Pfarrer Friedl beichtet

"Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert"

Pfarrer Josef Friedl ist seit der Causa Arigona Zogaj jedem ein Begriff. Die einen lieben ihn für sein Engagement für die Familie aus dem Kosovo, anderen missfällt er, da er sich in Bereiche einmischt, die ihn als Geistlichen angeblich nichts angingen. Doch wer ist dieser Pfarrer Friedl aus Ungenach in Oberösterreich? Der Augustin besuchte ihn und lernte Seiten seiner Persönlichkeit kennen, die von den anderen Medien nicht beleuchtet wurden. Wir trafen auf einen Menschen, der vieles erlebt hat und doch noch so viel in seinem Leben vorhat.
Suzan Aytekin-Alavi / 19.12.2008
Warum sind Sie eigentlich Pfarrer geworden?
Es ist schwer zu sagen, ich weiß es selber nicht mehr so genau. Auf jeden Fall hat mich der Umgang mit Menschen sehr interessiert. Ich wollte einen Beruf haben, bei dem ich konkret mit Menschen zu tun habe. Anfangs wollten sie mich ja rausschmeißen und nicht zum Priester weihen.
Aus welcher Motivation heraus?
Weil ich nicht in das System hineingepasst habe. Das war immer mein Problem. Und ganz eigenartig mitgeholfen hat etwas Konträres. Schon damals im Linzer Priesterseminar bin ich mit einigen Freunden, zu denen ich heute noch Kontakt habe, ausgebrochen. Wir haben sehr viel Kontakt zur Linzer Künstlerszene gehabt. Eine völlig andere Welt, was Moral angeht. Die hat mich sehr geprägt. Durch das Internat lernt man ein Doppelleben, man erfüllt die Internatsordnung und tut das, was man wirklich tun will, heimlich. Wir waren auch viel in der Linzer Altstadt, in der Beislszene und im Prostituiertenmilieu unterwegs. Ich musste dort zu dem stehen, was ich lebte. Ich musste dazu stehen, dass ich Theologie studierte und eventuell Pfarrer werden würde. Das hat mich sehr viel gekostet, aber ich verdanke diesen Künstlern und Galeriebesitzern sehr viel. Das sag ich jetzt im Nachhinein: Von ihnen habe ich viel gelernt.

Würden Sie sich wieder für diese(n) Beruf(ung) entscheiden?
Ja. Der Kirche verdanke ich viel. Neben all meiner Kritik hat sie mich immer bezahlt. Daher hab ich meine Existenz gehabt, und im Grunde hat sie mir auch immer meine Freiheit gelassen.
Sie sind ein kritischer und redegewandter Geist. Wurde Ihre Offenheit von Journalisten schon einmal missbraucht?
Wenn ein zweiseitiges Interview in der Zeitung steht, wo ich immer wieder so zitiert werde, wie ich das nie gesagt haben kann, fühle ich mich schon missbraucht. Ich trage aber niemandem was nach. Ich möchte jedem mit Wohlwollen begegnen.
Das mit der ÖVP hat mich wirklich verletzt und geärgert. Ich weiß nicht, ob die ÖVP-Politiker an der Basis mir je wieder in die Augen schauen können. Das schönste Kompliment hab ich eh von einem Journalisten bekommen: Jetzt haben wir Sie schon so oft interviewt und können Ihnen keine einzige Lüge nachweisen. Sage ich darauf: Weil Sie auch keine finden werden. Ich habe euch nie alles gesagt. Man muss ja nicht alles sagen. Aber ich lüge nicht. Wie heißt es so schön bei Wilhelm Busch: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.


Wie sehen Sie den Ausgang der letzten Nationalratswahl?
Das Ergebnis war durch das Nichtagieren von ÖVP und SPÖ zu erwarten. Wer so Politik betreibt, muss einfach einen Protest erleben.

Fekter ist Schotter und Beton


Welches Potenzial sehen Sie in Werner Faymann?
Da kann ich nur wenig sagen. Der muss noch Farbe bekommen. Doch habe ich ein konkretes Erlebnis, er hat uns mit Handschlag versichert, dass er die Geschichte mit Arigona lösen wird. Wir werden sehen, was sein Handschlag bedeutet.
Welche Regierungskoalition wünschen Sie sich?
Ist nicht möglich. Ich hätte mir Rot-Grün oder Schwarz-Grün gewünscht.

