Schmutz & Schund bis zum Endsieg

Wie die Wienbibliothek zu ihrer Ersten-Weltkriegs-Sammlung kam

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Der christlich-soziale Wiener Bürgermeister Weiskirchner, in vielerlei Hinsicht ein Kotzbrocken, hat dank seiner Kriegsbegeisterung ungewollt einen Schatz hinterlassen, von dem andere Städte nur träumen können. Gerhard Murauer, Mitarbeiter der Wienbibliothek, erzählt im aktuellen AUGUSTIN, wie es zur Ersten-Weltkriegs-Sammlung im Rathaus kam und wie der Krieg die Wienbiblioithek in seine Mängel nahm.

Foto: Wienbibliothek
Gerhard Murauer / 14.04.2014

Der Kriegsbeginn machte sich bemerkbar in der Bibliothek: Die Beamten werden mitten im Sommer telegrafisch aus den Urlaubsorten heimgerufen, Teile des Personals waren von den Einrückungen betroffen, weshalb der reguläre Betrieb nur mit großen Mühen aufrechterhalten werden konnte. Neues Personal als Ersatz war dagegen überhaupt nicht zu bekommen.

Vor dieser angespannten Personalsituation waren mit Kriegsbeginn neue Aufgaben auf die Städtischen Sammlungen (In dieser Doppelinstitution waren Bibliothek und Museum bis 1939 zusammengekoppelt) zugekommen. Bürgermeister Weiskirchner, ein begeisterter Patriot und Befürworter des Krieges, beauftragte den damaligen Direktor der Städtischen Sammlungen, Eugen Probst, mit umfassenden Sammlungs- und Dokumentationsaufgaben: Es sollte eine Kriegssammlung der Stadt Wien aufgebaut werden, in welcher alle Dokumente, Quellen und Objekte zur Geschichte des Kriegs in der Stadt Wien enthalten waren, deren man habhaft werden konnte. Dabei sollte die Geschichte der Stadtverwaltung ebenso dokumentiert werden wie das alltägliche Treiben der Bevölkerung. Mit der zunehmenden Verelendung Wiens und dem fortgehenden urbanen Verfall wurde diese Kriegssammlung nolens volens eher eine Dokumentation des Niedergangs denn eine Geschichte ruhmreicher Tage.

Ganz besonders wichtig waren Zeitungen, besonders jene, die man wegen der Zensur nicht einfach in Wien kaufen konnte. Die Bibliothek sammelte zu allen Bereichen der Politik, Wirtschaft, des Militärs der Kultur usf. Zeitungsausschnitte. Während des gesamten Krieges wurden insgesamt 116.000 Zeitungsausschnitte zusammengetragen, die heute mehr als 600 Bände füllen.

Derart eingedeckt mit Zusatzaufgaben versuchte Probst nun mehr mit den Militärbehörden in Verhandlungen zu treten: Es werde dringend gebeten, von weiteren Personaleinberufungen abzusehen und darüber hinaus noch zusätzliches Personal für die Bibliothek von Kriegsdienst zu befreien. Andernfalls sei es nicht möglich, die Geschichte der Stadt Wien jener großen Zeit zu schreiben, da niemand da ist, der die Quellen sammelt, die Kriegssammlung betreut. Mit fleißiger Schützenhilfe Weiskirchners setzte die Bibliothek diese Dokumentationspflicht nun als Universalargument bei allen Personalangelegenheiten sowie beim Kampf um Amtsräume und Büromaterial ein, welches kriegsbedingt auch immer rarer wurde, ein. Die Sache klappt jedoch nicht so gut, man kann lediglich pensionierte Bedienstete, die schon zu alt für den Militärdienst sind, zurückrufen.

Infrastruktur war überhaupt ein Problem in jenen Tagen: Das Museum war während des Krieges bis 1917 geschlossen, da die Räume im Rathaus für kriegswichtige Behörden gebraucht wurden, auch die Bibliothek war von Ressourcenmangel betroffen: Während des Krieges musste eine Wintersperre des Lesesaales im Rathaus ebenso wie der Räumlichkeiten in der Städtischen Volksbibliothek Villa Wertheimstein erlassen werden, da es kein Heizmaterial mehr gab. Die Büroräume waren ebenfalls kaum bis sehr dürftig geheizt, sodass sich Beschwerden der Beamten und Krankenstände zu häufen begannen. Es war nicht nur kalt, es war vor allem auch finster. Da Leuchtgas nur eingeschränkt zur Verfügung stand, musste man die Arbeitszeit auf die Dauer des natürlichen Tageslichts beschränken.

Das neue Grundgeräusch der Stadt

Vor dem Krieg hatten die Beamten in der Regel eine lange Mittagspause, in der viele Wiener zum Essen nach Hause fuhren. Durch den eingeschränkten Betrieb der Straßenbahnen, die nur eine Art Notbetrieb aufrecht erhalten konnten, sowie durch die Tatsache, dass wegen Gasmangels und fehlender Lebensmittel in den Privathaushalten kaum mehr Speisen zubereitet werden konnten, waren die Bediensteten des Rathauses gezwungen, sich in der Kriegsküche, die im neu erbauten Amtshaus (Felderstraße gegenüber dem Rathaus), eingerichtet worden war, zu versorgen. Um dorthin rasch und zentral zu gelangen, benutzten sie den eigens dafür eingerichteten Paternoster.

