«Mein Leben ist auf Pause gestellt, meine Kosten nicht»

Wie man trotz bestem Willen zu einer Arbeitsmarktsperre kommt

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Lohnarbeit kann manchmal ein Schuss ins Knie sein. Zum Beispiel für Jovanna M., die sich Jobs suchte, um ihren Alltag in Wien zu bestreiten – und dafür vom AMS mit einer Sperre belegt wurde. «Sie motivieren Leute, nicht zu arbeiten», sagt sie im Gespräch mit Lisa Bolyos.

Foto: Carolina Frank


Lisa Bolyos / 10.04.2017

Jovanna M. ist 26 und studiert Architektur an der TU Wien. Um ihre Rechnungen bezahlen zu können, suchte sie sich einen Job in der Gastronomie. In einem angesehenen Wiener Cateringbetrieb wurde sie fündig. Die Arbeitgeber_innen kümmerten sich jedoch nicht um eine Beschäftigungsbewilligung und meldeten die Arbeitnehmerin nicht durchgehend an, sondern zwei Wochenenden hintereinander jeweils aufs Neue. Resultat: ein Jahr Arbeitsmarktsperre für Jovanna, eine Verwaltungsstrafe für den Betrieb.
Eine Arbeitsmarktsperre wird u.a. an ausländische Student_innen und Asylwerber_innen erteilt, wenn sie innerhalb von 365 Tagen nachweislich zweimal ohne Beschäftigungsbewilligung lohngearbeitet haben. Das kann auf absurdeste Art und Weise passieren – und wie im Fall von Jovanna oft ohne Wissen der Arbeitnehmer_innen.
Jovanna M. hat von dieser «ganz normalen» Erfahrung am österreichischen Arbeitsmarkt bei einer Tagung über die Arbeitsverhältnisse in Tourismus und Gastronomie erzählt. Die «Anlaufstelle zur gewerkschaftlichen Unterstützung undokumentiert Arbeitender», kurz UNDOK, hatte sie dazu eingeladen und berät sie auch arbeitsrechtlich.


Kontaktdaten und Beratungszeiten: www.undok.at


Wie hat Wien es geschafft, zur Stadt deiner Wahl zu werden?
Ich habe in Serbien mein Masterstudium Architektur abgeschlossen und wollte ein internationales Diplom anhängen. So habe ich mich an der Technischen Universität Wien beworben, erfolgreich. Ich bin also mit Studentinnenvisum hier.
War Wien eine gute Wahl?
An und für sich ja. Aber im Moment ist alles sehr demotivierend. Mein Leben ist auf Pause gestellt, meine Kosten aber nicht. In Serbien habe ich mit meinen Eltern und meinem Bruder zusammengelebt. Weil ich mehr Unabhängigkeit wollte, bin ich weggegangen. Und jetzt ist es viel schlimmer als früher – um all die Rechnungen zu bezahlen, muss ich permanent meine Eltern um Geld bitten.
Warst du über die arbeitsrechtliche Situation hier informiert?
Es ist sehr schwer, die richtigen Infos zu bekommen. Nicht nur Freunde und Freundinnen, auch die Leute, die auf den Ämtern arbeiten, erzählen immer was anderes. Je nachdem, auf wen man dort trifft, fällt die Antwort aus, die man auf seine Fragen bekommt. Dazu kommt die Bürokratie hier, die für mich anfangs undurchschaubar war, und die Sprache, die ich erst erlernen musste.
Wie bist du, flapsig gefragt, zu deiner Arbeitsmarktsperre gekommen?
Ich war in einem teuren und bekannten Restaurant im Catering tätig – zwei Wochenenden lang. Ich habe meine nötigen Dokumente abgegeben, und der Zuständige dort hat mir alles so erklärt, dass es mir logisch erschien – ich war damals auch erst zwei Monate hier und hatte de facto keine Ahnung.
Die zwei Wochenenden habe ich unter der Geringfügigkeitsgrenze gearbeitet, war angemeldet, alles offiziell – man kann mir also beim besten Willen keine «Schwarzarbeit» vorwerfen. Als ich kurz darauf einen regulären Job gefunden habe, wollten die Leute mich anmelden und haben eine Beschäftigungsbewilligung beantragt – da kam die Ablehnung. Warum? Weil ich «zweimal ohne Bewilligung angestellt» war, jeweils von Freitag bis Sonntag: ein Jahr Sperre. Ein Desaster.

Hatte das auch für die Cateringfirma Konsequenzen?
Ja, sie haben angeblich eine Strafe bekommen. Aber man kann das nicht vergleichen – ich bin Studentin, ich bin hier allein, habe keinen Lohn. Sie haben genug Geld, können das leicht bezahlen. Für mich ist ein Jahr Sperre eine sehr lange Zeit. Ich kann ja nicht von Luft allein leben. In Serbien hatte ich noch nicht mal eine Parkstrafe – und hier bin ich vom Arbeitsmarkt gesperrt, als wäre ich kriminell. Das krieg ich nicht in meinen Kopf rein! Das ist nicht nur ein finanzieller, sondern auch ein emotionaler Druck – und ein sozialer, weil du nicht mal mit deinen Freunden auf ein Getränk gehen kannst. Kannst du dir nämlich nicht leisten. Was für ein Leben ist das, wenn man mit 26 nicht ins Café gehen kann?
Was hast du also vor?
Ich bitte meine Eltern um Geld. Schau, ich bin Architektin, ich bin gesund, gut drauf, ausgebildet, ich möchte was arbeiten. Es muss auch nicht gleich Architektur sein. Das AMS aber motiviert Leute, nicht zu arbeiten. Das ist doch unlogisch.
Hast du Freund_innen mit ähnlichen Erfahrungen?
Der Freund, der mir empfohlen hat, zur UNDOK-Anlaufstelle zu gehen, hatte sich dort selbst beraten lassen. Er ist arbeiten gegangen und hat dann keinen Lohn bekommen. Da konnte ihm aber ziemlich schnell geholfen werden.
Ich wollte mich selbst beim AMS über die Sperre beschweren. Aber die Frau dort war sehr unhöflich, sie hat mir nicht einmal einen Stuhl zum Sitzen angeboten. Es wäre eine gute Erfahrung gewesen, wenn sich das AMS zumindest bemüht hätte, mir zu helfen. Aber sie hat meine Papiere gar nicht angeschaut, hat nur gesagt: «Tut mir leid, nein.» Und ich konnte wieder gehen.

Könntest du mit deinem jetzigen Wissensstand noch einmal starten, was würdest du machen?
Ist das eine Trickfrage? Nein, also gut. Wahrscheinlich würde ich zehnmal zu jedem Amt gehen, um sicherzugehen, dass ich alles richtig verstanden habe, und ich würde alles mitschreiben, was mir dort gesagt wird.
Noch hoffe ich, dass sich was ändern lässt. Ich bleibe jedenfalls in Wien; ich habe ja mit dem Studium begonnen, und das will ich auch abschließen.

Lisa Bolyos / 10.04.2017