Jetzt herrscht hier die Welt

«Hilfe zur Selbsthilfe» ist die eleganteste Form der Einmischung

In den reichen Ländern ist das Projekt des Konsumismus abgeschlossen. Ihre Bewohner_innen sind zu 100 Prozent Konsument_innen. In den armen Ländern steht die Vollendung des Projektes noch aus, wiewohl auch dort der Glaube an den Konsumismus sich epidemisch ausgebreitet hat. Aus einem Wiener Vortrag zur Perversion der Entwicklungshilfe, dritter und letzter Teil. Von Marianne Gronemeyer.
Marianne Gronemeyer / 24.05.2016
Dass dem Coca-Cola-Schluck aus der Dose vor dem nahrhaften Hirsegetränk aus
der eigenen Herstellung der Vorzug gebührt, wird auch im südlichen Afrika kaum
noch bezweifelt; dass die von hochbezahlten Expert_innen exekutierte Hightech-
Medizin der traditionellen Heilkunst den Rang abläuft und deren Heilkraft in das
Reich des Aberglaubens verweist, hat sich auch im ländlichen Indien herumgesprochen.
Dennoch: Es scheint in den ärmsten Ländern immer noch Reste eines
Widerstandspotenzials gegen die Konsumabhängigkeit zu geben und ein immer noch existierendes Vertrauen in die Selbsterhaltungsfähigkeiten. Ein Konflikt um die Nahrungsmittelhilfe, der zwischen südafrikanischen Ländern und dem staatlichen Hilfsprogramm USAid vor ein paar Jahren aufbrach, spricht eine beredte Sprache. Die Afrikaner_innen wollten den genmanipulierten Mais aus Amerika nicht haben. Nicht so sehr, weil sie sich fürchteten, ihn zu essen. In gemahlener Form zum reinen Verzehr hätten sie ihn ins Land gelassen.
Sie fürchteten aber, dass sie sich, wenn sie dieses Zeug als Saatgut verwenden, ein für alle Mal in Abhängigkeit vom großen Agrobusiness begeben, ihre Böden für ihr eigenes Saatgut unbrauchbar machen und künftig auf den Ankauf patentrechtlich geschützten Saatgutes angewiesen sein würden. Die Amerikaner_innen lehnten es ab, den Afrikaner_innen gemahlenen Mais zu überlassen. Afrikanische Selbstversorger_innen sollten Konzernkunden werden, das ist der Hintersinn der generösen Hilfsbereitschaft der Weltmacht. Imperialismus getarnt als Nothilfe.
Es scheint, dass man in Teilen der armen Länder noch weiß: Am Saatgut hängt die
Nichterpressbarkeit. Das Saatgut ist, wie die Musik und der Dialekt, das Kulturgut einer Gemeinde, angewiesen auf Hege und Bewahrung durch die Gemeinde und im Gegenzug Garant ihrer Unabhängigkeit (Pat Roy Mooney).

Vorsicht! Infizierter Reichtum!


Aber natürlich regen sich auch Gegenkräfte gegen die Bereicherung der reichen
Weltareale an den armen Ländern. Widerstand artikuliert sich in der Regel als
Forderung nach Umverteilung des Reichtums, den die Reichen widerrechtlich an
sich gerissen haben. Aber können wir das wirklich wollen? Der Reichtum ist ja nicht unschuldig geblieben. Alles, was die Macht verwaltet, ist infiziert mit dem Pesthauch der Unterwerfungsgier, der ganze vorhandene Überfluss, der zur Umverteilung anstünde, ist von der Art, dass er Abhängigkeit erzeugt, dass er alles zum Mittel macht, inklusive der Menschen, die sich dieser Mittel bedienen. Alles, was die Macht verwaltet, ist vom Typ Coca-Cola, dem Gesöff, das dazu bestimmt ist, den Menschen den Kopf zu verdrehen. Es ist nicht nährend, aber ungemein klebrig, man bleibt daran kleben, wie die Fliegen auf dem Leim, es hinterlässt Berge von Müll, es vernichtet Unmengen trinkbaren Wassers und es macht den, der es nicht bezahlen kann, zum Drop-out, der sich seiner Niedrigkeit schämen muss. Alles, was die Macht verwaltet, ist in Geldwert berechnet, alles ist warenförmig und käuflich. Alles ist gegen alles austauschbar, alles zeichnet sich durch einen eklatanten Mangel an wirklicher Brauchbarkeit aus. Alles dient dazu, den Neid zu schüren und die Apartheid, die Trennung der Habenichtse von den Begüterten zu verewigen. Alles, was die Macht verwaltet, stiehlt den Menschen ihre schöpferischen Fähigkeiten. Die Fähigkeiten, die tausendfältigen selbstbestimmten Könner_innenschaften werden den Bedürfnissen geopfert. Alles, was die Macht verwaltet, ist gezeichnet von stupidester Einförmigkeit, trostloser Ödnis, beklemmender Bleichheit und Leblosigkeit.

