Niedrigstlöhne in der Krauthappelernte

Rumänische Erntehelfer_innen verklagen niederösterreichischen Bauern

article_3776_ernte_180.jpg Sieben Jahre lang hat Violeta Popa (Name geändert) auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Niederösterreich Kraut geerntet, Unkraut gejätet und bis zu 17 Stunden am Stück Landarbeit verrichtet: für einen Hungerlohn und mit windschiefer Anmeldung bei der Sozialversicherung. Über die Verkäuferin im Dorfladen hat sie erfahren, dass es verbriefte Arbeitsrechte gibt, die sie einklagen kann. Im November beginnt der Prozess in St. Pölten. Hans Hedrich hat sie erzählt, wie zäh es sein kann, das zu erkämpfen, was sowieso im Kollektivvertrag steht.
Hans Hedrich / 26.10.2016
Wie sah Ihr Arbeitsalltag bei dem Krautbauern aus?
Wir kamen durch die Vermittlung einer Bekannten im Dezember 2007 auf den Betrieb. Zum Arbeiten standen wir um fünf Uhr auf und wurden aufs Feld gebracht. Dort jäteten wir Unkraut, und wenn das Kraut reif war, ernteten wir es. Den ganzen Tag über waren wir auf dem Feld und nachts in der Halle, wo wir das Kraut in Kistchen oder Säcke packten. Die Arbeit dauerte bis zu 17 Stunden am Tag. Alle zwei bis drei Monate kam es vor, dass wir sogar 24 Stunden arbeiteten, ohne Schlaf.
Wie viel zahlte Ihnen der Bauer?
Bis April 2014 bekamen wir 3,50 Euro pro Stunde. Dann haben wir uns mit ihm gestritten und ihm gesagt, dass wir nicht mehr wiederkommen – und so hat er uns 5 Euro pro Stunde bezahlt.
Wo haben Sie gewohnt?
Wir wohnten im Bauernhaus, im Keller. Wir haben selbst Parkett gelegt und das Bad verfliest. Essen kauften wir selbst; manchmal brachte uns der Bauer Grillhähnchen aufs Feld – wenn er wollte, dass wir länger arbeiten. Arbeitskleidung und Messer zum Krautschneiden mussten wir uns selbst mitbringen. Ich will nicht alles schlechtreden ... Auf anderen Höfen wurde den Arbeiter_innen Geld abgezogen für Strom, Wasser, Klopapier usw., bei uns aber nicht, weil uns auch kein Komfort geboten wurde. Das Gute war insgesamt, dass wir etwas Geld verdient haben, denn wir waren darauf angewiesen. Sonst wären wir nicht sieben Jahre dort geblieben.
Wie war Ihre Situation in Rumänien, dass Sie sich zur Arbeitssuche im Ausland entschlossen haben?
Wir hatten schon in Rumänien in Gewächshäusern und beim Gemüseanbau gearbeitet, und diese Bekannte sagte: «Kommt nach Österreich! Hier verdient man mehr!» In Rumänien verdienten wir 20.000 Lei pro Jahr, das entspricht ca. 4500 Euro. Dieses Geld verdienten wir in Österreich in zwei Monaten, weil so viele Arbeitsstunden zusammenkamen.
Sie haben sich an die Gewerkschaft gewandt. Warum?
Wir hatten von Freund_innen erfahren, dass wir ein Recht auf Kindergeld hätten und dass wir dafür eine Bestätigung vom Bauern bräuchten. Da haben wir gesagt: Soll er uns doch ein Papier ausstellen, dass wir bei ihm arbeiten. Das wollte er aber nicht.
Im Dorf kannten wir eine Verkäuferin im Geschäft, die uns immer wieder fragte, wie die Arbeit und der Chef seien. Wir sagten ihr, alles sei in Ordnung. Was hätten wir anderes sagen können – wir wohnten doch bei ihm! Eines Tages gab sie uns einen Zettel, einen Folder auf Rumänisch, darauf stand die Telefonnummer der Produktionsgewerkschaft. Als wir wieder in Rumänien waren, riefen wir bei der Gewerkschaft an, und sie boten an, uns zu helfen. Wir waren damals zu siebent. Im Februar 2015 ging es dann los, beim Bauern die offenen Löhne einzufordern, im Jänner 2016 hat die Gewerkschaft schließlich für uns Klage eingereicht. Allerdings haben wir bisher nichts erreicht.

Was klagen Sie ein?
Der Bauer soll uns alle Jahreslohnzettel ausstellen – oder einen Arbeitsvertrag – als Bestätigung, dass wir sieben Jahre lang nicht informell gearbeitet haben. Und er soll uns die Differenz zum Lohn nach Kollektivvertrag bezahlen, die Überstunden und ausstehende Sonderzahlungen.
Wo arbeiten Sie jetzt?
Seit dem Sommer arbeite ich in Italien, ich pflege eine alte Person. Ich sorge für die Pflegenehmerin, mache sauber, koche und fertig. Die Bezahlung ist gut, ich arbeite bei der Person zu Hause – ich genieße die gleichen Lebensbedingungen wie sie.
Für Ihre Rechte zu kämpfen ist recht aufwendig. Bereuen Sie, die Anstrengung auf sich genommen zu haben?
Nein, warum sollten wir das bereuen? Das hätten wir früher machen müssen, anstatt sieben Jahre lang auf unsere Rechte zu verzichten! Als ich einmal nach zu viel Arbeit im Freien mit einer Erkältung ins Krankenhaus kam, kam die Bäuerin und sagte zu mir, ich müsste den Krankenhausaufenthalt bezahlen, obwohl das nicht stimmte. Außerdem hat sie von den Ärzt_innen verlangt, mich früher zu entlassen, damit ich wieder arbeiten gehe.
Was würden Sie anderen Arbeiter_innen in einer ähnlichen Lage empfehlen?
Sie sollen keine Arbeitsverträge unterschreiben, wenn sie nicht auch in Rumänisch verfasst sind. Ansonsten hoffe ich, dass sie mehr Glück haben als wir!
Hans Hedrich / 26.10.2016