Was sagen Sie zu Van der Bellens Rücktritt?
Finde ich gut, weil er den nötigen Schwung nicht mehr mitgebracht hat. Er ist ein ausgezeichneter Politiker, kann aber nicht mehr mobilisieren, und schon gar nicht unter den Jungen.
Wie finden Sie Innenministerin Maria Fekter?
Schlimm. Ich kenne sie aus Attnang, da sie hier wohnt. Die ist für mich überhaupt keine Perspektive. Die ist Beton, Schotter, aus dem Bereich kommt sie ja auch. Sie hat sich hergegeben in dieser Übergangszeit, die Rechts-Außen zu spielen.

Ihre Meinung zu Jörg Haider?
War für mich schlimm. Ich bin weit weg davon, irgendeine Kultfigur aus ihm zu machen. Seine Aussagen, wie er mit Menschen umgegangen ist. Menschen verachtend, Menschen verletzend, einfach schlimm.
Apropos Umgang mit Menschen. Möchten Sie was zur Causa Arigona sagen?
Die ÖVP hat mich angesprochen: Ich solle im Fall Arigona vermitteln, genauer gesagt, es war Fleischmann, der Pressesprecher von Wilhelm Molterer. Innenminister Platter ist einmal da gesessen, mit dem Molterer habe ich telefoniert, auch der Landeshauptmann stattete mir einen Besuch ab. Und im Standard-Interview behaupteten genau diese Politiker, sie hätten nie einen Kontakt mit mir gehabt. Das muss man sich mal vorstellen! Die stellen mich in ganz Österreich als Lügner hin! Herr Fleischmann hat inzwischen zugegeben, dass er dreimal mit mir telefoniert hat. Aber was hilft das schon.

Was halten Sie vom Wahlsieg Barack Obamas?
Toll, dass das möglich geworden ist. Über Obama kann ich zu wenig sagen, aber dass ein Schwarzamerikaner, also jemand aus einer Minderheit, die 13 % ausmacht, als Präsident gewählt wird, halt ich für fantastisch. Bei uns in Österreich wäre dies nie möglich. Der geistige Horizont ist so klein wie das Land selbst.

Wie geht es Ihnen mit der Bezeichnung Migranten oder Menschen mit so genanntem Migrationshintergrund?
Ja, schlecht. Diese Wörter gebrauche ich nicht. Denn die Sprache macht die Wirklichkeit. Für mich ist auch sehr problematisch, dass man das immer so betont. Ich sag ja auch nicht Österreicher mit burgenländischem Hintergrund.

In welchen Fällen spricht man von Migranten?
Die meisten Zuwanderer zurzeit sind Deutsche. Da spricht man nicht davon. Sehr häufig wird das Wort beleidigend, verletzend verwendet. Für mich genügt, dass das Menschen sind. Jeder hat seine Würde und ein Recht auf seine Herkunft. Klar können wir nicht sagen, alle können uneingeschränkt einwandern. Das will man auch gar nicht. Aber man muss auch immer schauen, wo Menschen verletzt werden. Es rennt ja keiner so leicht davon aus dem Heimatland.
In der Kirche ist Homosexualität verpönt. Haben Sie vielleicht auch Probleme mit Schwulen und Lesben?
Wenn Menschen so orientiert sind, dann sollen sie diese Homosexualität leben können. Allerdings nur unter Erwachsenen. Ich möchte nicht, dass die Grenze auf Zwölfjährige heruntergesetzt wird.
Sind Sie gegen Abtreibung?
Das ist für mich ein Schmerzproblem. Es gilt niemanden zu verurteilen. Aber wir müssen noch mehr für das Leben und die Lebensmöglichkeiten tun. Ich war mit sehr vielen Frauen im Gespräch, die abgetrieben haben, und weiß, unter welchem Druck dies passierte. Ich möchte gesamtmenschlich gesehen eine lebensfreundlichere Gesellschaft. Viele Frauen bewältigen den Eingriff nicht, leiden auch nach 10 Jahren noch darunter, um die kümmert sich dann niemand mehr. Da gilt nur mit Wohlwollen helfen, nicht urteilen.

