Kein Punsch fürs Lumpenproletariat

Offener Brief an die Mitarbeiter_innen der «Gruft»

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Vorweihnachtszeit ist Punschzeit! Auch das Obdachlosen-Betreuungszentrum «Gruft» betreibt einen Punschstand auf der Mariahilfer Straße. Ganz gegen den weihnachtlichen Geschäftssinn gilt für manche Besucher_innen die Prohibition. Das Augustin-Team wollte wissen, warum. Ein Brief an die Kolleg_innen.

Illu: Karl Berger


/ 06.12.2016
Mit dem ganzen Spott, den er vorrätig hat, stürzt sich der deutsche Anarchist Erich Mühsam, von dessen Wiederentdeckung in den letzten Jahren die Rede ist, auf die vormundschaftliche Abstinenz-Pädagogik: Wir trinken keinen Sprit / nein wir trinken keinen Sprit / Denn der wirkt verderblich auf das Gemüt / Gemüse und Früchte sind flüssig genug / Drum trinken wir nichts und sind doch sehr klug. Wir erwarten nicht, dass ihr, das Sozialarbeiter_innenteam der «Gruft», dieses Nichttrinker_innen-Bashing aus dem Mühsam-Gedicht «Der Gesang der Vegetarier» lustig findet. Noch weniger werdet Ihr den existenzialistischen Imperativ aus einem anderen Mühsam-Text: «Wein her! Wir wollen im Leben versinken!» zu Eurem Haussegen machen. Wir verstehen, dass Ihr die wohnungslosen Klient_innen, die euch in der Minusgrade-Periode die Tür einrennen, vor den Störungen schützen wollt, die der Suff unweigerlich hervorruft, wenn er unreglementiert ins Haus schwappt. Sie haben ein Recht auf ungestörten Schlaf.

 

Potenziell arm? Punschverbot!

Aber die große Stadt Wien ist nicht die Gruft. Alkoholverbote im öffentlichen Raum haben eine andere Bedeutung als ein Alkoholverbot in der Hausordnung eines Caritas-Asyls, dessen notorische Überbelegung ohne ein spezifisch angepasstes Regelwerk nicht leicht zu handhaben ist. Im öffentlichen Raum wird jeder konsequente Menschenrechtsaktivist, jede Aktivistin Alarm schlagen, wenn für eine soziale Gruppe die Prohibition, für eine andere Gruppe die Konsumfreiheit dekretiert wird. Und genau diesen Alarm muss nach Meinung des Augustin das Zweiklassensystem auslösen, zu dem die Mitarbeiter_innen des Caritas-Punschstandes in der Mariahilfer Straße offenbar verpflichtet worden sind. Augustin-Verkäufer_innen, die noch nie etwas mit der Gruft zu tun hatten, erzählten uns, dass sie aufgrund ihres Aussehens als potenzielle «Gruftler_innen» kategorisiert wurden und keinen alkoholischen Punsch bekamen. Als ob ein «anständiger Bürger», der nach dem Punschtrinken in die Garage zu seinem Auto geht, nicht gemeingefährlicher wäre «als wir Sandler, die noch nie ein Lenkrad in der Hand hatten», kommentierte einer der betroffenen Kolporteure.
Wir haben euch mit dem Staunen, dass das Verhalten eurer Punschverkäufer_innen bei unseren Kolporteur_innen ausgelöst haben, konfrontiert. Ihr habt darauf so reagiert: Es freue euch, dass eure Punschverkäufer_innen «da so streng sind». Es sei «definitiv so, dass keine Klient_innen bei unserem Punschstand konsumieren dürfen. Egal ob sie gruftbetreut sind oder waren, oder auch nicht.» Es sei nämlich immer zu Problemen mit sich fürchterlich aufführenden Punschkonsument_innen gekommen. «Deswegen machen wir keine Ausnahmen, und keiner bekommt was.» Übrigens meldete sich auch ein von Marginalisierung weit entfernter Augustin-Leser bei uns: Er sei in den Schubkasten «potenzieller Gruft-Klient» gesteckt worden und habe kein alkoholisches Getränk konsumieren dürfen.

 

Mäßigkeit für alle – oder für niemanden

Wir haben Erich Mühsam, den Träumer, der sich eine Liaison der Verachteten und Entwürdigten mit den radikalen Gesellschaftskritiker_innen herbeiromantisierte, ganz bewusst zitiert. Er weiß, dass Suff und Straßenleben zusammengehören und durch eine Verbotspolitik nicht getrennt werden können. Natürlich, die große Branntweinwelle, in deren Sog während der ersten kapitalistischen Krise die plötzlich massenhaft Überflüssigen gerieten, führte dazu, dass Menschen in Armut und Elend gerieten. Die Behauptung jedoch, der Branntwein sei die Ursache von Armut, ist angesichts der wirklichen historischen Prozesse absurd. Das zeigt ein Blick auf die räumlich-zeitliche Verteilung beider Probleme. Massenarmut herrschte vor der Branntweinwelle. Das Verbot des Branntweins hätte dem sozialen Elend nur die Spitze genommen, die Armut aber nicht beseitigt. Das sündenbockgenerierende Säufer-Klischee, der Trinker schädige die Gemeinschaft und sei faul und arbeitsunwillig, wurde zugegebenermaßen nicht nur von den Kontrollinstanzen der Politik und der Bürokratie begründet, sondern auch von der proletarischen Gegenbewegung, der Mäßigkeitsbewegung. Wir wissen aber heute, dass eine Explosion der Überflüssigen, in deren Leben der Alkohol Funktionen zwischen Erwärmung und Geselligkeit ausübt, der Idee der Mäßigung keine Chance lässt.
Liebe Kolleg_innen, wir würden uns freuen, wenn unsere Stellungnahme eine Debatte unter den «Helfenden» und den von ihnen «Betreuten» auslösen könnte, die von der Ambivalenz von konsumregulierenden Praktiken ausgeht und die Schaffung von zweierlei Recht entlang der Grenzen sozialer Schichten in Frage stellt.

Die Sozialabeiter_innen und Redakteur_innen des Augustin

/ 06.12.2016