eingSCHENKt: Eine Pippi Langstrumpf aus Moldawien

Heute kommt die Mama auch nicht nach Hause. Mama bleibt in Italien beim fremden Kind. Und Papa in Sibirien auf seiner Baustelle. Cristina kümmert sich um alles, sie kocht und putzt, sie füttert die Schweine, die Hühner und die Hunde, und wenn es sein muss, dann prügelt sie sich auch mit den Buben, um Dan und Marcel zu verteidigen. Dan und Marcel sind Cristinas Brüder, und sie selbst ist gerade einmal zwölf.
Martin Schenk / 25.11.2016
Ein Mädchen, das versucht, Ersatzmutter und Vater zu sein, während die Mutter in Italien als Kindermädchen arbeiten muss und der Vater in Sibirien einen Job angenommen hat. Die Großmutter wäre da, aber sie ist schwer dement.
«Das Warten ist wie ein kleines Tier, weder ein Haustier noch ein wildes Tier, mal brav und schläfrig, mal böse und entfesselt», sagt Cristina. Sie ist die Hauptfigur im Roman von Liliana Corobca (Zsolnay 2015). Die Autorin ist in einem kleinen Dorf in Moldawien aufgewachsen, lebt jetzt in Bukarest. Ihr Roman wählt in der deutschen Übersetzung am Cover das Bild des Horizonts. Cristina erzählt, wie sie auf die Hügel vor ihrem Dorf steigt und eine Entdeckung macht. Auf dem Gipfel des Hügels sieht sie einen neuen, einen anderen Horizont. Im Hof und im Haus sei Luft, hier aber sei Himmel. «Am Horizont gehört alles dir», berichtet sie von ihrem Erlebnis.
Rund 100.000 Kinder sind es in Moldawien, die nur mit einem Elternteil aufwachsen oder sogar ganz ohne. In Buruienești im Nordosten Rumäniens hatten von den 301 Kindern, die in die Schule des Dorfes gingen, 119 einen Elternteil in einem anderen Land; bei 67 die Mutter, bei 19 der Vater und bei 33 beide Eltern. Auch Österreich ist Zielland von Pflegekräften wie Cristinas Mama. In einer Art globaler Betreuungskette übernehmen Arbeitsmigrant_innen hier Betreuungs-, Pflege- und Haushaltsaufgaben, während zugleich ihre eigenen Kinder im Heimatland bleiben und dort von Familienangehörigen oder Angestellten betreut werden. Oder von niemanden. Getragen werden diese Care-Ketten ausschließlich von Frauen. Die Männer sind weniger involviert. Es entsteht eine Betreuungskette aus drei oder mehr Frauen, wobei in jeder Stufe der Betreuung der Lohn abnimmt und die letzte Betreuerin oft unbezahlt tätig ist. Dem positiven Aspekt der höheren Einkommen stehen die negativen Konsequenzen prekärer Arbeitsbedingungen und sozialer Isolation entgegen. In diesen – oft nicht legalen – Pflegearrangements wird das Geschlecht als Ressource gesehen, nicht die Ausbildung oder Profession der Frauen. Das sei eine widersprüchliche Win-win-Situation zweier in Abhängigkeit stehender Personengruppen, bemerkt Helma Lutz, Forscherin an der Frankfurter Goethe-Universität: von der fremdenpolizeilichen Aufenthaltsbewilligung abhängige Betreuerinnen und von der Betreuung abhängige Pflegebedürftige. Die Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen zur Schaffung von schlecht bezahlten Jobs trägt jedoch zur Abwertung von Care-Arbeit insgesamt bei, warnt Lutz. Die Folgen sind eine Zunahme nichtlegaler Dienste und die Verschlechterung der Bezahlung der Beschäftigten. Gerade in den kontinentalen Sozialstaaten wie Österreich oder Deutschland klafft eine große Pflegelücke bei mobilen und alltagsnahen Pflegediensten.
Cristina ist ein starkes Mädchen. Sie erinnert ein wenig an Pippi Langstrumpf. Doch es fehlt das Märchenhafte und vor allem: die Schatzkiste. Wenn man den anderen Horizont sieht, erscheint er einem nicht mehr wie ein Rand, ich stand in der Mitte, sagt Cristina. Als säße ich direkt im Himmel. Am Horizont gehört alles dir.

Martin Schenk / 25.11.2016