Geschlossene Kassengesellschaft

Proteste gegen Einsparungen, die den Zugang zur Psychotherapie erschweren

Die aktuellen Einsparungen der Wiener Gebietskrankenkasse erschweren den ohnehin limitierten und diskriminierenden Zugang zur Psychotherapie. Die lückenhafte Versorgung lässt nicht nur psychisch kranke Menschen im Stich, sondern hat auch auf gesellschaftlicher Ebene einen hohen Preis zur Folge, kritisieren die Interessensvertretungen der Therapeutinnen und Therapeuten.
Simone Grössing / 03.10.2012

Vergangenen Februar kündigte die Wiener Gebietskrankenkasse Kürzungen der Psychotherapie an. Bis zum Frühjahr 2013 sollen keine Neuanträge mehr aufgenommen werden, das Stundenkontingent sei seitens der Psychotherapeut_innen überzogen worden, die überschüssigen Stunden müssen nun abgebaut werden. Die Vereinigung Österreichischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (VÖPP) protestierte prompt gegen dieses Vorhaben die Sparmaßnahme treffe die Patient_innen hart, da sie auf die Kassaplätze und Zuschüsse angewiesen sind, meint die VÖPP in einer Presseaussendung.

 

Im Juni wurde dann verlautbart, dass die Psychoanalyse künftig nicht mehr von den Kassen bezahlt werden soll. Während in Deutschland drei verschiedene Therapieformen von den Kassen finanziert werden, sind es in Österreich einundzwanzig und damit eindeutig zu viel so die WGKK. Die Psychoanalyse sei außerdem mit mindestens zwei Stunden pro Woche über mindestens zwei Jahre hinweg einfach zu kostspielig für die Krankenkasse. Auch hier gingen die Wogen bei den Psychotherapeut_innen in die Höhe: «Psychoanalyse ist bei Persönlichkeitsstörungen wissenschaftlich nachgewiesen hoch wirksam und führt durch strukturelle Persönlichkeitsveränderung nachhaltig zum Erfolg, hieß es seitens des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie (ÖBVPs). Studien ergeben außerdem, dass längerfristige Therapien erfolgreicher seien als Kurztherapien. Die Psychoanalyse sei so eine unverzichtbare Therapieform.

Eine weitere Maßnahme, die den Zugang zur Psychotherapie bald zusätzlich erschweren wird, betrifft das Bewilligungsverfahren, das ab sofort strikter geregelt werden soll. Laut ÖBVP sollen dabei Patient_innen, vor der Genehmigung des Kostenzuschusses, noch detaillierter befragt werden unter anderem über Suizide, Depressionserkrankungen und Vorbelastungen in der Familie. Höchst intime Daten, für deren Anonymisierung die WGKK, laut ÖBVP, nicht einmal garantieren kann.

Das unterschätzte Leid


Angesichts der rasanten Zunahme von psychischen Erkrankungen, die sehr häufig arbeitsbedingt sind, erscheinen die Kürzungen und Einsparungen der WGKK unverständlich. «Leider wissen noch immer viele Kassenpolitikerinnen und -politiker nicht genug über Psychotherapie und ihre hohe Wirksamkeit. Das Leid, das psychische Schmerzen verursachen, wird noch immer ignoriert und verharmlost. Gleichzeitig ahnen die Krankenkassen, dass Psychotherapie eine begehrte Gesundheitsleistung werden könnte und fürchten einen unkontrollierten Zustrom," meint Eva Mücktein, Psychotherapeutin und Präsidentin des ÖBVP, im Interview. Bereits jede_r vierte Österreicher_in erkrankt einmal im Leben psychisch Tendenz steigend. Derzeit sind in Österreich ca. 50000 Menschen in psychotherapeutischer Behandlung, die Dunkelziffer liegt aber weit höher, denn in den Statistiken werden private Patient_innen nicht berücksichtigt.

 

Im Leistungskatalog der Krankenkassa ist die Psychotherapie schon seit gut zwanzig Jahren gesetzlich verankert. Wer Glück hat, ergattert einen so genannten «Kassaplatz», bei dem die Therapiekosten für bis zu vierzig Stunden vollständig von der Kassa übernommen werden. Danach besteht die Option auf Verlängerung. Diese Plätze sind jedoch Mangelware und es herrschen lange Wartezeiten, in denen das Leid der Betroffenen meist nicht abnimmt, sondern sich verstärkt und sich die Gefahr einer Chronifizierung so erhöht. In der Regel kostet eine Therapieeinheit von fünfzig Minuten 70 bis150 Euro. Nimmt man nach Diagnose durch den/die PsychiaterIn den Krankenkassazuschuss in Anspruch, werden nicht ganz ein Drittel (21.80 Euro) der Kosten pro Einheit rückerstattet. Für viele ist eine Therapie nur aufgrund dieser Regelung möglich. Trotz Kostenzuschuss ist eine Therapie dennoch ein teures Unterfangen. Bei einer Einheit pro Woche liegen die Kosten bei mindestens 300 Euro im Monat für viele eine nicht leistbare Summe.

