Frauen wollen alles

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Am 8. März, dem internationalen Frauentag, steht möglicherweise die Erde still. Denn weltweit wird zum Frauenstreik gegen das Patriarchat aufgerufen. Was so ein Streik kann, fragt Ruth Weismann.

Foto: Elke Auer und Julia Wieger


Ruth Weismann / 27.02.2017
Strike back! Schlagt zurück! Dieser Befehl, sich zu wehren, zeigt in englischer Sprache sein volles Potenzial. Seit dem 19. Jahrhundert steht Strike nicht nur für einschlagen, stoßen, treffen, erzielen und Ähnliches, sondern auch für Arbeitskampf. Und wurde schließlich zu Streik eingedeutscht. Wenn arbeitende Menschen streiken, zeigen sie, welche Macht sie tatsächlich haben, indem sie in die Zentren der Macht (oft wirtschaftliche) «reinschlagen». Weil dann sichtbar wird: Ohne Arbeiter_innen geht nichts.
Wie sähe die Welt aber aus, wenn die Hälfte der Bevölkerung streiken würde? Jene Hälfte, die laut UNO rund zwei Drittel der Arbeit verrichtet, rund die Hälfte der Lebensmittel produziert, aber nur ungefähr 10 Prozent des Ein-kommens erhält. Jene Hälfte, die den Großteil der notwendigen Care-Arbeit – also Haushalt, Einkaufen, Kindererziehung, Pflege – leistet, und das meist unbezahlt. Jene Hälfte, die immer noch sexualisierte Gewalt erfährt (was auch für Transgenderpersonen tägliche ­Realität ist). Jene Hälfte, die sich in vielen Ländern sagen lassen muss, wie sie mit ihrem eigenen Körper umgehen soll, wenn es um Schwangerschaft geht, und nicht kostengünstig und straffrei abtreiben darf. Jene Hälfte, die laut Genfer Index des Bildungsministeriums 51 Prozent der Bevölkerung in Österreich ausmacht.

 

Herstory

Frauenstreiks gibt es im Prinzip seit immer, durchaus auch erfolgreiche. Aus der griechischen Literatur ist der «Gebärstreik» der Frauen aus Athen bekannt, mit dem sie die Männer zwingen wollten, den Krieg zu beenden. 2003 organisierte die Bürger_innenrechtlerin und spätere Nobelpreisträgerin Leymah Gbowee mit ihren Mitstreiterinnen unter anderem einen Sexstreik für ein Ende des Bürgerkriegs in Liberia. 2008 erreichten die Frauen eines türkischen Dorfes mit sexueller Verweigerung die Verbesserung der Trinkwasserqualität. 2012 riefen Frauen in Togo ebenfalls zum Sexstreik auf, um das Durchführen einer Wahlrechtsreform zu verhindern. Und die Aktivistin April Lawson rief Chicagos Frauen auf, sich ihren Männern zu verweigern, um das Herumgeballere auf den Straßen zu stoppen.
Dies sind nur ein paar von zahlreichen Beispielen, die zeigen: Gebär- und Sexstreiks sind tatsächlich «Waffen der Frauen», die deswegen funktionieren können, weil sie sich sozial konstruierte Geschlechterzuschreibungen kreativ zunutze machen. Frei nach dem Motto: Wenn wir schon auf die Doppelrolle von Mutter und Geliebte reduziert werden, dann wenden wir das eben an, um unseren Willen durchzusetzen. Und zeigen damit, wie politisch das Thema Reproduktion ist.

