«Hoffentlich speib ich niemandem ins Glas»

Festivaljobs -Arbeitsrechte ade

Wir erkennen einander, zwischen zwei Diensten. Tauschen Infos aus: «Wie lange hast du durchgemacht? Wie viel bekommst du denn brutto?» Bezahlung und Arbeitsbedingungen variieren von Firma zu Firma. Es gibt zum Beispiel sogenannte Security Agents, die 24 Stunden durcharbeiten. Da bin ich mit meinen 12 bis 14 Stunden noch ganz gut dran. Ein Bericht vom Arbeiten auf Musikfestivals.
Anna Runqvist / 24.07.2013

Um sieben oder acht in der Früh falle ich erschöpft ins Zelt. Und um elf Uhr ist es schon viel zu heiß. Wie lange werden wir heute arbeiten? Und morgen? Oder gehen wir dann schon nach Hause? Man sagt uns nichts.

 

Samstag nacht fühlt es sich dann an, als ob mein Kopf gleich implodieren würde. Nach neun Stunden hinter der Bar spüre ich, wie sich bei jedem Drink, den ich ausschenke, mein Magen verkrampft - «hoffentlich speib ich vor lauter Migräne niemandem ins Glas».
Ich sage der Barchefin, dass ich nach dieser Schicht nicht noch an die andere Bar gehe. Ich kann nicht mehr - mein Körper macht nicht mehr mit. «Musst du aber», antwortet sie mir. «Wie bitte?» Ich wiederhole: «Unmöglich.» «M. sagt aber, dass du jetzt unbedingt noch musst.»

 

Später - nachdem ich gekündigt habe - verstehe ich, warum sie mich nicht gehen lassen wollten. Ich war nicht die einzige, die flüchten wollte.
Ich hatte mich irrsinnig darauf gefreut: Sonne, Sommer und Festivaljobs. Gratis bei Events dabeisein, Bands sehen ... In Wahrheit hat man oft weder Zeit für Konzerte, noch die Möglichkeit, mehr als ein paar Stunden zu schlafen. Außerdem macht die Hitze zu schaffen. Aber das wäre ja alles noch ganz in Ordnung, da voraussehbar.

«Solche Zustände gibt es bei uns nicht»


Eine Kollegin murmelt: «Vielleicht bin ich einfach zu alt dafür.» Auf einem Bewertungsforum im Internet antwortet jemand einem unzufriedenen Mitarbeiter: «Rock'n Roll ist halt nicht für kleine Kinder!» Augen zu und durch. Doch die Augen sollten wir meiner Meinung nach nicht verschließen.

 

Ich habe mich zuerst über die Organisation gewundert. Dass wir am ersten Tag in der Früh herbestellt wurden, obwohl es erst am Abend begann. Über die Versorgung auch: Es gab zwar wie abgemacht Suppe, Brot und Aufstrich - doch weder Suppentopf noch Dosenöffner.

 

Am ersten Abend wurde ich dann hinter die Bar geschickt, ohne jegliche Einschulung. Habe aus lauter Verwirrung die ersten Aperolspritzer ganz ohne Wein ausgeschenkt.
Und dann, am Ende, dieses Muss-Wort.

 

Ich bekam das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmen konnte. Aber auch den Gedanken, dass es meinen Arbeitgeber_innen eigentlich gar nichts ausmacht. Dass sie ihre Mitarbeiter_innen so behandeln können, weil es sicherlich genügend von ihnen gibt, die jedes Jahr nach Sonne, Sommer und Festivaljobs suchen. Für sieben oder acht Euro die Stunde.

 

Als ich die Firma danach anrufe, streitet sie meine Anschuldigungen kategorisch ab. Ich gebe mich des Artikels wegen als eine Bekannte einer ihrer Mitarbeiterinnen aus, um persönliche Konflikte zu vermeiden. «Man arbeitet bei uns maximal acht bis neun Stunden», erklärt mir die freundliche Stimme am Telefon. «Außer man will halt mehr. Aber zwölf bis vierzehn Stunden? Das kann nicht stimmen.»

 

Ich würde ihr gerne glauben, und ich denke auch, dass sie aufrichtig antwortet. Aber sie war ja nicht dort. Auf dem Papier sieht alles viel menschenfreundlicher aus.
Als ich von meiner letzten Nacht berichte, erwidert sie, dass dies sicherlich nicht der Fall gewesen sei: «Wenn jemand körperlich nicht mehr kann, respektieren wir das auch. Niemand muss dann weiterarbeiten.» Das kann sie mir zwar jetzt versichern. In Wirklichkeit erinnere ich mich aber an die Worte: «Musst du aber».
Ich musste klarerweise nicht. Dafür hatten sie zu wenige Argumente. Und ich einen zu sturen Kopf. Vielleicht waren ihre Chancen jedoch beim deutschen Personal größer, das massenhaft mit Bussen zum Festival gebracht wurde. Können die sich weigern mitzumachen? Nach Hause zu fahren ist für sie jedenfalls nicht so einfach.

Wer sechs würfelt, gewinnt eine Körperkontrolle


Erstaunt war ich ebenfalls über die Inspektion der Mitarbeiter_innen. Um sicher zu gehen, dass wir nichts aus der Kassa stehlen, haben sie ein interessantes System: würfeln. Es geht darum, sich bei der Durchsuchung der Angestellten nicht durch Vorurteile leiten zu lassen - was an sich eine gute Idee wäre. Also würfelt jede_r Mitarbeiter_in, circa zweimal am Abend. An der Bar, zwischen zwei Kund_innen. Wer eine sechs bekommt, betritt hinter dem Festival einen Campingwagen, muss sich dort bis zur Unterwäsche ausziehen. Einer Kollegin wurde dabei bis in den BH gegriffen. Vertrauen gut, Kontrolle besser.

 

Doch wo bleibt die Kontrolle der Arbeitgeber_innen? Wer garantiert, dass unsere Arbeitsrechte eingehalten werden? Es geht nicht um die Firma, bei der ich gearbeitet habe. Deshalb nenne ich sie auch nicht. Es gibt sicher schlimmere Arbeitsplätze, mit schlechterer Bezahlung oder grausigeren Bedingungen. Bessere Firmen findet man jedenfalls auch. Ich versuchte es danach nämlich bei einem zweiten Arbeitgeber. Und habe mich gefreut wie eine Schneekönigin, zu sehen, dass es auch anders sein kann.
Aber es kommt eben anscheinend nicht auf allgemeine Regelungen an, sondern auf die Macht der Arbeitgeber_innen. Wie lange wir durchmachen, wo und vor wem wir uns ausziehen. So wie viele andere Saisonarbeiter_innen schwimmen wir nämlich in diesem rechtlichen «No Man's Land», bis zu dem die allgemeinen Arbeitsrechte anscheinend nicht hindurchgedrungen sind.

 

Problematisch ist, dass es nicht unbedingt etwas ausmacht, ob einer, zwei oder Hunderte dabei untergehen. Wir sind ja alle so schön austauschbar.

 


Anna Runqvist / 24.07.2013