Die unterschätzten Folgen


Die aktuellen Einsparungsmaßnahmen der WGKK treffen nun diejenigen, die für eine Psychotherapie ohnehin schwer finanziell aufkommen können, besonders hart. Die Kürzungspolitik der Gebietskrankenkasse sagt wohl nicht nur einiges über die «Klassenmedizin» in Österreich aus, sondern kann auch als Indikator für den niedrigen
Stellenwert, der der Psychotherapie und psychischer Gesundheit allgemein hierzulande beigemessen wird, herangezogen werden. «In der Öffentlichkeit wächst der Stellenwert und die Akzeptanz für die Psychotherapie, die Gesundheitspolitik zieht aber noch nicht entsprechend mit», meint Mückstein dazu. Noch immer werden psychische Erkrankungen weniger ernst genommen als physische Leiden.

 

Die Folgen dieser Sichtweise, zeigen sich nicht nur bei einzelnen Betroffenen auch auf gesellschaftlicher Ebene werden negative Auswirkungen deutlich: Die Ursachen für Arbeitsunfähigkeit, Krankenstände, Krankenhausaufenthalte, Frühpensionierungen etc. sind immer mehr im psychischen Bereich zu verorten. Laut einer Studie der Arbeitskammer belaufen sich die Wirtschaftskosten, verursacht durch fehlende Behandlung, auf 3.3 Million Euro jährlich. Die Kosten für Psychotherapie sind aber in Österreich, im Vergleich zu anderen Ausgaben, gering. Sie machen nur ein Fünftel dessen aus, was von der Krankenkassa für Psychopharmaka ausgegeben wird. Obwohl viele Therapeut¬_innen auf die Effektivität der Kombination von Therapie und Medikamente plädieren, scheint bei der Krankenkassa noch andere Sichtweise zu herrschen. «Die Prioritäten werden einfach falsch gesetzt. Für Psychopharmaka werden beispielsweise zweistellige jährliche Wachstumsraten akzeptiert, die Psychotherapie hingegen wird beschnitten», meint Mückstein.

Alternative Wege?


Die Gesundheitspolitik der WGKK und das Wiener Modell der Kassenfinanzierung scheint Patientinnen uns Patienten nicht zu entlasten, sondern vielmehr den Zugang zur Psychotherapie noch einmal zu verengen. Doch welche Finanzierungsmodelle können absichern, dass Psychotherapie für PatientInnen erreichbar und leistbar ist? Alternative Modelle existieren bereits: In Tirol etwa wird die Psychotherapie von den Kassen vollfinanziert, wenn schwere Beschwerden vorliegen. Nichtsdestotrotz haben aber auch hier alle anderen Patient_innen hohe Selbstbehalte zu leisten. Innerhalb der Europäischen Union gibt es andere viel versprechende Finanzierungsmodelle. In Deutschland oder der Schweiz wird beispielsweise Psychotherapie über die Grundversicherung vollfinanziert. In Finnland werden die Kosten von Psychotherapie nach einer psychiatrischen Diagnose zwei Jahre lang von den Krankenkassen voll übernommen. Danach ist eine jährliche Evaluierung erforderlich. Auch in Dänemark werden die Psychotherapie-Kosten für bestimmte psychische Krankheiten von den Krankenkassen zur Gänze übernommen. Die restlichen Patient_innen kommen für ein Drittel der Kosten der Therapie auf. Eine Lösung ist laut ÖBVP ein Gesamtvertrag also die Psychotherapie auf Krankenschein, wie sie zum Beispiel die Grünen fordern.
Damit soll der Zugang auch für sozial Schwache garantiert werden. Damit sich die Lage aber zugunsten der Betroffenen ändert, müsste die Krankenkassa offensichtlich nicht nur das längst überfällige Finanzierungsmodell, sondern auch den Stellenwert, dem sie der Psychotherapie beimisst, überdenken. Psychische Probleme müssen dazu jedoch zuallererst genauso ernst genommen werden wie Physische.

 

Eva Mückstein bleibt trotz aktueller Einsparungen jedenfalls optimistisch. Die Relevanz und der Erfolg der Psychotherapie sei nicht mehr zu leugnen, mit einem weiteren Abbau seitens der WGKK sei deswegen auch nicht zu rechnen: «Die Zeichen der Zeit sprechen für die Psychotherapie. Daran werden auch die Kassen in Zukunft nicht vorbei kommen.»

Simone Grössing / 03.10.2012