 

Backlash für Frauenrechte

Denn auch Care-Arbeit fällt unter Reproduktion. Beim berühmten Streik in Island 1975 legten rund 90 Prozent der Frauen für einen Tag ihre Lohn- und Hausarbeit nieder und bewiesen so eindrucksvoll, was sie für die Gesellschaft leisten. Das wollen feministische Organisationen auch am heurigen 8. März erreichen und rufen zum globalen Frauenstreik auf. Soll heißen: Produktion und Reproduktion unterbrechen und auf die Straße gehen. Die Vernetzungsplattform «Transnational Social Strike», auf der zum Streik aufgerufen wird, nennt als Beispiele die Women’s Marches gegen Trump in den USA Ende Jänner, die Proteste gegen das Abtreibungsverbot in Polen, die Demonstrationen gegen Gewalt an Frauen in Argentinien und weitere Kämpfe der jüngsten Zeit, wenn sie schreiben: «Alle, die gegen das neoliberale Patriarchat protestieren, werden zusammen gegen männliche Gewalt kämpfen und gegen sämtliche andere Maßnahmen, die unsere Rechte einschränken oder unterdrücken wollen.» In mehr als 20 Ländern gibt es Organisationen, die mitmachen.
In Österreich etwa die Plattform «Frauen wollen mehr», die anlässlich des Präsident_innenschaftswahlkampfs ­gegründet wurde. «Wir finden, es ist Zeit, Streik wieder als Form des Widerstands zu nutzen. Denn er birgt eine klare Drohung in sich», meint ­Natalie Ananda Assmann, Aktivistin der Plattform. Assmann stellt in vielen Ländern einen Backlash fest, der hart erkämpfte Frauenrechte wieder in die Vergangenheit befördern will, und nennt den Gender Pay Gap von 22,4 Prozent, den geringen Anteil von Frauen in Führungspositionen, Sexismus am Arbeitsplatz, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die katastrophalen Bedingungen, unter denen viele Migrantinnen beschäftigt sind, sowie Rückschritte in Fragen der reproduktiven Rechte. Auch in Österreich bekämen Parteien mit antiemanzipatorischen Programmen immer mehr Zulauf, sagt sie. «Der Chauvinismus ist so mainstreamtauglich wie schon lange nicht mehr. Eine starke Gegenbewegung immer mehr wachsen zu lassen und Forderungen von Frauen ins Zentrum des öffentlichen Diskurses zu stellen, ist durch Beteiligung an einer konkreten, internationalen Aktion wie dieser eine gute Gelegenheit.»
«Ob ein ganzer Tag, den ihr euch freinehmt, eine Stunde oder ein paar Minuten: Die Zeit, in der ihr streikt, bleibt euch überlassen. Solltet ihr nicht streiken können, setzt ein Zeichen der Solidarität, indem ihr etwas Schwarzes an diesem Tag tragt und es fotografiert», ist auf der Facebookseite von «Frauen wollen mehr» zu lesen. Schwarz als Statement-Farbe wurde schon von den Polinnen verwendet, die erfolgreich gegen das Totalverbot von Abtreibung streikten und demonstrierten.

 

