Nummer 56 hat ein Gesicht

Die Arbeitslosenpolizei Auszüge aus einer Recherche von Christine Werner (1)

Eine packende Recherche über die Praxis der österreichischen Arbeitslosenverwaltung hat die GAV-Autorin, Netz- und Aktionskünstlerin Christine Werner unternommen. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags edition uhudla A bringt der Augustin einen dreiteiligen Vorabdruck aus dem noch nicht im Handel erhältlichen Buch Die Arbeitslosenpolizei. Der Titel lässt keinen Zweifel zu: Dieses Buch würde den Ruf des AMS als Institution der Hilfe für Arbeitssuchende demolieren wenn er nicht schon demoliert wäre.
Christine Werner / 17.05.2007
Erst zehn vor Acht. Die Schlange vor dem Haus wird immer länger. Warum sind diese Erwerbslosen so überpünktlich. Als wollten sie demonstrieren, dass man sie anstellen und anstehen lässt. Sie stehen herum. Stehen wie verlangt zur Verfügung, aber viel zu früh und auf offener Straße. Vor verschlossener Tür. Diese KandidatInnen für Leihfirmen und bereits vergebene Jobs werfen ihre Zigarettenstummel auf den Boden, und schon wieder klopft jemand ans Fenster. Hat er keine Uhr? Er wird es noch erwarten können, auf die Frage aller Fragen mit Nein zu antworten.

Endlich Arbeit gefunden?

Inzwischen sind sie alle darauf trainiert, anderen die Arbeit wegzuschnappen. Da viele wieder hier gelandet sind, war es die Anstrengung nicht wert. Die Liste der Erwerbslosen füllt sich und füllt sich das erfüllt sich. Wie könnte uns sonst mit denen da unten gedroht werden, mit jenen, die es später nie mehr zu dem brächten, was man selbst gerne hätte. Und: je fleißiger getan wird, desto anständiger sieht die Armut aus. Einem fleißigen Armen wird immer was gegönnt. Wer sich bewegt, nicht aggressiv bettelnd, aber auf dem Stellenmarkt freundlich bittend, dem geben wir sogar einen Sendeplatz im TV. Bloß nicht aalen wie Gesunde im Krankenstand. Wer wirklich krank ist, hat ein schlechtes Gewissen. Zwar seien die Arbeitslosenzahlen gesunken, schon wieder, beziehungsweise sinken die Zahlen beinahe bei jeder Nachrichtensendung, aber es gibt ein Problem: die Zahlen ständig senken zu müssen. Zeigt uns nicht täglich ein anderer Volksvertreter vor, was gesundes Netzwerken ist? Da stehen sie also, die ganz unten, die VersagerInnen, und ihre langen Gesichter sprechen für sich. Ein Gutteil der Bevölkerung ist zum Glück noch in der Lage, mit dem Finger nach unten zu zeigen. Was ist das Gegenteil von sauer verdientem Geld? Geschnorrtes. Eben. Gleich wird Elis die Tür aufsperren. Sie ist Beraterin des AMS und in jeder Hinsicht erfolgreich gecoacht. Dass sich jemand durch den alleinigen Willen Arbeit aus dem Finger saugen könne, glaubt sie schon selbst. Liegt Arbeit auf der Straße? Ja, Arbeit ist immer und überall. Wer keine bezahlte Arbeit hat, ist unten, aber wer die Arbeit grundsätzlich nicht sieht, dem gebührt gar keine Bezahlung. Arbeit, Arbeit Arbeit. Wer keine Arbeit findet, hat zu wenig gearbeitet. Nein, diese Ausbildung wird nicht bezahlt. Nein, es gibt Kurse für alle. Ganz neue Disziplinierungszentren stehen bereit. 5% haben nicht einmal die Disziplin, sich bilden zu lassen. Kann die Gesellschaft solche Chaoten brauchen? Die Antwort erübrigt sich. Beitrag gestrichen. Nur BefehlsempfängerInnen, lassen sich integrieren in ... was auch immer. Für Elis lohnt es sich nicht, das EDV-Programm an Strenge zu überbieten, um einen Bonus bei ihrer Abteilungsleiterin einzuhandeln. Wer kann schon unbarmherziger sein als ein Computer, der exakt die anzutretenden Maßnahmen berechnet und auf Knopfdruck Bescheide erstellt.

