Experte im Mensch-sein - darin üben wir uns

Cecily Corti im Augustin-Gespräch über die Angst, zu geben

article_2301_cecily_180.jpg Während des Gespräches sitzt Cecily Corti aufrecht auf einem Hocker in einem noch unbelebt wirkenden Zimmer der neu eröffneten «VinziRast - mittendrin». Es ist das derzeit innovativste Armen-Wohnprojekt Wiens. Keine kurzen oder schnellen Antworten kommen aus dem Mund der Anfang-70-Jährigen. Es sind Gedanken, die von Tiefe zeugen und möglichst weit reichen sollen.
Theresa Bender-Säbelkamp / 22.08.2013
Sie haben für ihr Projekt die Ortsangabe «mittendrin» gewählt. Wieso nicht «am Rand»? Empfinden Sie die Bezeichnung «Menschen am Rande der Gesellschaft» für obdachlose Menschen als Beleidigung?

Das Erste ist, was für mich wichtig ist: den Obdachlosen als Menschen zu sehen, aber die Tatsache, dass die Gesellschaft alles an den Rand drängt, was nicht in ihre Normen passt, macht Angst, und das wissen wir ja: das wird möglichst weggedrängt. Und mit Tabus belegt. Es herrscht das «Mir san mir»-Prinzip: Alles was uns vielleicht ein bisschen was wegnehmen könnte oder das Gesamtbild stört, soll möglichst nicht existieren. Wie gehen wir Menschen miteinander um? Wer als unzugehörig und fremd gilt, ist mit entsetzlichen, fürchterlichen, verachtenden Wörtern und Aggressionen konfrontiert. Mit Mutmaßungen wie: «Wohnungslose, die sind eh selber Schuld.» Dazu dieses Abstempeln von alkoholkranken Menschen, dieses Vorurteil. Mir gehts darum, auch den vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter_innen, die mir bei VinziRast helfen, diese Mechanismen bewusst zu machen.

Wie können solche Ressentiments überwunden werden? Was braucht es dazu?

Es braucht einzelne engagierte Menschen, aber grundsätzlich haben Politiker eine Vorbildfunktion, und die erfüllen sie, was das betrifft, einfach nicht. Ich erlebe vielmehr immer wieder, dass Angst für die Politiker die treibende Kraft ist. Die Angst, dass man bei den nächsten Wahlen nicht die Mehrheit bekommt, weil die allgemeine Meinung ist: «Wir wolle nicht gestört werden, wir wollen nix hergeben von dem, was wir haben, von den Privilegien. Ich führe die Atmosphäre in unserem Land sehr stark auf eine Politik zurück, der es an Menschen mit Mut, Visionen und einer Offenheit mangelt. Es mangelt an Menschen, die sagen: Okay, wir sind vielleicht in einer Krise - aber wir reagieren nicht auf sie, indem wir eine Aktivität vortäuschen, sondern mit dem Willen, Grundsätzliches bei uns zu ändern. So wie bisher können wir nicht weiterleben. Mir ist bewusst, dass es ein enges Terrain ist, auf dem ich mich bewege, aber ich bin erstaunt, wie mein Projekt wächst, wie es Ehrenamtliche und Spender anspricht. Diesen Zuspruch habe ich mir nie erwartet.

Sie haben im Laufe der Jahre so viele Lebensgeschichten kennengelernt. Gibt es einen gemensamen Nenner?

Die Aussichtslosigkeit, die Ohmacht, die Hoffnungslosigkeit, dass sie immer wieder an Grenzen stoßen. Dass sie mit Menschen zu tun haben, die ihnen nicht weiterhelfen. Das betrifft vor allem unsere Gäste in der Notschlafstelle, die aus dem südost- und osteuropäischen Raum kommen, die sich wirklich in ziemlich aussichtlosen Lebenslagen befinden. In ihrer Heimat finden sie keine Arbeit, stattdessen müssen sie kranke Verwandte versorgen. Hier stoßen sie auf so viel Ablehnung und Verachtung. Ich habe da große Bewunderung für die Menschen, die dennoch nicht aufgeben, die dennoch nicht dem Alkohol verfallen. Ich habe sie mir früher oft vorgestellt, wenn sie in der früh um acht bei uns aus dem Haus müssen und nicht wissen, wohin im Grunde. Wie Blätter, die vom Wind in irgendeine Richtung geblasen werden. Soll ich links gehen? Soll ich rechts gehen? Es ist ja im Grunde egal. Du siehst ihnen an, dass sie nicht wissen, was sie mit dem neuen Tag anfangen sollen. Wie und wo kehren sie dann ein? Wir können ihnen weder Arbeit finden noch das Geld geben, damit sie sich eine Wohnung leisten könnten. Wir beschränken uns darauf, ihnen so zu begegnen, dass sie sich wahrgenommen fühlen, dass sie Respekt fühlen. Um mit Obdachlosen zu arbeiten, musst du doch Experte sein. Experte im Mensch-sein? Darin über wir uns!

Was kann ein einzelner Mensch im Kleinen tun? Gibt's Alternativen zum materiellen Spenden?

Spenden ist eine Möglichkeit. Eine Veränderung bringen Spenden vor allem, wenn sie dem Spender oder der Spenderin weh tun. So wird gesagt. Ich würde nicht so weit gehen. Es muss nicht sein, dass ich nur spende, wenn mir das wehtut. Für mich ist eher wichtig, dass es mit einer bestimmten Einstellung gemacht wird. Egal ob ich zwei Euro oder 50 Cent oder 100 Euro gebe, was immer gerade im Rahmen meiner Möglichkeiten liegt - ich gebe es ohne Angst. Ich mag nicht, wenn Leute überlegen: Das Geld von mir gibt er eh für den nächsten Alkohol oder Zigaretten aus, oder er hat einen Schlepper, dem er das geben muss, oder er ist einer Bande gefügig. Ich glaube, dass wir unsere Ängste abbauen müssen. Was ich hergebe, kann mir nicht mehr genommen werden, ganz egal, was der Andere dann daraus macht. Ich habe es gegeben und ich habe es gern gegeben.

Theresa Bender-Säbelkamp / 22.08.2013