Ein Tag ohne Frauen

Aber was würde konkret passieren, wenn tatsächlich alle streikten? Barbara Huemer, Grüne Wiener Gemeinderätin und Sprecherin für Frauen, Arbeit, Personal und Wissenschaft, sagt dazu: «Ich stelle es mir erhellend vor, wenn Frauen kollektiv einen ganzen Tag aufhören, das zu tun, was sie sonst jeden Tag tun: Frauen gehen nicht in die Arbeit, kümmern sich nicht um Kinder oder zu Pflegende, heben kein Telefon ab, organisieren nichts, spenden keine tröstenden Worte, spielen nicht Chauffeurin, arbeiten nicht einmal für gute Zwecke.» Dass das in großem Stil kaum möglich sein wird, liegt auf der Hand. Schon alleine, weil vor allem bei reproduktiver Arbeit viele Frauen wohl ihre Kinder und Angehörigen nicht im Stich lassen wollen, wenn diese von ihnen abhängig sind. Auch arbeitsrechtlich wäre so ein Streik in Österreich nicht gedeckt, meint Huemer. «Für mich ist der globale Frauenstreik mehr ein lustvolles Gedankenspiel. ‹A Day Without A Woman› führt nicht zu Equal Pay. Doch er könnte zeigen, wie mächtig Frauen sind, und er würde Frauen stärken.»
Ähnlich sieht das Brigitte Hornyik, Juristin und Vorsitzende des Österreichi-schen Frauenrings. «Theoretisch und historisch spannend. Aber können sich Frauen das leisten? Immerhin riskieren sie womöglich den Job, von dem sie leben.» Die Aktion von «Frauen wollen mehr» bleibt vielleicht eine Social-Media-Aktion, bei der unter den Hashtags #globalwomensstrike, #frauenstreikösterreich und #womensstrikeaustria hoffentlich viele Fotos mit Frauen in schwarzer Kleidung gepostet werden, ein Zeichen ist es trotzdem. Außerdem gibt es noch die Demonstration, zu der für den 8. März aufgerufen wird. Ein klassisches Instrument des sozialen Widerstands, das in letzter Zeit Aufschwung erlebte. Mit dem «Women’s March on Washington», der am 21. Jänner unter dem Motto «A Day Without A Woman» stattfand, sahen die USA laut Medienberichten die größten Demonstrationen in ihrer Geschichte. In vielen Stä­dten gingen Frauen, Männer und Transpersonen auf die Straße; viele, die sich nie oder selten politisch betätigten, wurden aktiv. Auch die New Yorkerin Arianna Fleur, die seit Trumps Wahlgewinn ziemlich viel auf den Beinen ist, wurde quasi zur Aktivistin. Dass Demonstrationen alleine den sexistischen, rassistischen US-Präsidenten nicht seines Amtes entheben werden, ist ihr bewusst. Aber «sie sind ein starkes Instrument, um zu zeigen, dass man nicht einverstanden ist. Und das schafft Gemeinschaft. Das ist sehr wichtig», ist sie überzeugt. Die Atmosphäre am Women’s March in New York beschreibt sie als berührend und motivierend.
Egal ob die halbe Welt am 8. März tatsächlich streikt oder «nur» demonstriert: Motivierend ist es allemal.

 

Was tun am 8. März?
Demos, Kunst & Party


Streik
Frauenstreik der Alleinerzieherinnen vorm Parlament
Treffpunkt: 17 Uhr vor dem Parlament

Demo I
F*L*I*T*-Demo «Take Back The Streets – Jeden Tag 8. März»
Treffpunkt: 17 Uhr, Urban-Loritz-Platz, 1070 Wien

Demo II
Autonome FrauenLesbenDemo
Treffpunkt: 18 Uhr, Christian-Broda-Platz, 1070 Wien

Kunst
Das Museum Belvedere bietet mehrsprachige
Führungen an, etwa auf Türkisch und Farsi, und lädt Frauen mit Migrationsbiografie zu Lesungen und Diskussionen.
Treffpunkt: Kassenhalle, Oberes Belvedere,
Prinz Eugen-Straße 27, 1030 Wien
Kontakt: (01) 79557-134, public@belvedere.at
www.belvedere.at/de/events

Film
«Warum Frauen Berge besteigen sollten» von Renata Keller (DL/USA 2016)
Dokumentarfilm über die feministische Historikerin, Autorin und Reformern Gerda Lerner, die vor den Nazis in die USA flüchten musste. Renata Keller ist beim anschließenden Publikumsgespräch anwesend.
19.30 Uhr, Metro Kino, Johannesgasse 4, 1010 Wien

Party
FEMME DMC
Hiphop Event hosted by Dacid Go8lin, mit Rapper_innen, DJ-ing und Visual Artists: «Die Show beginnt, wenn Publikum und Künstler_innen so weit sind»
Eintrittsempfehlung: min. 5 Euro
ca. 22 Uhr, fluc, Praterstern 5, 1020 Wien
www.facebook.com/FEMMEDMC

Ruth Weismann / 27.02.2017