Also wo, bitteschön, sind die Stellenangebote?

Versicherungsnummer, Geburtsdatum, einen Augenblick bitte. Die Maschine spuckt verlässlich ein Kommando nach dem anderen aus. Sie haben sich am, um, dort einzufinden und von bis, diesem und jenem zu unterziehen, andernfalls die Leistungen des AMS unverzüglich eingestellt würden. Menschlichkeit? Dieses schwülstige Wort, hat Hausverbot. Eine Regel ist eine Regel, egal warum, egal wen sie trifft, betroffen macht, ist eine verbindliche Sache, basta. Es ist die Realität nicht die Regel, weil eine Regel Realitäten schafft.

Was gibt es Neues, haben Sie endlich Arbeit?

Manchmal wird Elis gefragt, ob sie Jobs vermitteln könne, da sie ja Angestellte des Arbeitsmarktservice, ja der Jobbörse sei. Fragen auch noch. Der Stellenausdruck ist 10 Tage alt, und lesen müssen die Arbeitssuchenden schon selbst. Auch wenn der Druck das Papier nie wert ist. Elis sagt: Ab jetzt können wir keine Rücksicht mehr auf Ihre Qualifikationen nehmen. Sie müssen jede Arbeit annehmen. Sie sagt jede Arbeit. Das wäre ja leicht, nur wer bezahlt das eigentlich, die Arbeit? Im Kopf des leistungs- und lösungsorientiert geschulten Menschen ist Geld ja nicht das Allerletzte. Vor allem Geld, das nach Abzug der Fixkosten noch bleibt. Also wo, bitteschön, sind die Stellenangebote? Was weiß denn Elis. Es soll bloß niemand warten, bis die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. WIR (die die Faulheit abtrainieren) schicken Sie gleich wieder weg, und zwar ins harte Leben hinaus. Da Sie nichts als nur hierherkommen, um wieder und wieder den Kopf zu schütteln, also keine Erfolge vorweisen können, werden wir immer sturer. Besuchen Sie den Kurs der guten Hoffnung. Der kostet mehr als Ihnen zusteht. Wissen Sie überhaupt, was das kostet? Da sehen Sie, was Sie uns wert sind. Ein Vermögen. Das private Kursinstitut arbeitet schließlich nicht gratis (im Gegensatz zu Ihnen, Sie Trottel). Es knetet Sie zurecht (meist ist die Mühe vollkommen für die Katz, das sagen wir aber nicht dazu). Dass die Zeiten nie besser, sondern immer nur härter werden, wissen Sie bereits (wir wiederholen das, auch mehrmals hintereinander, damit es richtig ins Hirn geht). Lernen Sie endlich, sich unter Ihrem Wert zu verkaufen. Das ist ja die logische Folge einer härteren Zeit, die eigenen Ansprüche hinunterzuschrauben, besser gesagt herunter. Sie sollten schon wissen, wo Ihr Platz ist. Zuerst einmal muss sich die Wirtschaft erholen. Wenn das Wachstum sich nicht andauernd steigert, also die Steigerung selbst nicht mehr steigerbar ist Führen Sie sich das einmal vor Augen! Das schwebt permanent wie eine Drohung über uns! Was nützt es, dass ein Roter Kanzler geworden ist. Der Minister für Arbeit und Wirtschaft ist schwarz bis auf die Knochen.

