eingSCHENKt: Sag mir, wo du wohnst, und ich sage dir, wann du stirbst

Wenn ich mit der Straßenbahn vom ärmsten Wiener Gemeindebezirk, Fünfhaus, in den reichsten, nach Hietzing, fahre, dann liegen dazwischen einige Minuten an Fahrzeit, aber auch 5 Jahre an Lebenserwartung der jeweiligen Wohnbevölkerung. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Eine wichtige Rolle spielen dabei in jedem Fall auch die räumlich unterschiedlich verteilten Belastungen am Wohnort.
Martin Schenk / 22.11.2016
Die Belastung durch Lärm bzw. Luft- und Umweltverschmutzung wird größer, je geringer das Einkommen ist. Kinder, die in relativer Armut leben, wohnen häufiger in Wohnungen mit einer hohen Belegungsdichte und an stark befahrenen Straßen als Kinder, die nicht von Armut betroffen sind. Familien in Einkommensarmut fühlen sich in städtischen Regionen massiv durch Luftverschmutzung, Lärm und fehlende zugängliche Grünflächen in ihrer Wohngegend beeinträchtigt. Lärm und Luftverschmutzung gelten als zwei der bedeutendsten Umweltbelastungen in Städten mit Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und Lebensqualität.
Grünraum in der Stadt verbessert das Klima im Grätzel, zeigt gesundheitlich positive Auswirkungen, bietet Bewegungsraum für Jung und Alt, begünstigt als Sozialraum das Gespräch und die Begegnung. Urbane Grünräume sind ungleich zwischen Arm und Reich verteilt. Zwar befinden sich sowohl arme als auch reiche Bezirke in stark verbautem Gebiet, die sozial und einkommensmäßig ärmsten Straßenzüge sind aber immer mit wenig Grün ausgestattet; hingegen die reicheren Bezirke stets mehrheitlich in und neben Grünlagen gelegen.
Weiters klagen 6 Prozent der Bevölkerung in Österreich über dunkle Räume, davon sind untere Einkommen stärker betroffen. 12 Prozent der Bevölkerung leben in feuchten, oft auch schimmligen Wohnungen. Zusätzlich besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen niedrigem Sozialstatus und einer steigenden Belastung durch n-Octan, Benzol, Toluol, m-, p-Xylol, 1,3,5-Trimethylbenzol und Popanal. Besonders gefährlich für die Gesundheit wird es, wenn sich Schadstoffe in ihrer Kombination verstärken.
Auch sommerliche Hitzeperioden sind ein Gesundheitsrisiko. In der Hitzewelle 2003 sind rund 70.000 Menschen in Europa an der Hitze gestorben. Ärmere Bevölkerungsgruppen gehen statistisch gesehen häufiger Berufen nach, die körperlich anstrengend und der Hitze ausgesetzt sind (z. B. Bauarbeiter_innen, Reinigungskräfte). Sozial benachteiligte Gruppen leben meist in Wohnungen mit schlechter Bausubstanz (z. B. keine Wärmedämmung) und schlechter Ausstattung (z. B. keine Außenjalousien, keine Klimaanlagen) sowie weniger Raum pro Kopf. Qualitative Untersuchungen weisen darauf hin, dass sie weniger oft und weniger weit in kühlere Bereiche ausweichen können (z. B. Zweitwohnsitz, Freibad etc.). Sie weisen einen schlechteren Gesundheitszustand auf, welcher gegenüber Hitze verwundbarer macht. Von Hitze besonders stark betroffen sind ältere Menschen.
Unter dem Titel «Umweltgerechtigkeit» formiert sich in Europa gerade eine neue Bewegung, die nicht hinnehmen will, dass alles so bleibt, wie es ist. Sag mir, wo du wohnst, und dich sage dir, wie lange du lebst?

Martin Schenk / 22.11.2016