Obdachlosen-Medien anderswo

Für die Übriggebliebenen von Stockholm

Das gesellschaftliche Sozialnetz wird immer grobmaschiger. Viele fallen hindurch. Und wenn man keine Bremsen findet, kann das - auch in der vermeintlichen "Wohlfahrts"-Metropole Stockholm - schnell bergab gehen. Eine dieser Bremsen in der schwedischen Hauptstadt heißt Situation Stockholm - die Straßenzeitung, die ein Monat älter ist als der Wiener AUGUSTIN.
Andreas Heim / 21.06.1999
Die Gründerin von Situation Stockholm , Malin Speace, wollte eine Straßenzeitung nach dem Londoner Vorbild "Big Issue" herausgeben, der ersten Strassenzeitung in Europa. Ihre Stadt könnte ebenfalls so etwas brauchen, war ihre Ansicht.

Im Sommer 1994 begann man mit den Vorbereitungen und im August 1995 erschien die erste Ausgabe, zuerst nur vierteljährlich, aber mit zunehmender Leserschaft und steigenden Verkaufszahlen monatlich. Die Auflage ist seit der ersten Ausgabe kontinuierlich im Steigen begriffen und auch die Zahl der Verkäufer nimmt zu.

Zur Zeit werden von ca. 130 Verkäufern, davon nur 3 Verkäuferinnen, ungefähr 20.000 Stück pro Monat unters Volk gebracht. Im Sommer geht der Absatz etwas zurück, einerseits weil viele bei Veranstaltungen und Festivals arbeiten können und andererseits, weil viele Bewohner nicht in der Stadt sind.

Die arbeits- und obdachlosen ("hemlösa") Verkäufer müssen einige Regeln einhalten. Wenn diese verletzt werden, kann es zu einem zeitlich begrenzten oder in Extremfällen zu einem dauernden Verkaufsverbot kommen.

Die Regeln - sie sind rigider als beim AUGUSTIN - beinhalten unter anderem: Die Verkäufer dürfen nur auf ihren Standplätzen verkaufen; man muß beim Verkaufen nüchtern und drogenfrei sein; man muß einen Verkaufsausweis immer sichtbar tragen; man darf nicht auf dem Weg von und zum Standplatz verkaufen.

Ein Mitarbeiter fährt ständig herum. Einerseits um festzustellen, ob die Regeln eingehalten werden, andererseits aber auch, um Neuanfängern Tips beim Verkaufen zu geben oder bei Schwierigkeiten mit Anrainern oder Geschäftsinhabern vermittelnd einzugreifen.

Laut Gründerin Malin Speace dient die Zeitung primär dazu, Arbeits- und vor allem Obdachlosen zu helfen. Durch den "Verkauf eines guten Produktes" (Zitat Malin Speace) soll dem Verkäufer die Möglichkeit geben werden, "einen ersten Schritt in ein geordnetes Leben zu machen", indem eigenes Geld verdient wird. Der regelmäßige Kontakt der Verkäufer mit den Mitarbeitern von Situation Stockholm gibt wieder Selbstbewußtsein und man fühlt, daß sich jemand um einen kümmert. Auch die Tatsache, sein eigener Chef zu sein und damit auch über das Selbstverdiente bestimmen zu können, stärkt die Verkäufer.

Mit dem verdienten Geld gönnen sich die Verkäufer einen Friseurbesuch oder neue Kleidung. Natürlich kann man nicht alleine vom Zeitungsverkauf leben, aber zumindest braucht man nicht mehr zu betteln bzw. für viele ist es eine Möglichkeit, von der Kleinkriminalität weg zu kommen.

Rechtlich ist der Verein Situation Stockholm eine Non-Profit Organisation ("ekonomisk förening"). Neben der Zeitung ist auch die Selbsthilfegruppe Hjälp till självhälp (Hilfe zur Selbsthilfe, siehe Artikel nebenan) ein Teil der Vereinstätigkeit. Genauso wie für die Obdachlosen ist auch für die staatlichen Sozialdienste die Arbeit von Situation Stockholm sehr wichtig. Denn viele, welche in keinen offiziellen Listen mehr auf scheinen, sind als Verkäufer bei Situation Stockholm tätig und somit über den Verein erreichbar. Man ist allerdings in keinen Entscheidungsprozessen der offiziellen Stellen eingebunden.

Der Verein bekommt finanzielle Unterstützung durch die EU und verschiedenen öffentlichen Stellen in Schweden. Weiters inserieren Firmen in der Zeitung bzw. geben Sachspenden wie z. B. Kleidung und Möbel.

Inhaltlich wird in der Zeitung nur zu einem geringen Teil über die Situation der Arbeits- und Obdachlosen geschrieben, denn man will keine reine "Aufmerksamkeitszeitung" (Zitat Minna Sokura) sein. Die Zeitung soll ein Produkt für "jeden Stockholmer zwischen 20 und 50" sein. Dementsprechend kann man Berichte über Kulturveranstaltungen, außergewöhnlichen Personen im täglichen Leben, politischen Ereignissen und allgemein das Stockholm aus der Straßenperspektive lesen.

Das Team besteht aus fünf festen Mitarbeitern und drei Redakteuren, Martin Kindgren, Ulf Stolt und Victor Estby, die auch einen Großteil der Artikel schreiben. Die Verkäufer selbst, sowie Gastredakteure liefern ebenfalls Beiträge für die Zeitung.

Ziel dieser Zeitung ist es schlußendlich, den "Marginalisierten" (die im Arbeits- und Sozialleben Übriggebliebenen, Zitat Malin Speace), wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Es gibt keine offizielle Statistik darüber, ob dieses Ziel auch wirklich erreicht wird. Aber durch die Tätigkeit von Situation Stockholm wird den Arbeits- und Obdachlosen eine erste Möglichkeit geboten, vom tristen Leben auf der Straße weg zu kommen.

Auch die Einstellung der Bevölkerung gegenüber den Obdachlosen hat sich seit Erscheinen der Zeitung geändert. Mittlerweile akzeptiert man die Obdachlosen als einen Teil des Stadtlebens von Stockholm. Die Gesellschaft kann in gewisser Weise nachvollziehen, warum die Obdachlosen auf der Straße gelandet sind. Trotzdem besteht nach wie vor die Ansicht, daß eine Rückkehr ins normale Leben leicht möglich ist, man muß eben nur wollen.

Wenn man aber die positive Einstellung von Malin Speace und den anderen Mitarbeitern von Situation Stockholm sieht, kann man an eine Zukunft auch für die Ärmsten der Gesellschaft in Stockholm glauben.

Andreas Heim / 21.06.1999