Kein Platz für dritte Wagenburg?

Der Sozialdemokratie waren Thujen immer lieber als Gänseblümchen

article_2011_wagen_180.jpg Ähnlich wie in besetzten Häusern sind die so genannten Wagenplätze also kleine Wohnsiedlungen, die aus mobilen Fahrzeugen, zumeist Bauwagen bestehen, Orte alternativer, unsesshafter Lebensweisen bzw. lebendige Experimente der Selbstbestimmung und des Ausstiegs aus dem Konsum-Wahnsinn. Ähnlich wie in anderen Städten sind die Stadtregierungen voller Misstrauen gegenüber diesen «vorweggenommenen Utopien». Das Wiener «Wagenburg-Kunstkollektiv Gänseblümchen» kann ein Lied davon singen.
Martin Juen / 24.07.2012
Rückblende: Am 26. 10. 2010 wird der Wagenplatz in der Hafenzufahrtsstraße in einer Nacht- und Nebelaktion der MA 69 (Liegenschaftsmanagement) vertrieben. Den Bewohner_innen bleibt nichts anderes übrig als in die Lobau dort stehen bereits Wägen auf einem Grundstück der Stadt Wien zu übersiedeln. Doch der Platz ist zu klein, von der benachbarten Baustelle kommt ohrenbetäubender Lärm. Bald denken einige daran, sich nach einem anderen Platz umzusehen.

Knapp zwei Jahre später: Die MA 18 befindet eine Fläche auf dem Flugfeld Aspern für geeignet. Zwar soll auf dem Flugfeld sukessive die «Seestadt Aspern» (Wiens größtes Stadterweiterungsprojekt) entstehen, aber die dafür zuständige Wien 3420 Aspern Development AG hat einem anderen Projekt, dem «Sprungbrett aspern», das nachhaltige Bebauungs- und Lebensweisen erprobt, 4500 Quadratmeter zur Zwischennutzung bis 2014 bereitgestellt.

Gespräche zwischen «Sprungbrett aspern» und Wagenplatz verlaufen positiv, Raum für beide ist vorhanden, Bewilligungen durch Grundstückseigentümer und Bezirk scheinen nur mehr Formalitäten zu sein, einige Leute übersiedeln Anfang Juli ihre Wägen auf den Randstreifen der Johann-Kutschera-Gasse beim Flugfeld Aspern.

Doch Bezirksvorsteher Scheed (SPÖ) duldet keinen weiteren Wagenplatz, wie die Leute des Wagenplatzes «Gänseblümchen» in ihrer Presseaussendung vom 12. 7. 2012 schreiben. Das Ersuchen um eine Stellungnahme dazu durch den stellvertretenden Bezirksvorsteher (der Chef selber befindet sich auf Urlaub) blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Auch die Wien 3420 Aspern Development AG will nichts von einem Wagenplatz wissen, hat den Bewohner_innen mit einer Räumung des Parkstreifens per 16. 7. 2012 gedroht und argumentiert mit Sicherheitsbedenken. Die Räumung blieb zumindest bis Redaktionsschluss aus.

«Die Wien 3420 AG trifft derzeit die Vorbereitungsarbeiten zur Einrichtung einer der größten Baustellen Österreichs und hat daher dafür zu sorgen, dass der Baustellenbetrieb reibungslos und sicher ablaufen kann. Die Nähe des Baugeländes ist für den Wagenplatz und seine Betreiber kein sicherer Aufenthaltsort. Die Bernhardinerallee, an deren Mündung die Wagen stehen, wird eine der Hauptzufahrtstraßen für den Baustellenverkehr sein», heißt es in einer Stellungnahme der Wien 3420 AG vom 18. 7.

Die Leute des Wagenplatzes sind flexibel und bereit, ihre Wägen weiter in Richtung Norden zu verschieben, um den Weg frei zu machen, wie sie versichern.

Weiters lässt 3420 wissen: «Wir bekennen uns zu den Zwischennutzungen in der Seestadt wie beispielsweise dem Forschungsprojekt Sprungbrett Aspern und aspern Seestadt PUBLIK, die allesamt eines NICHT zum Ziel haben: eine dauerhafte Wohnnutzung auf dem Gelände.» Ein (absichtliches) Missverständnis? In der Aussendung des Wagenplatzes Gänseblümchen ist von zwei bis drei Jahren die Rede, aber auch mit zwei bis drei Monaten wäre ihnen schon gedient.

Platz ist vorhanden: Das Grundstück, auf dem sich die Wägen derzeit befinden, geht weit in Richtung Norden, hinein in einen Bereich, in dem es noch gar keine Flächenwidmung gibt. Mit der Bebauung soll erst 2017 begonnen werden (Quelle: website der Seestadt Aspern).

Wie es weitergeht, lässt sich noch nicht sagen: Nach Redaktionsschluss fand ein Gespräch zwischen Wagenplatz, dem Prokuristen der Wien 3420 AG und einem von deren Vorständen statt. Bleibt zu hoffen, dass die Herren nicht in Begleitung eines Einsatzkommandos der WEGA eintrafen, wie es beim besetzten Lobmeyrhof der Fall war. Der Augustin wird berichten.


Website d. Wagenplatzes: http://gaensebluemchen.wagenplatz.at/
Kontakt: 0 680 507 82 26 oder 0 681 20 11 61 23
gaensebluemchen@wagenplatz.at

Martin Juen / 24.07.2012