Mit dem Arsch durch die Wand

Über geheime Überlebensstrategien in der weiblichen Kunstszene

"Schön sei's nicht gewesen, aber die Entlohnung hätte gestimmt und überhaupt "-Augen zu und durch", -man müsse dankbar für jede sich bietende Überlebenshilfe sein", spricht sie und meint es auch so, wenn sie über einen ihrer "Nebenjobs" erzählt. Nathalie P. übt sozusagen einen Doppelberuf aus. Sie ist lebendiges Kreativitätsbündel, begabte Bildhauerin auf der einen und eine mehr oder weniger lustvolle geheime Liebesdienerin auf der anderen, wie sie immer sagt, "schambesetzten" Seite. Von ihrer Kunst kann sie nicht leben, aber sie bringt ihr Kraft, Freude und ein erfülltes Leben.
Anna Neruda / 15.09.2006
Lust- und Liebesfähigkeit, gepaart mit dem Wunsch nach dem Dienst am Nächsten (eigentlich eine sehr katholische und karitative Einstellung) ist eines ihrer anderen Talente, welches sie gezielt dafür einsetzt, sich das Überleben als Kunstschaffende leisten zu können.

Auch Sigrun K. kenne ich schon lange und weiß um ihren verzweifelten Kampf, ein solides Leben zu führen. Sie ist bildende Künstlerin, Akademikerin sogar, geschieden und alleine mit zwei Kindern. Ihr Talent ist unübersehbar und scheint doch unentdeckt im Verborgenen zu blühen. Ihre Warmherzigkeit, Hilfsbereitschaft und Nachgiebigkeit scheinen ihrer Karriere auch nicht gerade förderlich zu sein. Ellbogentechnik ist ganz und gar gegen ihre Natur, und überhaupt scheint sie nie gelernt zu haben, Geld für Arbeit zu verlangen, die sie liebt. Über Umwege und knapp vor dem drohenden Verlust ihrer kleinen Atelierwohnung lernte sie Ramona T. kennen, eine wunderschöne, grazile Baletttänzerin, die seit einem unglücklichen Sturz nur mehr bescheidene Darbietungen in Pensionistenheimen und bei Weihnachtsfeiern bestreiten kann. Ramona lebt teilweise von Privatstunden, teils von Sexarbeit, und sie verleitete Sigrun sozusagen zu einem sündigen Leben, rettete sie jedoch gleichzeitig vor bitterer Not, Armut und Verzweiflung.

Nie ist es leicht, sich ein gewisses Scheitern eingestehen zu müssen, Träume zu begraben und sich neuen Realitäten zu stellen. Die körperliche Hingabe für Geld fiel Sigrun weiß Gott nicht leicht, und doch übte das "Unzüchtige", Geheime und Verbotene auch einen gewissen Reiz auf sie aus. Aus einer bigotten "Klosterschülerin" aus erzkonservativem Elternhaus war notgedrungen, doch später, selbstbewusst eingestanden, eine sinnliche Liebesdienerin geworden. Wenn Selbstzweifel sie immer wiederkehrend plagen, versucht sie diese aus Selbstschutz zu ignorieren oder zieht sie sogar etwas ins Lächerliche: "Man kann halt nicht immer nur Trübsal blasen."

Mona ist eine Ausnahme in meinem Bekanntenkreis. Sie ist Schauspielerin, und sie ist die einzige Frau, die ich kenne, die eigentlich so ganz und gar keine Lust auf Sex hat. Auf sie passt die Bezeichnung "Wie ein Blatt im Wind". Sie ist das Gegenteil von einer Meisterin des Lebens und ihre Labilität brachte sie schon oft an den Rand des Abgrundes. Ihr unberechenbarer Männerhass zeugt von vielen Verletzungen, und ihr Drogenkonsum beschert ihr nur kurze, fatale Lichtblicke. Sie fühlt sich wie Dreck und behandelt sich auch so. Bewusst lässt sie sich von Männern benutzen. Ihr Ruf als schmerzunempflindliche Masochistin bringt ihr zwar gutes Geld. Das Opfer, ein total zerstörtes Selbstbewusstsein, wäre mir jedoch bei weitem zu hoch. Ich habe unendliches Erbarmen mit ihr, kann ihr jedoch nicht wirklich helfen, weil sie es nicht zulässt. Unsere Wege haben sich irgendwann getrennt, weil sie mich mit runterziehen wollte. Ihre Depressionen nahmen mir meine Heiterkeit und waren einfach stärker als meine Unverdrossenheit. Ich denke sehr viel an sie, vor allem weil sie sozusagen doppelte Kollegin war und wir zusammen studiert hatten.