Wollen wir das alles wirklich umverteilen?

Die einzige Hilfe, die, kritisch betrachtet, nicht als anrüchig und kontraproduktiv galt, die vielmehr einen Ausweg aus dem Dilemma zu weisen schien, war die «Hilfe zur Selbsthilfe». Sie wurde dann auch zur politischen Leitidee in den nicht-staatlichen Hilfswerken. In der Ertüchtigung zur Selbsthilfe findet die Hilfe scheinbar ihre Unschuld wieder. Es entspricht diesem Konzept, dass die Hilfe sich in einer angemessenen Frist überflüssig macht. Die durch sie begründete Abhängigkeit ist erklärtermaßen ein Durchgangsstadium mit der Tendenz zur Selbstaufhebung. «Hilfe zur Selbsthilfe» rührt jedoch nicht an die Grundidee, dass alle Welt entwicklungsbedürftig sei; dass sie so oder so – nach kapitalistischem oder sozialistischem Muster – den Anschluss an den industriellen Lebenszuschnitt gewinnen müsse. Auch sie ist Hilfe zur Entwicklung und muss zwangsläufig alle selbstgenügsamen, subsistenten Daseinsformen der Rückständigkeit überführen und ihnen den Fortschritt beibringen.
Als Entwicklungshilfe muss sie zuvor zerstören, was sie zu heilen vorgibt: die
Fähigkeit einer Gemeinschaft ihr Leben aus eigenen Kräften zu erhalten und zu
gestalten. Sie ist die elegantere, moralisch weitaus besser legitimierte Form der
Einmischung. Dabei bestünde die einzig hilfreiche Einmischung ja darin, den Machtzyniker_innen und Profiteur_innen im eigenen Land in den Arm zu fallen. «Hilfe zur Selbsthilfe» ist deshalb eine nur halbherzige Verabschiedung der Entwicklungsidee, weil sie ausschließlich der Hilfe und nicht der Entwicklung misstraut.
Herbert Achternbusch sinniert über die Wirkungen der Entwicklungspolitik: «Welt
ist ein imperialer Begriff. Auch wo ich lebe, ist inzwischen Welt. Früher ist hier
Bayern gewesen. Jetzt herrscht hier die Welt. Auch Bayern ist wie der Kongo oder
Kanada von der Welt unterworfen, wird von der Welt regiert. (...) Je mehr die Welt
regiert, desto mehr wird die Erde vernichtet, werden wir, die dieses Stück Erde
bewohnen, vernichtet. (...) Das imperiale Gesetz der Welt ist Verständnis. Jeder
Punkt dieser Welt muss von jedem anderen Punkt verstanden werden. Das hat
zur Folge, dass jeder Punkt auf der Welt jedem anderen Punkt gleichen muss. So
wird Verständnis mit Gleichheit verwechselt und Gleichheit mit Gerechtigkeit. Aber
wieso ist es ungerecht, wenn ich mich einem anderen nicht verständlich machen
kann? Will sich der Unterdrückte oder Beherrschte verständlich machen? Natürlich
der Unterdrückende und der Herrschende. Herrschaft muss begreifbar sein.»

Die beiden ersten Teile erschienen in den Ausgaben 409 und 411.

Marianne Gronemeyer / 24.05.2016