Mein Leben ohne Geld

Heidemarie Schwermer ist eine Pilgerin in der Kostnix-Welt

geldlosesleben©.jpg Heidemarie Schwermer lebt seit vierzehn Jahren ohne Geld. Wie die ehemalige Lehrerin und Psychotherapeutin Schritt für Schritt aus den bestehenden Strukturen ausstieg, beschrieb sie in ihrem Buch «Das Sterntalerexperiment». Als die Norddeutsche wieder einmal in Wien war, besuchte sie auch den Augustin, dessen kleiner Kostnix-Buchladen sie sofort begeisterte. Ein Augustin-Interview über Leben, Erfahrungen und Visionen einer Schwärmerin, die vorzeigt, dass Utopie etwas sehr Konkretes und Machbares sein kann.
Lorina Niederstätter / 21.04.2010
War es immer schon so leicht, wie es jetzt für dich zu sein scheint, ohne Geld zu leben, oder hast du anfangs an dem Weg gezweifelt? Gab es Momente, an denen du wieder in dein altes Leben zurück wolltest?

 Zunächst hatte ich ja nur für ein Jahr ein Leben ohne Geld geplant. Dieses neue Leben gefiel mir so gut, dass ich nach dieser Auszeit nicht in das alte zurück wollte. Allerdings gab es einmal eine Krise für mich. Als ich nämlich wieder nach Dortmund zurückkehrte, im Jahr 1999, und niemand meine Fähigkeiten zu brauchen schien, tauchten Zweifel an der Sinnhaftigkeit meines Tuns in mir auf, und ich überlegte ernsthaft, ob ich nicht wieder als Psychotherapeutin arbeiten sollte. Davor bewahrte mich dann ein junger Radiomoderator. Er schickte nämlich das Interview, das er mit mir gemacht hatte, an einige große Sender und löste damit Interesse bei anderen Medien aus. Ich bekam viele Einladungen zu Talkshows und Interviews und schrieb mein erstes Buch "Das Sterntalerexperiment".

Wie bist du zu dieser doch sehr radikalen Entscheidung gekommen?

1994 gründete ich einen der ersten Tauschringe in Deutschland. In einem Tauschring geben die TeilnehmerInnen ihre Talente und Fähigkeiten ein und nehmen Talente von anderen, die sie gerade brauchen. So sparen alle, weil das Tauschen und Teilen ohne Geld stattfindet. Ich entdeckte dabei, dass ich immer weniger Geld brauchte, und entschloss mich für ein Experiment: eben ein Jahr lang ganz ohne Geld zu leben. Dafür gab ich meine Wohnung auf und hütete Wohnungen und Häuser von Tauschringmitgliedern. Radikal war eigentlich nur der erste Schritt, danach ergab und ergibt sich immer noch alles Weitere.

Glaubst du, eine Welt ohne Geld ist für alle Menschen möglich?

In meiner idealen Welt gehen die Menschen anders miteinander um, als sie das jetzt tun. Aus der heutigen Konkurrenz wird ein wohlwollendes gegenseitiges Unterstützen. Jeder Mensch weiß, dass wir alle einander ergänzen können. Heute schon könnten die Menschen mit einem Umdenken beginnen: Aus dem kapitalistischen «Immer Mehr» könnte ein «Was brauche ich wirklich» werden, aus dem Tauschen ein Teilen. Ich glaube, dass das Geld eine gute Übergangslösung für die Menschheit war. Jetzt sind wir in einer neuen Zeit, in der ein Paradigmenwechsel erforderlich ist, zu dem u. a. auch die Abschaffung des Geldes gehören könnte.

Ich höre immer wieder, schön wäre es, wenn die Menschen so wären, aber die Geschichte habe bewiesen, dass alle Veränderungsversuche des Systems gescheitert sind. Was denkst du zum Beispiel über die kommunistische Idee, die ja auch die Utopie einer geldlosen Gesellschaft enthält, und warum, glaubst du, ist sie gescheitert?

Im kommunistischen System wurden den Menschen die Ideen übergestülpt, und es gab keine Entfaltungsmöglichkeiten. Ich glaube, dass wir aber heute an dem Punkt in der Evolution stehen, an dem eine Systemveränderung möglich ist!

Was hältst du für das größte Hindernis, das die Menschen davon abhält, deinem Lebensmodell zu folgen?

Viele Menschen werden durch ihre Ängste gebremst. Vor ein paar Jahren geriet auch ich in eine große Angst vor dem Verhungern. Ich befand mich in einer Wohnung, in der es nichts zu essen gab, aber ein paar Freunde in meiner Nähe  hätten mich unterstützen können. Für mich war das jedoch keine Lösung, und ich verstrickte mich in meine Angst, die fast panisch wurde. Erst als mir ein erster Schritt einfiel und ich losging, um Brennesseln zu pflücken, die ich mir kochte und die mich sättigten, kam ich ein Stück weiter. Als ich die Brennesseln gegessen hatte, rief mich eine Freundin an, um mir mitzuteilen, dass sie eine Kiste mit Lebensmitteln für mich hätte. Seitdem gibt es diese Ängste nicht mehr in mir.

Du warst ja nun auch schon ein paar Mal in Wien, wie erlebst du die Menschen hier?