Wir verraten nicht unsere Kunst


Wenn ich im Lexikon das Wort "Prostitution" nachschlage, stoße ich auf Begriffe wie Preisgabe, Entehrung -und gewerbsmäßige Unzucht.

Ich bin darstellende Künstlerin, Schauspielerin mit Reinhardt-Seminar-Ausbildung, doch meistens nur gut genug, die Rolle als schnell verfügbare Geliebte zu übernehmen - hier kann ich aber wenigstens meinen Preis noch selbst bestimmen. Meine Ehre stünde nur auf dem Spiel, wenn mein geheimes Doppelleben publik würde, und statt "gewerbsmäßiger Unzucht" würde ich eher von einer ungesetzlichen Überlebensmöglichkeit sprechen, die ab und zu sogar Lust bereitet. Ich bin leidenschaftliche Komödiantin, obwohl mein reales Leben eher einer Tragödie gleicht. Allein mit einer kleinen Tochter, ähnelt es meist einem Drahtseilakt ohnegleichen. Mir bleibt seit Jahren oft nur der Sprung ins kalte Wasser, oder in das fremde warme Bett eines zahlungskräftigen Kunden. Um es "vielleicht endlich auch einmal auch für mich ganz klar und drastisch zu formulieren: Ohne meinen Körper zu verkaufen, säße ich längst auf der Straße und mein Kind hätte eine ungewisse Zukunft. Es ist nicht nur nicht schön, fremde Männer treffen zu müssen, manchmal hat man davor eine Scheißangst, aber einmal traf ich dabei sogar meine ganz große Liebe. Wohnungsprostitution ist nicht legal, aber ich will mich von den Gesetzgebern auch nicht auf die Straße oder ins Puff zwingen lassen.

Was ich mir von der Gesellschaft erträume, ist Verständnis, Toleranz und "trotzdem" Achtung. Ich wünsche mir, dass dieser Artikel nicht dazu beiträgt, noch abfälliger von KünstlerInnen zu denken und zu sprechen, als dies ohnehin der Fall ist. Die meisten von uns sind starke, mutige Frauen, die Träume haben und Liebe. Wir sind Grenzgängerinnen, die kämpfen, dulden, dienen und mit Phantasie und Nächstenliebe auch an uns und unsere Kinder denken. Wir verraten nicht unsere Kunst und verkaufen nicht unsere Seelen.

Was ich mir von ganzem Herzen wünsche, ist mehr Unterstützung und Hilfe für alle Mädchen und Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden, die darunter leiden oder nichts anderes gelernt haben. Für die anderen aber, Frauen die Spaß daran haben oder es zumindest als annehmbaren Zusatzverdienst betreiben, plädiere ich für Nachsicht, Akzeptanz und Bemühen um Verständnis. Zu viel verlangt?

Und zu guter Letzt noch ein Traum ... Wir Künstlerinnen könnten von unserer Arbeit leben, könnten unsere Kinder ernähren, könnten stolz auf unseren Verdienst sein und könnten mit den Männern Sex haben, die wir lieben und die wir begehren. Diesen Traum werde ich nie aufgeben, so lange ich lebe. Der Staat hätte viele Möglichkeiten, uns Arbeit zu geben (mehr Kunst im öffentlichen Raum, mehr Aufträge, Arbeit im Bildungswesen, Kunst als Therapie, Kunst in Gefängnissen, Kunst und Kirche, Kunst als Abschreibposten bei der Steuer, mehr Sozialleistungen für Künstler.

Wir bekommen nicht einmal den Heizkostenzuschuss ...

Der Redaktion ist der richtige Name der Autorin bekannt.
Anna Neruda / 15.09.2006