Auch sonst hatten es die Bibliotheksbediensteten nicht leicht: Im Laufe des Krieges wurden die Anzüge und Hosen abgetragen, vollwertiger Ersatz war kriegsbedingt nicht zu haben, dagegen experimentierte man in Wien mit dem Papieranzug. Besonders im Argen lag die Versorgung mit Schuhen. Da es weder Sohlen- noch Oberleder gab, wurden die vorhandenen Schuhe getragen, bis sie nicht mehr repariert oder geflickt werden konnten. Als Ersatz für gutes Schuhwerk dienten Kriegsschuhe: Es waren dies sandalenartige Schuhe aus Presskarton, Pappe, Jute mit hölzernen Sohlen. Solche Kriegsschuhe wurden auch an die Bibliotheksmitarbeiter und ihre Angehörigen im Raum der heutigen Stadtinfo ausgegeben. Die Holzsohlen riefen in den Amtsstuben und auf den hallenden Fluren des Rathauses ein beständiges Klappern hervor, welches zum Grundgeräusch der ganzen Stadt geworden war.

Ein freudiger Moment für die Beamten war, als man ihnen für die gefürchteten Wintermonate eine kleine Heizpauschale in Form eines Beutels mit heißest begehrter Kohle überreichte, da viele ihre Wohnungen selbst Dezember, Jänner, Februar kaum oder gar nicht beheizen konnten.

Das Rathaus insgesamt und somit auch die Räume der Bibliothek waren nicht gefeit vor militärischer Inanspruchnahme und Beschlagnahmung kriegswichtiger Güter. Die Heeresverwaltung hatte es beispielsweise auf die Messingbeschläge an Fenstern und Türen im Rathaus abgesehen. Bürgermeister Weiskirchner hatte allem sonstigen Opfermut zum Trotz Einwendungen vorgebracht und konnte die Beschlagnahmung des Messings und die Montage von Ersatzgriffen aus Holz abwehren.

Viel Ärger machten auch die Leser der Bibliothek. So war peinlich darauf zu achten, dass ein vom Kriegsminister herausgebrachter Erlass betreffend die Abwehr von Spionen umgesetzt werde: In der Bibliothek durften keine Landkarten, insbesondere keine Stadtpläne, fotographiert oder auch nur abgezeichnet werden, «verdächtige Elemente» waren unter Zuhilfenahme der während des Krieges übrigens mit Pistolen bewaffneten Rathauswache den Sicherheitsorganen der Polizei zu übergeben. Bedienstete, die sich außerhalb der Kernarbeitszeit im Büro aufhalten wollten, mussten einen Aufenthaltsschein lösen, welcher bei den nächtlichen Patrouillen der Rathauswache vorzuweisen war. Der Entlehnbetrieb, der in der städtischen Volksbibliothek (Villa Wertheimstein) abgewickelt wurde, war arg ins Stocken geraten. Die Leihnehmer waren eingerückt, ohne die Bücher zurückzustellen oder hatten diese gleich ins Feld mitgenommen. Klagen über unbezahlte Mahngebühren und verschollene Bücher häuften sich.

Germanisiert die Shuttleworthgasse!

Die Bibliothek war in Zusammenhang mit Verkehrsflächenbenennungen für die Erstattung historischer Fachgutachten zuständig, die Benennungsvorschläge des Gemeinderates wurden genau auf Tunlichkeit und historische Relevanz geprüft. Der patriotische Taumel, der Wien im Laufe des August 1914 erfasst hatte, rief die Sprachreinigungsbewegung auf den Plan: Beschwerden über das Vorhandensein einer Cobdenstraße, einer Darwingasse, einer Stephensongasse wurden laut, man erhitzte sich wegen der Wattgasse, der Fultongasse, der Shuttleworthgasse, der Bellegardegasse und der Hameaustraße. Alles Englische und Französische sollte weg, der russische Gallitzinberg inklusive. Die Bibliotheksbeamten hatten Mühe, sich des Empörungsansturmes zu erwehren und Gutachten über die Bedeutung der fraglichen Straßennamen zu erstellen. Auch so mancher patriotischer Irrtum wurde aufgeklärt: Die Parisergasse konnte gerettet werden, weil sich die Historiker der Bibliothek des alten Hausschildes «Urteil des P?ris» entsannen, welches sich dort einst an einem Gebäude befunden hatte.

Bibliotheksdirektor Eugen Probst hatte viel mit der Polizei und den Gerichten zu tun: dienstlich. Er erbat von Gerichten und der Polizei für seine Kriegssammlung «Schmutz- und Schundschriften», verpönte und folglich beschlagnahmte Jugendschriften, die in einer Großfeuerungsanlage hätten vernichtet werden sollen. Da diese Schriften für eine wissenschaftliche Sammlung, die in Teilen während des Krieges überhaupt nicht frei zugänglich war, benötigt wurden, durfte Probst mit dem Segen des Wiener Polizeipräsidenten Gorup-Besanez zahlreiche Objekte für seine Kriegssammlung einpacken.

Auch die Begutachtung der zahlreichen Wienerlieder, welche jetzt verfasst und mit großer Leidenschaft dem Bürgermeister gewidmet wurden, erfolgte in der Bibliothek: Die Musikexperten der Bibliothek rieten dem Bürgermeister dringend ab, sich mit folgendem Wienerlied von Karl Weinstabl und Rudolf Schenk huldigen zu lassen:

«[...] `S blickt der alte Steffl jetzt /

Auf die Donaustadt /
Die in diesen Zeiten hier /
Mut bewiesen hat /
Und der Mann am Rathaus drob'n /
Ist net mehr allein /
Stolz in Eisen steht ein Mann /
Tuat sein Spezi sein /
Wann's dann abends finster wird /
Und der Mond aufgeht /
Singen herzig dann die zwei /
Süass a liab's Duett [...]»

Gerhard Murauer / 14.04.2014