Im Ballsaal tanzen noch die Reichen

Der Globalisierungskritiker Jean Ziegler im Augustin-Gespräch (Teil 2)

article_1425_jeanziegler_180.jpg Die letzte Frage an den Menschenrechtsaktivisten und Globalisierungskritiker Jean Ziegler im ersten Teil des Augustin-Interviews (Ausgabe Nr. 266): Gibt es Staaten der so genannten Dritten Welt, die der Erste-Welt-Walze, die ökonomisch über sie drüberfährt, etwas entgegenzusetzen haben? Ziegler berichtete über die Zähmung der Konzerne durch die neue bolivianische Linksregierung. Afrikas Eliten könnten sich ein Beispiel an diesem Widerstand gegen die Ausplünderung nehmen.
Andreas Kövary / 27.01.2010
Bolivien trotzt den Mächten des Marktradikalismus. Und was passiert am anderen Ende des Spektrums? Dort, wo die neoliberalistische Walze noch immer triumphiert?
Als trauriges Beispiel könnte man Nigeria anführen. Das ist der achtgrößte Ölförderer der Welt, in der Bewertungsskala des UNDP (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) liegt es jedoch unter den zwanzig ärmsten Ländern der Erde. Der offensichtliche Grund dafür ist sagenhafte Korruption und Bestechung, die unter den rund 20 Generälen grassiert, welche inoffiziell die Geschicke des Landes lenken. Diese Junta stützt sich auf eine unglaublich korrupte Armee und hat die Erdölgesellschaften in der Hand, so wie die Erdölgesellschaften ihrerseits die Junta in der Hand haben.
Nach einer Berechnung von Le Monde haben die nigerianischen Paten seit der Unabhängigkeit ihres Landes 352 Milliarden Petrodollar kassiert. Das ist viermal so viel wie die gesamte Entwicklungshilfe, die die westlichen Staaten in diesem Zeitraum für die subsaharischen Länder aufgewandt haben. Dem gegenüber leben mehr als 70 Prozent der 140 Millionen Nigerianer unter Bedingungen, die die Weltbank als extreme Armut bezeichnet. Ihre Lebenserwartung liegt bei etwa 45 Jahren, 54 Prozent sind permanent schwer unterernährt. Die Hälfte der Bevölkerung ist analphabetisch. Die Bauern können ihre Waren auf den Märkten kaum verkaufen, weil sie einerseits mit dem westlichen Preisdumping nicht mithalten können und andrerseits tagtäglich von einer Polizistenmafia abgezockt werden, bevor sie die Märkte überhaupt erreicht haben.
Die 27 Millionen Menschen, die in den 70.000 Quadratkilometern des Nigerdeltas wohnen, sind ohnehin auf Gedeih und Verderb der Shell und ihren Partnerunternehmen ausgeliefert. Da werden ununterbrochen seit 33 Jahren die giftigen Gase aus den Schornsteinen unter freiem Himmel verbrannt. Wissenschaftler schätzen, dass die Ölfelder des Deltas mehr Kohlendioxyd ausstoßen als alle anderen Ölfelder der Erde zusammen. Außerdem werden immer wieder Ölleitungen undicht, ihr Inhalt versickert im Grundwasser. Die Küstenfischerei im Nigerdelta ist nur noch eine ferne Erinnerung. In den ölverseuchten Mangrovenwäldern verenden zuhauf die Affen. Die Korrosion in den Buchten zerfrisst die Fischerboote. Der Himmel ist schwarz genau wie die Seelen derer, die diese Zustände durch ihre unersättliche Gier und Gewinnsucht verschulden. So zerstören die Beutejäger der transkontinentalen Trusts und Konzerne die Existenz von Millionen von Landwirten, Fischern, Gemüsehändlern, Viehzüchtern. Aber diese Menschen haben andrerseits auch schon begonnen, sich in Organisationen wie der Mend oder den Brigaden der Märtyrer zum bewaffneten Widerstand zu formieren Ihre steigende Verzweiflung wird immer mehr zur Bedrohung der westlichen Investitionsträger.

Welcher Brandherd macht Ihnen persönlich am meisten zu schaffen?
Auf der Skala des Grauens kann man keine Rangordnung aufstellen. Aber am schlimmsten betroffen macht mich vielleicht noch die Vorgangsweise eines aufgeklärten Staates mit Millionen von intelligenten und sensiblen Einwohnern wie Israel. Natürlich ist es ein furchtbares Problem, dass die Al Fatah und die Hamas sich gespalten haben und die Hamas sozusagen in den Gazastreifen emigriert ist, von dort aus auch Israel mit ihren Kassam-Raketen beschießt. Aber trotzdem geht es nicht an, dass der israelischen Regierung zur Bekämpfung dieser kriegerischen Akte zwischen dem 27. 12. 2008 und dem 22. 1. 2009 nichts anderes eingefallen ist als eine Gegenbombardierung, die 1400 Tote und über 6000 Schwerverletzte hinterlassen hat. Sowie die Schließung aller Übergänge nach Israel und Ägypten, die Unterbrechung der Stromversorgung, die Sperrung der Pipelines und der Heizöl- und Nahrungsmittelzufuhr für ein Gebiet von 357 km2, in dem 1,5 Millionen Menschen leben. Angesichts der Bevölkerungsdichte dieses Gebietes bedeutet ein solches Vorgehen nach der 4. Genfer Konvention einen klaren Verstoß gegen das Völkerrecht. Das kommt ja der Käfighaltung eines halben Volkes gleich!
Wo sieht ein Mensch mit Ihrer positiven Energie und Tatkraft denn noch Hoffnung, dass die Welt nicht ganz aus den Fugen gerät?
Eine gute Frage. Am ehesten noch in der planetarischen Zivilgesellschaft, die sich an allen Ecken und Enden der Welt zu formieren angefangen hat. In der Weigerung der Menschen, eine Welt zu akzeptieren, in der das Elend, die Ausbeutung, der Hunger einer erdrückenden Überzahl von Menschen den Wohlstand einer Minderheit von Menschen gewährleistet. Im stärkeren Fokus auf ein menschliches Existenzial namens Schande. Im Wiederaufleben eines Gefühls wie Scham, beispielsweise über die erstickende Frage eines jeden Hungernden nach dem Erwachen: Wo werde ich heute wieder Essen finden? Im G8-Gipfel in Heiligendamm, in dem spektakulären Auftrieb der 140.000 Menschen dort, von Attac und Greenpeace bis zu amnesty und Ärzte ohne Grenzen, die ausgesperrt durch Stacheldrahtverhaue, bewehrt nur mit ihren Handys und Laptops, hundertmal wichtigere und effizientere Arbeit leisten als diese Schwätzer oben in ihrem Schloß. Das alles lässt einen doch hoffen!
Andreas Kövary / 27.01.2010