Garten der Widerstände

In Lissabon wird Stadtgemüse krisenresistent gemacht

Knappe vierzig Jahre nach der Nelkenrevolution wird Portugal von der Krise des Kapitals und den Auflagen der Troika durchgeschüttelt. Kein Geld zu haben geht an die Substanz. Schließlich braucht der Mensch Fressen, um politisch zu agieren: Urban Gardening mutiert vom Lifestylepogramm zur notwendigen Lebensmittelproduktion.
Petra Breitfuß / 21.08.2012

Am 25. April 1974 um 0:20 Uhr wurde in Portugal auf Rádio Renascença die erste Strophe von Grândola, Vila Morena vorgelesen. Es handelt von der Kraft des «povo» (portugiesisch für «Volk») und der Solidarität unter den Landarbeiter_innen.
Danach wurde das Lied in voller Länge zweimal abgespielt. Es war das vereinbarte Zeichen der Bewegung der Streitkräfte (Movimento das Forças Armadas, MFA) für den Beginn des Aufstandes gegen die 48 Jahre dauernde salazaristische Diktatur. Die Truppen der MFA formierten sich daraufhin und steuerten in den frühen Morgenstunden auf ihre strategischen Ziele in Lissabon zu.

 

Auch wer zu Beginn noch nicht eingeweiht war, konnte dieses Zeichen verstehen: Das Lied stammt vom antifaschistischen Liedermacher José «Zeca» Afonso und war von der Zensur verboten, genauso wie die Nennung des Namens von Zeca Afonso in den Medien.

 

Obwohl die Bevölkerung von der MFA über Radio aufgerufen wurde, aus Sicherheitsgründen in den Häusern zu bleiben, säumten schon bald tausende Zivilist_innen die Straßen und jubelten den Streitkräften zu. Viele Menschen auf den Straßen trugen rote Nelken mit sich und banden sie den Soldaten an die Kleidung und die Gewehrläufe. Die rote Nelke gilt seither als Symbol für Freiheit, Solidarität und gewaltlosen Widerstand. Aber auch für Demokratie und Menschenrechte. Der 25. April ist in Portugal ein Feiertag: Dia da Liberdade, Tag der Freiheit.

 

Im April 2011 hat die Troika in Lissabon Einzug gehalten. Die Vertreter von Europäischer Kommission (Jürgen Kroger), Europäischer Zentralbank (Rasmus Rüffer) und Internationalem Währungsfonds (Poul Thomsen) wurden zwar nicht bejubelt, doch zumindest sah die portugiesische Bevölkerung in der in Aussicht gestellten Finanzhilfe für ihr tief verschuldetes Land die Chance auf einen wirtschaftlichen Neuanfang für eine bessere Zukunft müssen eben Opfer gebracht werden: fazer sacrifícios para um futuro melhor.

Erster Mai, ethikfrei

Seit die konkreten Bedingungen der Troika in Portugal die Regeln bestimmen, ist die Hoffnung auf diesen Neuanfang jedoch sehr schnell der Resignation gewichen und die Utopie der Freiheit in weite Ferne gerückt. Das tägliche Leben muss so organisiert werden, dass so viel wie möglich gespart werden kann. Die Parole der Stunde lautet: apertar o cinto (den Gürtel enger schnallen). Auch wenn das schon fast nicht mehr möglich ist und am Monatsende trotzdem nichts übrig bleibt. Die Ausgaben steigen (Erhöhung der Mehrwertssteuer auf 23 %, Erhöhung der Energiepreise usw.), während die Einnahmen im besten Fall gleich bleiben.

 

Die Mittelschicht verschwindet zunehmend, die Einkommensschere spreizt sich immer weiter. Das Lohnniveau in Portugal ist im Vergleich zu Österreich sehr niedrig, bei ähnlich hohen Lebenshaltungskosten. Die Arbeitslosenrate steigt von Monat zu Monat an. Lohnarbeit auf Honorarnotenbasis ist die Norm, ein auf sechs Monate befristeter Arbeitsvertrag gilt als Luxus auch in der Privatwirtschaft.

