumsdirektor im Vollbesitz seiner Kräfte, die Berge im Bezirk Lilienfeld üben derzeit einen starken Magnetismus auf ihn aus aber auch dort, abseits seiner Weinviertler Fundstellen, wird Herr Prause nicht mit der Aufmerksamkeit eines durchschnittlichen Bergvagabunden unterwegs sein, sondern mit jener Eingebung, von der oben die Rede war: Ich bin kein normaler Wanderer. Ich bin ein Schauer. Ich bin Heimatforscher auf dem speziellen Feld der Erforschung der Schicksale alliierter Piloten, schmunzelt Prause denn so eine Klassifizierung ist in den Selbstgesprächen der Heimatforschung noch nicht vorgekommen.

Ein Vater unser für die Abschöpf-Fettn


Die hier nicht erwähnten Abteilungen des Kleinebersdorfer Zauberhäuschens die Urgeschichtssammlung, die Kunstsammlung (mitsamt eigenen Skulpturen und Malereien ja, Meister Prause ist auch ein Kreativer!) und andere Zeugnisse einer Sammel-Sucht wären Thema einer weiteren Geschichte. Und man müsste sich die Zeit nehmen, das Zeitungsartikel- und Textarchiv Prauses zu durchstöbern. Auf einen Text macht uns der Sammler selbst aufmerksam: auf das Bauerngebet aus dem Jahr 1947, ein für Prause besonders widerliches Exemplar des von konservativen und provinzlerischen Bauernfunktionären geschürten anti-urbanistischen Ressentiments, von dem er selber auch in der Gegenwart betroffen sei, auch weil eine antikameradschaftsbündische Haltung simpel dem Geist der verdorbenen Großstadt zugerechnet wird.

Lieber Herrgott, hilf uns Bauern / lass die Zeit noch länger dauern / wo uns diese Wiener Deppen / die schönsten Sachen außaschleppen / Wo uns diese gscherten Stoffeln / für an Rucksack voll Kartoffeln / dankbar hundert Schilling zahlen / und uns um den Hals noch fallen / Wo sie uns für Kraut und Zwiefeln / honoriern mit Röhrenstiefeln / und für a Patzerl Abschöpf-Fettn / Vater unser für uns beten / (...) Wenn wir dann beim Ofen sitzen / und am Feld die Wiener schwitzen / dann is endlich für uns Gscherten / 's Himmelreich auf dieser Erden.

Ratet einmal, fragt ein fröhlicher Heimatforscher in dem sicheren Wissen, dass er seine BesucherInnen sogleich überraschen wird, ratet einmal, wer dieses Gedicht verbrochen hat. Es war nicht Paula Preradovi, die Schöpferin unserer Bundeshymne, lüftet er sein Geheimnis. Es waren zwei Söhne von ihr.

Für seine nächsten BesucherInnen wird der Spinner von Kleinebersdorf andere Überraschungen bereit halten. Das ist so gewiss, wie die Besuche rar sind. Denn selbstverständlich verfügt Herr Prause auch nicht über ein Telefon, weder fest noch mobil. Interessenten müssen ihren Besuch demnach mit einer Postkarte rechtzeitig ankündigen: an

Herrn Erwin Prause, 2114 Kleinebersdorf, Am Hausberg 14.

Robert Sommer / 26.03.2008