Eine Brise von Erbrochenem

Weihnachten am Spittelberg

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Die Wiener Adventmärkte sind weniger geworden, Punsch-Wahn und Gewinn-Erwartungen sind geblieben.  Das Bettler_innen-Bashing auch. Peter A. Krobath hat sich im Punschnebel zwischen Spittelberg und Karlsplatz herumgetrieben.

Illu: Much


Peter Krobath / 06.12.2016

Den Begriff kannte noch niemand, da war der Prozess schon voll im Gange: Gentrifizierung! Die soziale und immobilienwirtschaftliche Aufwertung eines Viertels. In unserem Fall des Spittelbergs im Bezirk Neubau.
Die einstige Rotlichtgegend wurde in den 1960er-Jahren Spekulationsobjekt, dem Verfall preisgegeben. Zu der migrantischen Bewohnerschaft stießen Künstler_innen und Studierende, die dann 1973 erfolgreich gegen eine Stadterneuerung per Kahlschlag protestierten. Und so gab es statt neuen Wohnblocks schließlich Ensembleschutz und Luxussanierungen für die alten Barockhäuser. Später auch neue, wohlhabende Einwohner_innen. Plus Lokal- und Galerie-Szene. Und einem Fixplatz in den Reiseführern. Aushängeschild: der Weihnachtsmarkt.
Auch Letzterer spiegelt die Gentrifikation. Aus einem einfachen Biertische-Markt von Kunstschaffenden in der Spittelberggasse in den 1980er Jahren wurde ab 1994 ein kommerzieller Weihnachtsmarkt mit 145 Buden und 500.000 Besuchenden (Zahl aus dem Vorjahr), der für sechs Wochen fast das gesamte Grätzl zum punschbenebelten Marktgebiet macht. Denn in diesem Jahr erhielt der politisch gut vernetzte Pius Strobl, damals Gastronom am Spittelberg, die Bewilligung für den Weihnachtsmarkt. Beziehungsweise sein Kulturverein Forum Spittelberg. Die «vertriebenen» Künstler_innen fanden am Karlsplatz Unterschlupf und ihren «Art Advent».
«Es ist nicht gut, seinen Namen zu nennen», sagt eine Anrainerin. «Ich wollt seinen Namen gar nicht nennen», sagt eine Standlerin am Karlsplatz. Dieser «Voldemort»-Status ist zu viel der Unehre. Der heute 60-jährige Pius Strobl ist eher das, was man in Österreich eine schillernde Persönlichkeit nennt. Ein Mensch mit mehreren Facetten, die nicht alle glänzen. In jungen Jahren Wehrdienstverweigerer, SPÖ-Rebell, Gendarm, Naturschützer und Gründungsmitglied der Grünen. Dann Machtmensch und Geld-Scheffler als Gastronom, Immobilienmakler, ORF-Stiftungsrat und Lobbyist. Mit einer minderbegüterten Kindheit selbstgerechtfertigt: «Ich wollte nie wieder in Armut leben.» In den letzten Jahren hat sich Strobl als «Mr. Songcontest» einen guten, mit geheimen Gesprächsmitschnitten («ORF-Abhöraffäre») und als Freund des wegen Bestechung verurteilten Ex-Innenministers einen schlechten Ruf eingehandelt.
Apropos Strasser. «In Austria the people go around and drink beer and schnaps», beschrieb dieser den Bestechungs-Lockvögeln der «Sunday Times» 2010 das Treiben in der Alpenrepublik ab Faschingsbeginn. Und der fällt ja mittlerweile mit der Eröffnung der Weihnachtsmärkte zusammen. Dort wird vor allem Punsch getrunken und ist in Wien laut «meinungsraum.at» angestrebtes Ziel von 89 Prozent der Besucher_innen. Geschenke sucht dort nur jede_r Fünfte. 2016 will jede_r im Schnitt 65 Euro auf Weihnachtsmärkten ausgeben, um fünf Euro mehr als 2015. Insgesamt werden auf den Wiener Weihnachtsmärkten 8 Millionen Besucher_innen erwartet (500.000 aus dem Ausland) und über 500 Millionen Euro Umsatz.


Der Weihnachts-Markt regelt sich selbst

Wunschdenken? Gegenüber dem Vorjahr gibt es laut Marktamt einen Rückgang, von 24 auf 19 Adventmärkte (974 Marktstände, davon 160 Punschstände – 2015 waren es 1097 und 188). Marktamt-Sprecher Alexander Hengl: «Auch der Markt der Weihnachtsmärkte regelt sich.» Solo-Punschhütten gibt es heuer 40 gewerbliche (Vorjahr 59) und 67 karitative (Vorjahr 48).
Wo viel Punsch getrunken wird, gibt es mitunter das Dienstleistungsangebot, die Häferln zurückzubringen (das Pfandgeld als Verdienst). Und so gehört zur Adventzeit traditionsgemäß eine Hetzkampagne von «Österreich» gegen Bettelnde («Advent-Bettlerbanden»), unterstützt von der Wirtschaftskammer, die ein «sektorales Bettel-Verbot» in Wien fordert. Am Christkindlmarkt gehen Security und Polizei gegen Bettelnde vor, am Spittelberg das Organisations-Team (Sprecher Michael Schmid: «Wir legen ihnen nahe, woanders hinzugehen»), am Karlsplatz wird («wenn’s Probleme gibt») das Gespräch gesucht und werden Regeln vereinbart. Nachschlag zum Punsch: Eine Anrainerin am Spittelberg sagt: «In der Früh, wenn ich aus dem Haus trete, riecht es immer leicht nach Erbrochenem.»
Mit Kultur hat der Kulturverein am Spittelberg nicht viel am Hut. Das bis 2010 über den Winter leer gestandene Theater am Spittelberg wurde von ihm nicht für Konzerte und Lesungen, sondern als Verkaufshalle genutzt. Und die Spittelberg-Highlights 2016? Michael Schmid preist den Container, in dem «Ikea» eine Wickelstube betreibt, als Besonderheit an.
Kunsthandwerk schreiben sich heute alle Märkte auf die Fahnen. «Der Begriff ist ja nicht geschützt, darunter wird oft einfach Massenproduktion aus Billigländern verkauft», sagt Renate Jindra-Metal vom «Art Advent» am Karlsplatz. «Bei uns dürfen wirklich nur Leute teilnehmen, die ihre Waren selber produzieren.» Nichtsdestotrotz gibt es heuer ein neues Alleinstellungsmerkmal: «Wir sind der erste biologisch zertifizierte Adventmarkt!»
Peter Krobath / 06.12.2016