 

Geld ist also rundherum knapp. Doch auch daraus kann Kapital geschlagen werden, es bedarf nur der richtigen Marketingstrategie und der dazugehörigen Aktionen.
Pingo Doce, eine Supermarktkette, die zur Gruppe Jéronimo Martins, einer der größten Gruppen im portugiesischen Lebensmittelhandel, gehört, trieb es damit auf die Spitze: Am 1. Mai 2012 gab es einen Megarabatt von 50 % auf einen Einkauf ab 100 Euro.
Angekündigt wurde die Aktion nur sehr kryptisch. Die genaue Höhe des Rabatts wurde nicht bekanntgegeben, es wurde jedoch eindeutig kommuniziert, dass der 1.Mai «ein ganz besonderer Tag» in den einzelnen Filialen werden würde. Die Verantwortlichen vertrauten darauf, dass die Information, ohne viel Geld für teure Anzeigen auszugeben, bei den Konsument_innen ankäme. Die offizielle Stellungnahme dazu lautete im Nachhinein: Die Aktion wurde aus Sicherheitsgründen nicht an die große Glocke gehängt, es sollte einem Menschenandrang vorgebeugt werden. Es ging aber wohl eher gezielt um eine virale Marketingkampagne.

 

Es ist nicht schwierig, sich vorzustellen, was es für Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, bedeutet, wenn sie 50 % Rabatt auf einen Lebensmittelgroßeinkauf bekommen: Die Szenen, die sich am 1. Mai in den Supermarktfilialen der erwähnten Kette abgespielt haben, waren daher nicht überraschend, aber dennoch erschreckend. Die Geschäfte waren so überfüllt, dass die Türen, statt wie geplant um 20 Uhr, um 18 Uhr geschlossen werden mussten, um den Ansturm noch einigermaßen abfertigen zu können.

 

Dumpingpreise und deren ökonomische Auswirkung könnten an dieser Stelle diskutiert werden. Oder dass es eigentlich sehr frech ist, eine derartige Aktion ausgerechnet am 1.Mai zu veranstalten (der Dia do Trabalhador ist auch in Portugal ein Feiertag und war während der Diktatur verboten).

 

Es sollen jedoch stattdessen andere, weiterführende Fragen gestellt werden:
Hat ein Konzern das Recht, einen derartigen Hamsterkauf zu provozieren und damit die Sicherheit von Menschen zu gefährden? Denn trotz anderslautender Stellungnahmen war die Sicherheit der Menschen bei der Aktion wohl nachrangig und Polizei bzw. diverse Sicherheitsdienste wurden mehrfach zur Intervention gerufen.
Ist es abgesehen von der Gefährdung der physischen Sicherheit ethisch vertretbar, dass ein Konzern Menschen, die sich in einer existenzgefährdenden, ökonomischen Krise befinden, einer solchen Situation ausliefert?
Und die Gretchenfrage: Wie weit müssen wir dabei mitspielen?

Hip oder hungrig?

 

In Portugal ist die große Revolution bisher ausgeblieben, doch mitspielen will die Bevölkerung schon nicht mehr. Zunehmend organisieren sich Menschen in verschiedenen Sozialprojekten. Stadtgärten spielen hier eine wichtige Rolle. Während «Urban Gardening» in Nord- und Mitteleuropa nicht nur politischer Aktivismus, sondern vor allem schicker Trend ist, wird es in portugiesischen Städten wie Lissabon und Porto aufgrund der steigenden Lebensmittelpreise immer mehr zu einer Lebensgrundlage. Eines gewissen «Hipfaktors» können sich die Projekte auch in Portugal nicht erwehren, allerdings trägt die Heterogenität der Beteiligten dazu bei, dass sich der in Grenzen hält. 

