Elf Jahre alt, und schon Ehesklavin

Outlaw Legends Phoolan Devi, Banditin und Menschenrechtsaktivistin (1)

article_1565_phoolann_180.jpg Phoolan Devis genaues Geburtsjahr bleibt ein Geheimnis; Grund hierfür ist die lückenhafte Datenerfassung von Angehörigen niedriger Kasten in ihrer Heimatregion Uttar Pradesch/Indien. Ihr Todestag jedoch ist durch weltweite Pressemeldungen dokumentiert: Im Rahmen einer politischen Veranstaltung wurde sie am 25. 7. 2001 im öffentlichen Raum von Delhi erschossen. Anders war dieser Kämpferin für Frauenrechte offenbar nicht beizukommen.
Jakob Lediger / 09.09.2010
Phoolan Devi, genannt die Königin der Banditen, welche ihren Weg von «niederer Geburt» als Tochter eines Mallah zu Zwangsverheiratung und Zwangsehe, Vergewaltigung, Demütigung, Entwürdigung und Verstoßung zu gehen hatte; und weiter über Entführung und abermalige Vergewaltigungen durch eine von Thakurs geführte Banditenbande zur Anführerin einer eigenen Dacoitsgruppe. Ihr freiwilliger Verzicht im Jahr 1983, ihren Aufstand aufrecht zu erhalten, bescherte ihr eine elf Jahre dauernde Haft ohne rechtskräftige Verurteilung. Und schließlich, als sie immer noch nicht gebrochen war, führte ihr Weg sie in die Politik.

Eindrücklich schildert Phoolan Devi ihre frühen Lebensjahre und ihre Entwicklung in ihrer 1994 erschienen Autobiografie «I, Phoolan Devi», welche sie während ihrer Haft verfasst hatte. Als Tochter eines armen Mallahs geboren zu werden, bedeutete für sie von Beginn an, einen harten Weg vor sich wissen zu müssen. Sobald sie zu gehen gelernt hatte, wurden ihr schon Arbeiten im elterlichen Haus zugewiesen. Die Enttäuschung der Eltern, erneut keinen Sohn zur Welt gebracht zu haben, begleitete sie ihre kurze Kindheit hindurch. Ledige Frauen, junge Frauen und Mädchen galten Mallah-Familien gemeinhin nur als Belastung und potenzielle «Schande». Die Gefahr des gewalttätigen sexuellen Übergriffes war in diesen hierarchischen Strukturen, wie Phoolan Devi in ihrer Autobiografie die sozialen Gegebenheiten ihres Heimatdorfes in der Region Uttar Pradesch beschreibt, allgegenwärtig. Schutzalter gab es nicht. Rechtliche Möglichkeiten waren nicht vorhanden. Erlittene «Schande» war nicht umkehrbar, die betroffenen Frauen vollkommen auf sich alleine gestellt und der Willkür ihres sozialen Umfeldes ausgeliefert.
Weibliche Nachkommen werden, Devi zufolge, als Unglück angesehen, als Fluch. Ausgeschlossen vom schon bereits eng begrenzten Berufsspektrum der männlichen Mallahs, wie Fischfang, Tagelohn oder dergleichen, schuftete Phoolan Devi wie alle diese Kinder schon von klein auf im elterlichen Haushalt und wurde als Minderjährige zwangsverheiratet. Verheiratung gilt Mallah-Familien als einziges Mittel, um «Schande» zu verhindern. Jede Verheiratung kostet die Familien einen erheblichen Teil ihres wenigen Besitzes. Die an diesen minderjährigen Frauen verübte sexuelle Gewalt wird unter den dicken, traditionsgeknüpften Teppich der «Ehe» gekehrt.

Du bist kein Kind mehr, du bist jetzt eine Dulhan! [] Du bist Putti Lals Dulhan, du kleiner Dummkopf!


Als sie elf Jahre alt geworden war, erschien ein Mann bei der elterlichen Behausung und verhandelte mit ihrem Vater. Sie selbst verstand noch nicht, wie sehr diese Gespräche ihre weitere Zukunft beträfen. Der Mann, Putti Lal, wollte sie zur «Frau» nehmen; mit ihrem Vater galt es den Preis auszuhandeln. Jenen Preis, den der Vater bezahlen müsste, um seine Tochter dem Schutz eines Gatten anheimzustellen. Und dessen Willkür. Die beiden Männer wurden sich einig. Die Hochzeit terminlich fixiert und schließlich zeremoniell durchgeführt. Devi selbst blieb der Sinn der Feierlichkeit ein Rätsel:
«Ich musste siebenmal um das heilige Feuer gehen, während der Priester ein Mantra sang. Dann wurde mein Schleier gehoben, und man machte ein rotes Zeichen auf meine Stirn. Mein Vater und meine Mutter nahmen meine Hand und legten sie in die Hand dieses fremden Mannes, dessen Gesicht mir irgendwie bekannt vorkam. Eine große verschwitzte Hand umfasste meine kleinen Finger.» (I, Phoolan Devi)
Aus ihren Aufzeichnungen geht eindeutig hervor, dass ihr nicht bewusst war, welchem Ritual sie in diesen Momenten unterworfen wurde. Erst, als sie tags darauf von Putti Lal genommen und auf seine Karren gesetzt wurde, wurde ihr klar gemacht, dass sie nun eine Dulhan (Ehefrau) war und ihre Eltern und Geschwister zu verlassen hatte. So war Phoolan Devi mit elf Jahren zwangsverheiratet worden. Für die Eltern war eine potenzielle Schande verhindert. Der Gatte hatte sich eine Leibeigene erhandelt. Phoolan Devis Martyrium begann.