Ein Heer von Beschäftigungslosen braucht eine Beschäftigungstherapie

Der Nächste bitte. Was gibt es Neues? Das Neue ist immer das Alte. Dieser Mann kann keine Arbeitsstelle vorweisen. Er ist kursreif. Sicher hat er seine Qualifikation als Trainer verloren, weiß nicht, was er hunderte Mal anderen erklärte, etwa die Regeln für richtiges Telefonieren. Da er bereits zum wiederholten Mal hier gelandet ist, handelt es sich offenbar um die Sorte jener Alttrainer, die jetzt nicht mehr gefragt ist. Wie kann er überhaupt Trainer sein, wenn er niemanden trainiert! Heutige Trainer stehen vorne, um Menschen auf etwas einzuschwören. Jung, dynamisch, körperbetont. Der Alttrainer ist das krasse Gegenteil. Ihm wird die Besuchst-du-den-Kurs-dann-wirst-du-Arbeit-finden-Erfolgslüge schon noch Beine machen. So ein Heer von Beschäftigungslosen braucht eine Beschäftigungstherapie, muss regelmäßig eingesperrt werden, damit es sich nicht gegen das System verschwört. Schulung in Bezug auf Erlebtes raus und Gehörtes rein. Geschulte scheinen für die Öffentlichkeit nicht mehr auf, als das, was sie sind: nicht mehr Teil der Erwerbslosenstatistik. Das ist inzwischen bekannt, aber dennoch sind die falschen Zahlen weiter fürs Prahlen gut. UND WIEDER ENTSPANNUNG AUF DEM ARBEITSMARKT! Wieder unzählige Jobs geschaffen. Haben Sie das gehört? Ja, hundert Mal, noch von der alten Regierung. Langsam beginnt das Fußvolk zu parieren, nicht zu fragen, ob es das braucht, was ihm gesagt wird, das es brauche. Elis erwacht aus einem Sekundenschlaf. Der Alttrainer sitzt plötzlich kerzengerade und angriffslustig auf seinem Stuhl. Das ist er sich offenbar schuldig, auch wenn er keinen Nutzen davon hat und es schade ist um jedes vernünftige Argument. Mit ALT-Trainer ist er schon abgestempelt, der Trainer hilft ihm nicht. Dem Computer ist das ALT auch egal. Und wenn der Trainer ein Nobelpreisträger wäre so eine Maschine ist beim Ungerechtsein gerecht: Erwerbsloser ist erwerbslos. Elis denkt sich nur eins: auch der kann mir den Buckel herunterrutschen. Sie kann das Erste-Hilfe-Zitat Abgrenzung von denen nicht mehr denken. Dieses Überlebensgeschwafel, täglich von ihrer Vorgesetzten eingedrillt, ist geradezu ein Hammer, der aufs Hirn drischt. Manchmal würde Elis sich am liebsten von diesem Hammer abgrenzen.

Ein halbes Jahr Arbeitslosigkeit beweist deutlich, dass Sie nicht in der Lage sind,

Ihr Problem zu lösen.

Der Alttrainer erfindet nicht einmal eine durchsichtige Ausrede, um sich den Kurs zu ersparen. Da begeht Elis einen Fehler und schaut dem Mann direkt in die Augen. Sie weiß doch, dass Nummern keine Gesichter haben dürfen.

CHRISTINE WERNER  geb. 1954, lebt und arbeitet in Wien und in der Steiermark


Publikationen:

Meine Schuhe eingraben (Lyrik aus Österreich, Verlag G. Grasl, Baden/Wien 1996), Roman Eine Handbreit über dem Knie (drei Generationen Frauen von 1938 - 1970 in Wien), historisch-zeitkritischer Roman Wien ist nicht Chicago (Flucht/Emigration der Jüdin Emmy Mahler von Gmünd 1938 über Wien, Santa Domingo, Chicago, nach New York) - beide Resistenz-Verlag Linz/Wien, satirische Prosa fern & weh Ein Reisefieber (Sisyphus-Verlag Klagenfurt/Wien, 2002).

Letzte Publikation in: Wir werden ganze Arbeit leisten ... Der austrofaschistische
Staatsstreich 1934, Neue kritische Texte, Betrag: Jura lebt (ISBN: 3-8334-0873-1)

http://www.christine-werner.com/

Ein wesentlicher Bestandteil der Publikation Die Arbeitslosenpolizei werden neben dem Text und diversen Bilddokumentationen von Christine Werner Cartoons von Carina Klammer sein.


Christine Werner / 17.05.2007