Die katholische Kirche tritt entschieden gegen die Pille auf. Unterstützen Sie diese Position?
Für mich ist immer klar, dass es eine Geburtenregelung geben muss. Aber in welcher Form ist die Frage. Abtreibung ist für mich sicher keine Regelung. Im Grunde müssen die Methode die beiden Partner wählen am Besten ohne Druck. Je mehr Offenheit, desto besser. Man muss darüber reden können. Es darf in einem so reichen Staat wie Österreich, dem viertreichsten EU-Land, nicht sein, dass jemand aus finanzieller Not abtreiben muss.

Es ist mein Weltbild, nichts mehr absolut zu setzen


Wie würden Sie sich beschreiben?
Ich will mich nicht einteilen lassen. Konservativ, progressiv, alle diese Wörter sind eine Art Pickerl. Das hindert uns ja am Leben. Aber ich habe alle Anteile in mir. Ich denke sehr systemisch. Es ist mein Weltbild, nichts mehr absolut zu setzen, alles offen zu lassen. Das Leben kann man nur rückwärts verstehen und vorwärts muss man es leben. Das Jahr 1984 hat mich sehr geprägt. Da war ich in Amerika bei Paul Watzlawick und habe eine Familientherapieausbildung auf systemischen Ansatz gemacht. Seither kann ich mit einer Enge nichts mehr anfangen. Ich fühle mich als Ungenacher, aber genauso als Europäer. Für mich war es immer wichtig, Weltbürger zu sein, d. h. ich fahre jedes Jahr in ein anders Land, um es kennen zu lernen.
Wie sieht Ihr Alltag aus Herr Pfarrer?
Ich steh um halb sieben auf, halte dann Frühgottesdienst, nachher genieße ich das Frühstück meine wichtigste Mahlzeit. Um ungefähr 9 Uhr fange ich zu arbeiten an, oft habe ich viele Gespräche mit Menschen. Nach der Mittagspause arbeite ich wieder weiter. Ich muss mich sehr viel vorbereiten, weil ich sehr genau bin, vor allem aber immer innerlich. Ich weiß, dass ich über das Unbewusste sehr viel aussende.

Angenommen Sie hätten drei Wünsche frei. Welche wären das?
Erstens, dass die Sache mit der Familie Zogaj endlich menschlich gelöst wird, dass sie leben und arbeiten können; also eine Familienzusammenführung in Österreich. Dass die schwerkranke Mutter nicht sterben muss. Dann ein frommer Wunsch, weil wir wieder auf Weihnachten zugehen. Dass die einfachen Menschen, die kleinen, fremden, heimatsuchenden und notleidenden nicht übersehen werden. Die, die man nirgends sieht, weil sie ja nicht leuchten. In die Richtung hab ich schon so viel Geld investiert. Dankenswerterweise habe ich so viele Unterstützer. Keinen Cent habe ich von der Pfarre oder Kirche offiziell erhalten, sondern nur von privaten Spendern. Ich hab auch nie gebettelt. Ich wende mich nicht an den Kardinal oder den Bischof, das mache ich nicht. Ich bin zu stolz. Auch um bei dem Sozialfonds anzusuchen.
Was sagen Sie zum Turbokapitalismus?
Die momentane Entwicklung am Geldmarkt zeigt, was für ein Luftballon aufgeblasen wurde, der nun geplatzt ist. Dieser Kapitalismus, der keine Grenzen hat und keine Kontrolle, ist eine Katastrophe.

Aktien haben Sie keine?
Nein. Ich hab damals in den 70er Jahren von Roger Schutz, dem Begründer der ökumenischen Gemeinschaft in Taizé ein Heiliger für mich übernommen, kein Geld anzusparen. Seine Ordensgemeinschaft hat zum Prinzip, kein Vermögen zu haben. Ich habe mir zum Grundsatz gemacht, zu Ostern alles, was ich habe, herzugeben. Lediglich ein paar Tausender besitze ich, falls mit mir was wäre, damit das Begräbnis bezahlt wird. Denn direkte Angehörige habe ich ja keine.

Eine letzte Frage. Es ist bekannt, dass Sie mit einer Frau zusammen leben. Wie beurteilen Sie das Eheverbot in der Katholischen Kirche?
Ich halte es für schlecht. Es sollte beides geben. Denn falls zum Beispiel jemand ein zölibatäres Leben wählt, dann wird ihm die Entscheidung viel eher geglaubt. Nämlich weil er die Wahl hat. So wie es jetzt ist, verliert immer beides. Wenn es freiwillig ist, dann wird es einem geglaubt. So sehe ich es.
Suzan Aytekin-Alavi / 19.12.2008