Es war eine Schlange. Er hatte eine Schlange an seinem Körper befestigt!

Die Vergewaltigungen, welche ihr durch ihren Mann zugefügt wurden, sind hier nicht zu beschreiben. Hier muss, um ihren Weg verstehen zu können, ihren eigenen Worten Raum gegeben werden.
«Er zwang mich, in dieses Zimmer zu gehen, und es gab keine Möglichkeit für mich, etwas dagegen zu tun. [] Mein gelber Sari fiel zu Boden, und er stieß ihn fort .[] Ich wollte weg von ihm, als ich seine Hände auf mir spürte, aber er klemmte meine Beine zwischen seine Knie, und ich konnte mich nicht mehr bewegen. Und in diesem Augenblick spürte ich, wie etwas an mich herangeglitten kam .
Es war eine Schlange. Er hatte eine Schlange an seinem Körper befestigt! Er wollte, dass ich die Schlange anfasste. Ich war starr vor Schreck. [] Ich konnte vor Schmerzen nicht einmal schreien, als sich die Schlange gegen mein Fleisch presste. Er schlug mich innen drin! Mir war, als würde die Schlange mich auseinander reißen! [] Es schien Stunden zu dauern. Ich war ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, wie eine Stoffpuppe.» (I, Phoolan Devi)
Der Täter war seinem Umfeld bekannt. Seine erste «Frau» war bereits seinen Misshandlungen erlegen. Jeder dort wusste dies. Niemand intervenierte zunächst. Der Täter wurde beschimpft, ja. Aber niemand unternahm etwas, um die offensichtlichen Verbrechen zu unterbinden. Die «Frau» war in Besitz. Und dem Täter in allem unterworfen. Lange Zeit. Nach Monaten erst, als Phoolan Devis Gesundheitszustand dermaßen bedrohlich wurde, verständigte ihr «Schwiegervater» ihre Eltern. Sie wurde abgeholt, in einem Krankenhaus grob begutachtet und in häusliche Pflege entlassen. Der Täter jedoch kam wieder in das Dorf ihrer Eltern, um sie abzuholen. Sie wurde ihm wieder überlassen. Erneut vergewaltigt. Erneut befreit. Schließlich beendete Putti Lal, der inzwischen ein weiteres Mal «geheiratet» hatte diese «Ehe», indem er Phoolan Devi an einem Flussufer aussetzte und verstieß. Eine Dulhan wurde dadurch entehrt. Phoolan Devi war nun die «Schande» ihres Dorfes. Doch nun gab es für die lokalen Gesetzeshüter etwas zu tun. Eine verstoßene Dulhan hatte sich vor dem Dorfrat zu verantworten. Ihrem Vater wurde nahe gelegt, um die erneute Aufnahme in diese «Ehe» zu bitten. Ihre Mutter weigerte sich.
«Sie wollte Putti Lal auf gar keinen Fall zwingen, mich wieder bei sich aufzunehmen. Und wenn ich eine Schande für das ganze Dorf sei, dann sollte es eben so sein. Sie würde mich ernähren und sich um mich kümmern.» (I, Phoolan Devi)

In der Folge war ihre gesamte Familie fortdauernden Beschimpfungen und Belästigungen, Herabwürdigungen und Übervorteilungen ausgesetzt. Ihr Vater schien zu schwach, um dagegen anzukämpfen. Er fügte sich in sein Schicksal. Ihre Mutter aber wurde kämpferischer. Devi spricht vom «Knurren einer wütenden Tigerin». Auch sie selbst nahm den Kampf auf. Sie widersetzte sich den Traditionen. Sie forderte Rechte ein, die ihr nicht zugestanden wurden. Die sie als ehrlose Frau gar nicht besaß. Sie begann politisch zu denken. Rebellische Vorstellungen entwickelte sie auf der Basis ihrer eigenen schrecklichen Erfahrungen. Die patriarchal-normative Tradition ihres Umfeldes, auch wenn sie rechtens war, konnte nicht richtig sein, weil sie Frauen vernichtete. Sie musste bekriegt werden. Phoolan Devi beschritt den Weg von der Entehrung in die Illegalität.
Falschen Anschuldigungen zufolge hätte sie einen Raub in ihrem Dorf verübt, hieß es eines Tages. Sie sei Mitglied einer Bande von Dacoits geworden, sagten die Leute. Sie wurde vor Gericht gestellt, für schuldig befunden und in der darauf folgenden Haft wieder mehrmals vergewaltigt. Sechzehn Jahre war sie gerade geworden. Der Prozess eine Farce. Und doch sprach sie es dort zum ersten Mal aus: «Ich bin Phoolan Devi. Ich bin ein Dacoit.» Obwohl sie es noch gar nicht war. Aus prinzipieller Widersetzlichkeit. Sie wollte nicht still leiden, wie so viele Frauen in ihrem Dorf. Lieber wollte sie sich wehren. Lieber die konsekutiven Schläge und Demütigungen ertragen, aber nicht wehrlos hinnehmen. Und dann, dann wurde sie eines Nachts entführt. Von einer berittenen Bande Dacoits.
(wird fortgesetzt)


Kleines Glossar:
Mallah  Kaste der Fischer
Thakur zur Kriegerkaste zählende Unterkaste; Grundbesitzer
Dacoit  Bandit
Dulhan Braut, Ehefrau
Mantra Formel bei Riten und Meditationen
Sari      Kleidungsstück für Frauen, aus einem einzigen Tuch bestehend, das ohne Knöpfe oder andere Befestigungen getragen wurde
Jakob Lediger / 09.09.2010