Die Mehrheit der Stadtgärten ist in Einzelbeete gegliedert, die individuell bewirtschaftet werden. Doch immer häufiger organisieren sich Menschen in Gruppen, besetzen brachliegende Flächen und bewirtschaften sie gemeinschaftlich.

 

Einer dieser gemeinschaftlich bewirtschafteten Gärten liegt mitten in Lissabon, ganz oben auf einem der sieben Hügel der Stadt, im Stadtviertel Graça. Seit einigen Jahren schon wird hier im «Horta do monte» unter nicht ganz einfachen Bedingungen angebaut. Das Gelände es diente zuvor (und gelegentlich immer noch) als Ablageplatz für alles, was in den Mülltonnen keinen Platz findet weist stark verschotterte Erde auf, hat eine extreme Hanglage, ist südwestseitig ausgerichtet, mit wenig Schatten und ohne Wasseranschluss. Auch gibt es (absichtlich) keine Absperrung oder andere Sicherheitsvorkehrungen, was immer wieder zu Vandalismus und Diebstahl führt.
Aber es gibt trotz aller Widrigkeiten und Herausforderungen eine hohe Beteiligung an Mithelfenden verschiedenster Altersstufen, Nationalitäten, Berufsgruppen und in verschiedenen Beschäftigunsgsverhältnissen. Dies hat zu einem bunten und relativ konfliktfreien Sozialprojekt geführt, durch das demokratisch und selbstbestimmt nicht nur im Garten, sondern auch in der Nachbarschaft Impulse für eine verbesserte soziale Infrastruktur gegeben werden. Zur guten Stimmung im Garten trägt wahrscheinlich auch bei, dass der Aufenthalt fast jedes Mal zu einem besonderen Naturerlebnis wird. Denn vom Garten aus gibt es eine wundervolle Aussicht über die Stadt, hinunter zur Brücke des 25.April, wo der Fluss Tejo in den Atlantik mündet, mit spektakulärem Licht und wildromantischen Sonnenuntergängen.

Tourismus vs. Trockenklo

 

Die Schönheit der Lage ist auch der Stadtverwaltung nicht verborgen geblieben. Vor allem, weil das Stadtviertel Graça nicht nur ein sehr typisches Lissabonner Viertel mit einer sehr durchmischten Bevölkerung ist, sondern auch weil es von Tourist_innen stark frequentiert wird. Grund genug also für die Verantwortlichen im Rathaus, den Garten neu organisieren zu wollen. Neu organisieren heißt: alles so aufzubereiten, dass Leute mit Geld hier gerne herkommen, um es auszugeben. Es muss also erstens eine Möglichkeit zum Geldausgeben geschaffen werden. Und es muss zweitens alles «ordentlich ausschauen», der Garten in Einzelbeete eingeteilt werden, die nur von ausgesuchten Personen und nur nach vorgegebenen Richtlinien bewirtschaftet werden. Dies bedeutet, dass sowohl die gemeinschaftlich bewirtschafteten Flächen als auch die unter großem Einsatz aller Beteiligten entstandenen Teile des Gartens, wie das biologische Trockenklo, die Kräuterspirale oder das Bewässerungssystem aus Tonkrügen, verschwinden müssen.
Die Verhandlungen mit der Stadtverwaltung haben schon begonnen. Im Moment (August 2012) ist nicht klar, was mit dem «Horta do monte» geschehen wird. Allerdings ist es der Mehrzahl der am und im Garten Beteiligten ein Anliegen, nicht die gesamte Kraft und Energie in Alibidiskussionen zu investieren, sondern stattdessen weiterhin im Garten produktiv zu sein, um gemeinsam etwas zu erschaffen. Sollte es nicht gelingen, dass auf diesem Terrain weitergearbeitet werden kann, werden sich die Beteiligten ein neues Stück Brachland suchen. Und, ja, wieder von vorne anfangen. Aber damit immerhin aus dem Kreislauf ausbrechen und eben nicht mitspielen.

Petra Breitfuß / 21.08.2012