In Wien gibt es schon viel Offenheit für das Neue. Ich habe mir heute ein schönes, gut erhaltenes Buch aus einem Regal geholt, das zur kostenfreien Bedienung auf der Straße (Ecke Zieglergasse/Burggasse, die Red.) steht. In Wien gibt es zwei Kostnixläden, drei Tauschkreise und viele, viele Gruppen, die nach Möglichkeiten für die Vorwegnahme einer besseren Welt im Heute suchen.

Obdachlose oder ganz arme Menschen werden vielleicht sagen, du hast es leicht, weil du viele Kontakte hast, durch Medien populär geworden bist, mit Menschen gut kommunizieren kannst. Was kannst du Menschen raten, die über diese Voraussetzungen eines Ausstiegs aus der Warenwelt nicht verfügen?

Die Fähigkeit des «Auf-andere-Menschen-Zugehens» hatte ich nicht von Anfang an. Einem verzweifelten Besitzlosen würde ich raten, in einem Tauschring anzufangen. Es gibt kaum Menschen, die keine speziellen Fähigkeiten haben, die sie in den Tauschring einbringen könnten. Viele Ideen, die ich in meinem eigenen Leben
 ausprobiert und für gut befunden habe, beschreibe ich in meinem zweiten Buch «In Fülle Sein ohne Geld», das kostenfrei auf meiner Website zu lesen ist.


Kannst du uns etwas detaillierter deinen Alltag schildern, den Alltag eines Lebens außerhalb des Geldsystems?

Ich habe keine Wohnung, für die ich Miete zahlen muss. Ich bin Pilgerin, Nomadin. Ich konzediere, dass mein Bekanntsheitsgrad dafür sorgt, dass ich immer wieder eingeladen werde und dass man meine Erfahrungen also nicht verallgemeinern kann. Wo ich wohnen darf, dort hüte ich das Haus. Man macht mir dafür den Kühlschrank voll. Nach Wien wurde ich jetzt vom Tauschkreis LETS einbgeladen. Ich lernte hier Hannes kennen, der als Sehbehinderter eine Jahresfreikarte für die Bahn hat und auch kostenlos eine Begleitperson mitnehmen darf. So kann ich mich ohne Geld durch Österreich bewegen.

Du hast ja die Idee, durch  «Gib und Nimm»-Aufkleber das neue Denken sichtbar zu machen. Kannst du darüber ein bisschen sprechen? Was bedeutet es, einen solchen Aufkleber an der Tasche zu tragen?

Es ist eine Art Spiel. Wer bei uns mitspielen möchte, kann sich einen oder mehrere «Gib und Nimm»-Aufkleber abholen, der gut sichtbar an die Haustür, an die Fensterscheibe, an den Briefkasten, ans Auto, an den Koffer geklebt oder als Button an der Kleidung getragen werden kann. Das Symbol bedeutet: Ich bin offen für Neues! Sei es für Nachbarschaftshilfe, für Abgabe von überflüssigem Besitz, fürs Herzöffnen gegenüber unbekannten Menschen, für die Mitnahme im PKW oder... oder ... Das «Gib und Nimm»-Spiel bietet Möglichkeiten für ein persönliches Wachstum, für die Herstellung des Gleichgewichts zwischen Geben und Nehmen, und es lässt ahnen, wie eine gerechtere Welt ausschauen könnte.


Aus der Homepage www.heidemarieschwermer.com
Das Mercato-Erlebnis

In Turin hatte ich auf der Suche nach Nahrung einen meiner Geistesblitze, die mir mein Leben so verschönern. Jemand hatte mir von dem Mercato di Porta Palazzo, einem der größten Märkte Europas, erzählt. So ging ich zu Fuß (ich erledige hier alles zu Fuß) auf den Markt, wo ich mich mit einer jungen deutschsprachigen Frau traf. Wir hatten uns mit Tüten eingedeckt und schlenderten erst einmal locker durch die Reihen der Obst und Gemüsestände, um die Lage zu peilen. Schon bald jedoch gerieten wir in ein Sammelfieber, füllten unsere Tüten mit frei herumrollenden, gut erhaltenen Äpfeln, Apfelsinen, Zwiebeln, Kartoffeln, Salaten u. a. Anschließend kochten wir gemeinsam und waren so begeistert von unserer Tätigkeit, dass wir uns für einen der nächsten Tage wieder verabredeten. Und die Scham? Was ist damit? Immerhin sind wir Akademikerinnen! Mir fällt dazu die Putzerei in Dortmund ein. Monatelang hatte ich nur geputzt, weil niemand etwas anderes von mir brauchte. Im Nachhinein weiß ich, dass die Übung für mich darin bestand, jeglichen Dünkel aufzugeben. Putzen ist genauso viel wert wie beraten. Wer bestimmt, dass ein Manager mehr leistet als eine Mutter? Warum wird Frauenarbeit immer noch geringer geschätzt und darum weniger bezahlt als die Arbeit der Männer? Das Einsammeln der Früchte am Markt verstehe ich auch als  Verhinderung von Verschwendung. Als ich das erste Mal von der Vernichtung einwandfreier Ware zur Erhaltung der Preise erfuhr, war ich empört, empfand ich das doch als Missachtung der Millionen Menschen, die täglich verhungern. Nein, es braucht keine Scham für etwas, was als Regulierung gesehen werden kann.
Lorina Niederstätter / 21.04.2010