Pädagogik entprivatisieren!

Nicht nur islamische Kindergärten fördern Entstehen von Parallelgesellschaften

Kindergärten, die scheinbar einem religiösen Sektierertum frönen, sind nur die Rückseite einer Medaille, die vorschulisches System heißt.  Dieses System lässt neben Kindergärten mit öffentlicher Trägerschaft auch Privatkindergärten zu. Dass dieser Zustand zu Parallelgesellschaften (diesmal sozial definiert) führt, wird in der aufgeregten Debatte über die islamischen Kindergärten unter den Teppich gekehrt. Barbara Herzog-Punzenberger plädiert im Folgenden für die Öffentlichkeit pädagogischer Einrichtungen.
Barbara Herzog-Punzenberger / 19.01.2016
Es mutet zwar ein wenig sonderbar an, dass Bundesminister Kurz aufgrund einer Studie über islamische Kindergärten einerseits die Gefahr beschwor, dass Parallelgesellschaften herangezüchtet würden und andererseits auf Nachfrage der zuständigen Stadträtin die Namen der betroffenen Kindergärten nicht nennen konnte, aber ich teile die Ansicht, dass es hinsichtlich der Werte, die in einer Gesellschaft der Vielfalt den Zusammenhalt ermöglichen, in den pädagogischen Einrichtungen einiges zum Nachschärfen gibt.
Während die primäre Sozialisation eines Kindes in der Familie stattfindet und sozusagen die «Grundausstattung» an emotionalen, sozialen und kognitiven Fähigkeiten erbringt, sind außerfamiliäre Institutionen für die «Integration» jedes Individuums in die moderne, plurale Gesellschaft verantwortlich. Dies ist insoferne wichtig, als es hier in Österreich anders als in Gesellschaften, die über Verwandtschaftsclans, also die erweiterte Familie organisiert sind, in einer demokratischen, republikanischen, wohlfahrtsstaatlichen, sozial und kulturell vielfältigen Gesellschaft bestimmte Fähigkeiten braucht, die gerade nicht in der Familie erlernt werden (können). Dies sind nicht nur kognitive Kompetenzen, sondern – zunehmend wichtig – soziale, emotionale und politische Kompetenzen.
Vorbereitung auf eine faktisch immer vielfältiger werdende Welt braucht schichtmäßig, sprachlich und kulturell vielfältige Klassen und Schulen. Dies ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung. Die Normalität von positiven Erfahrungen in sprachlich, religiös und kulturell vielfältigen Kindergärten und Schulklassen sind die beste Basis gegen die Verführungen von Sektiererei, Verschwörungstheorien und Radikalisierung in jede Richtung.
Während bei der aktuellen Diskussion um islamische Kindergärten die Segregation im Sinne der Religion im Blickpunkt steht, geraten die Segregation nach sozialer Schicht und jene nach Einwanderungsgeschichte in den Hintergrund. Die private Trägerschaft von Kindergärten und Schulen führt in den allermeisten Fällen zu Segregation. Privatschulen verfügen über eine andere Zusammensetzung der Schülerschaft als die in denselben Bezirken liegenden öffentlichen Schulen. Das ist statistisch leicht festzustellen. Der Anteil der Eltern, die über einen höheren Bildungsabschluss und eine höhere berufliche Position verfügen, ist in den privaten Institutionen wesentlich höher. In vielen Schulbezirken ist es auch sehr auffällig, dass der Anteil von Kindern aus zugewanderten Familien in den privaten Einrichtungen wesentlich niedriger ist, manchmal sogar bei wenigen Prozenten oder null, während der Durchschnitt der umliegenden öffentlichen Schulen über 20 oder 30 Prozent liegt.

 

Privatschulen dienen der Produktion von Eliten


Die Zahlenverhältnisse zeigen, dass den Kindern und Jugendlichen privater Einrichtungen oftmals vorenthalten wird zu lernen, wie in sozial und kulturell vielfältigen Teams gespielt, gearbeitet und gemeinsam Ziele erreicht werden. Es gilt nicht nur Distanzgefühle zu überwinden, wenn zwei Kinder in Wien aufeinandertreffen, das eine aus einer muslimischen Familie mit Wurzeln in Indonesien und das andere aus einer atheistischen Familie mit sozialdemokratischer Geschichte, sondern ebenso, wenn das eine Kind in dauerhafter Armut aufwächst und das andere in gut abgesichertem Wohlstand, ob die Eltern nun in demselben Land geboren wurden oder nicht. Unterschiedlichste Lebensrealitäten kennen zu lernen, ist ein notwendiger Baustein, um Vorurteile abzubauen oder gar nicht erst entstehen zu lassen.
Meine Schlussfolgerung ist daher folgende: Aufgrund der Aufgabe pädagogischer Einrichtungen der Kindheit und Jugend, die Heranwachsenden «gesellschaftsfähig» zu machen, steht für mich die private Trägerschaft von Bildungseinrichtungen während dieser Phase grundsätzlich in Frage. Während am einen Ende Kindergärten scheinbar einem religiösen Sektierertum frönen, dienen am anderen Ende Privatschulen der Reproduktion von Eliten, die von den realen gesellschaftlichen Verhältnissen von Kindheit an relativ wenig Ahnung haben. Das führt weder zur Weiterentwicklung einer demokratischen, republikanischen, wohlfahrtsstaatlichen Gesellschaft, noch stärkt es die gemeinsame Wertebasis für unser vielfältiges Österreich.
Da die Verhaltensratgeber derzeit nur so aus dem Boden sprießen, scheint gerade jetzt im Zuge der Flüchtlingsbewegung eine große Chance zu bestehen. Nutzen wir diese Aufmerksamkeit für Werte! Diskutieren wir unsere Werte, lernen wir zwischen Brauchtum und Werten zu unterscheiden und stärken wir unsere pädagogischen Institutionen hinsichtlich ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Verankerung des Wertekonsenses! Zum jetzigen Zeitpunkt ist das – nicht nur in den privaten Einrichtungen – vielerorts nicht der Fall.
Barbara Herzog-Punzenberger / 19.01.2016